Das neue Zentrum des Ziachn-Baus

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Begnadeter Volksmusiker und Instrumentenbauer: 
Quirin Kaiser ist der „Ziach-Kaiser“.

Ein paar Vögel stieben auf, als Quirin Kaiser einen lustigen Landler intoniert, mitten hinein in die nachmittägliche Ruhe, die rund um seine Werkstatt in Niclasreuth ganz im Süden des Ebersberger Landkreises eben noch herrschte. Die fröhliche Melodie tanzt im Dreiviertel-Takt über die Stoppelfelder davon, während Quirins Finger über die Rosenholzknöpfe des Instruments hüpfen. Was er da, auf dem linken Oberschenkel balancierend, spielt, trägt viele Namen: Steirische, Ziehharmonika,  Knöpferlharmonika, Quetschn– oder im hiesigen Dialekt eben Ziach. Es handelt sich sozusagen um die diatonische Schwester des Akkordeons. Diatonisch beziehungsweise wechseltönig meint, dass bei Druck oder Zug jeweils unterschiedliche Töne erklingen. Und zwar, wie der Musikus erklärt, bei Druck Töne der Tonikaharmonie, bei Zug Töne der Dominantharmonie. Die bis zu 50 Knopfreihen der Diskant-, also der Meldodieseite einer Ziach, werden mit der rechten Hand, die Bassund Begleitakkordknöpfe auf der  anderen Seite mit der linken Hand bedient. So eine Ziach, die ersetzt ja zur Not ein kleines Orchester. Für ausreichend „Puste“ sorgt der mittig liegende Balg. So weit, so gut, so theoretisch. Unser Besuch bei Quirin Kaiser soll aber der Praxis gelten. Nicht der musikalischen, obwohl der gebürtige Bad Aiblinger in Gruppen wie der „Biergriagl Musi“, der Riedwinkl Musi“, der „Kerschbam Zithermusi“ oder den „Weiß‘ngroana  Musikanten“ einen begnadeten Ziachspieler abgibt. Uns geht´s ums Handwerk!

Vor gut vier Jahren hat sich der 26-Jährige selbständig gemacht. Seither spielt er eines der prägnantesten  Instrumente der alpenländischen Volksmusik nicht mehr nur, sondern fertigt es auch an – eigenhändig. Zugegeben, genau genommen baute er schon nach der Schreinerlehre Harmoniken, jedoch in einem großen Unternehmen, als einer von vielen Angestellten und nicht als sein eigener Herr. Dabei liegt genau das der Familie – neben dem Musizieren – im Blut. Immerhin besteht die Schreinerei  Kaiser bereits seit fünf Generationen! Bis ins Jahr 1891 geht die Geschichte des Traditionsbetriebs zurück. Während der Vater nach  wie vor klassische Tischlerarbeiten  durchführt, verließ der Junior recht bald jenen großen österreichischen Ziehharmonikahersteller.  Dessen Massenanfertigung war Quirins Ding nicht, lediglich am Gehäusebau beteiligt zu sein, empfand er als zu unbefriedigend. Schließlich schwirren dem Tüftler ständig Ideen im Kopf herum, wie man so eine Ziach technisch und optisch weiterentwickeln könnte. „Ich wollte besondere Instrumente bauen. Instrumente, die gut in der Hand liegen, und die sowohl saugut klingen als auch saugut ausschauen“, sagt Quirin.

Und „besonders“ ist so eine Harmonika vom Ziach-Kaiser ganz ohne Zweifel! Das Unternehmensoberhaupt   und sein zehnköpfiges Gefolge bauen Einzelstücke, die sie ganz genau an Kundenwünsche  anpassen. Das beginnt schon beim Holz. Furnier fasst der Hofstaat gar nicht erst an. Lieber nehmen sie Apfel, Ahorn, Kirsche, Zwetschke oder Nuss, um ein möglichst hochwertiges  Gehäuse herzustellen. Wer es noch edler oder gar exotisch mag, bekommt auch amerikanische  Cocobolo, Ebenholz, Olive, Palisander oder Zirikote. Die Krönung liegt im Detail: Echte Liebhaber  erkennen eine Kaiser-Ziach allein an den eingefrästen, abgerundeten Holzecken, die sich so glatt und fein anfühlen, als wären Grundfläche und Ecke ein einzelnes Werkstück. Auf den Klang habe die Wahl des Holzes keinen Einfluss, lässt uns der Meister wissen. Noch bewegenwir uns im Reich der Ästhetik. Ein Reich, das wir noch lange nicht durchschritten haben. Schweift der Blick über die Regale im neuen Ausstellungsraum, fallen originelle Feinheiten an den Instrumenten auf. Auf der einen Ziach glänzt ein altsilbernes Verdeck, eine andere schmückt ein Holzverdeck mit filigranen Ornamenten; Rosenholz-, Grenadill- oder Hirschhornknöpfe tummeln sich auf den Gehäusen; in die Balg-Rahmen zaubert ein befreundeter Holzbildhauer verspielte Schnitzereien oder Intarsien; selbst den Balg stattet Quirin liebevoll aus: mit Dirndlstoffen, die in allen erdenklichen Farben leuchten!

Aus rund 2.800 Einzelteilen bestehe eine Ziach, erzählt Quirin beim Rundgang durch seine Werkstatt, in die – bei aller Verpflichtung zu altbewährter Handarbeit – inzwischen auch ein Laser und eine CNC-Fräse eingezogen sind. Schneiden, sägen, schnitzen, fräsen – im Erdgeschoß nehmen die Instrumente Gestalt an. Oben, in der „Entwicklungsabteilung“ erhalten sie ihr Innenleben: die Mechanik. Hier darf sich Quirins Erfindergeist so richtg austoben. Eine eigene Bassmechanik hat er schon entwickelt. Anders als die meisten Hersteller baut er die Doppelhelikon-Bässe liegend ins Gehäuse. Weil sie sich so auf einer Ebene befinden, öffnen sich alle Klappen in eine Richtung und erzeugen einen besonders gleichmäßigen Ton. In Sachen Diskantmechanik  existieren mehrere  gängige Systeme. Doch auch da glaubt Quirin, eine Verbesserung in petto zu haben. Neben der klanglichen Verbesserung liegt dem Ziach-Kaiser vor allem die Qualität am Herzen. Er sagt sich: alles, was man vor Ort macht, hat man auch unter Kontrolle. Also löten und schleifen und richten der Tausendsassa und seine Stimm-Meister sogar die Stimmzungen selbst aus. Nur wenn der Luftzug die über 400 dünnen Metallzünglein reibungslos in Schwingung versetzen kann, spielt sich die Ziach später leicht, klingt aber satt und voll. Fünf Tage sitzen die Stimmer im stillen Kämmerlein, um jeder einzelnen Zunge die richtige Frequenz zuzuordnen. Eine unfassbare Millimeterarbeit!

Um den Ton höher zu machen, muss man an der Zungenspitze ein wenig Material abschleifen. Das lässt die Zunge schneller schwingen. Soll der Ton tiefer klingen, gilt es, an der Wurzel zu schleifen. Dadurch wird die Zunge träge und langsamer. Neben einer ruhigen Hand bedarf es für diese Arbeit vor allem, wie Quirin es ausdückt, erfahrener Ohrwaschl. Ganz bewusst setzt er nicht auf den Computer. Sicher, den einzelnen Ton treffe so ein Gerät perfekt. Der Computer wisse aber nicht, wie die Ziach später zum Einsatz komme. Welche Stimmung soll das Instrument verbreiten? Da gehe es um Charakter! Der selbe Ton muss im Rahmen einer Tanzmusik anders klingen als zur Begleitung von Bläsern; in Kombination mit einer Zither anders als zu Saitenmusik oder gar solo. Ist halt ein immenser Vorteil, selbst ein virtuoser Ziachspieler zu sein. Auf geht´s Quirin, scheuch uns zum Abschied nochmal ein paar Piepmätze auf!

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