Das Land der Lemuren

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Auf Madagaskar schütteln sich Armut und Frohsinn der Bevölkerung die Hände. Ein bayerisches Unternehmen produziert dort und investiert in Bildung.

Nach über zehn Stunden Flug steigt Andreas Jacob Ende November aus der Maschine, um zum ersten Mal in seinem Leben den Boden Madagaskars zu betreten. Der zweitgrößte Inselstaat der Welt liegt vor der Ostküste Mosambiks im Indischen Ozean und ist ein bitterarmes Land, das nur in einem hochkomischen Trickfilm von sprechenden Pinguinen heimgesucht wird. In Wirklichkeit tummelt sich ein anderes Tiervölkchen auf dem Eiland – und zwar ausnahmslos dort: die Lemuren, eine genauso putzige wie vielfältige Gruppe der Feuchtnasenaffen. Sie teilen sich ihren kargen Lebensraum mit rund 20 Millionen Madagassen.

Warum verschlug es unseren himmeblau-Fotografen in dieses ferne Entwicklungsland? Um zu fotografieren, klar. Jedoch nicht in erster Linie für unser „Heimatmagazin“. Obwohl die Heimat auf seinen Bildern durchaus eine Rolle spielt. Andreas Jacob wandelte auf den Spuren eines heimischen Unternehmens. „SLT“ sitzt seit 1987 in Aschau im Chiemgau und gründete 2010 die Mode-Marke „Lieblingsstück“. Ziel des Labels: Die Schönheit einer Frau durch liebevolle Kleidung zu unterstreichen – mit weichen, kuscheligen Stoffen, die jede Trägerin sanft umhüllen soll wie ein Wohlfühlkokon. Kaschmir und Wolle kommen beispielsweise zum Einsatz. Und die Strickproduktion findet eben auf Madagaskar statt, unter anderem seines stoff-freundlichen Klimas wegen. Wie aber sehen die Arbeitsbedingungen dort unten aus? Die Aschauer gehen ganz offen damit um. Also schickten sie Puria Ravahi von den beech Studios (ein famoses Rosenheimer Filmteam) zusammen mit unserem Haus- und Hof-Fotografen kurzerhand los, um in Bild, Bewegtbild und Ton festzuhalten, wie man auch als mitteleuropäisches Unternehmen verantwortungsvoll in Afrika arbeiten (lassen) kann.

Zuerst stach unserem „Knipser“ aber die Schönheit des Landes ins Auge. „Wir ratterten kreuz und quer über Bergstraßen und Schotterpisten mit Schlaglöchern, so groß wie ein Auto“, erinnert sich Andreas Jacob. Was die Truppe dabei zu sehen bekam, waren tropische Bergwälder, über die nach Regenfällen gigantische Nebelfelder zogen, üppige Mangroven-Haine, aber auch stumpfe Savannen oder Geisterdörfer mit zerfallenen Holzvillen aus der Zeit französischer Kolonialherren. Noch spannender, erzählt Andreas Jacob, sei der Kontakt zu den Menschen gewesen, die – aller Armut zum Trotz – eine ansteckende Fröhlichkeit an den Tag legen; das Beste aus den Umständen machen. Wer sich kein Auto leisten kann, karrt seine Waren halt auf einer zusammengezimmerten Seifenkiste zum Markt.

Nach der Erkundung von Land und Leuten hieß es dann: ab in die Fabrik! Die befindet sich in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo, wo die bayerischen Besucher eine Arbeiterin namens Smirna während ihres Tagwerks begleiten durften. „Faire Produktionsbedingungen bilden den Schlüssel zu hochwertiger Qualität“, betonen die Lieblingsstücke. Dementsprechend haben sie sich (und den Produktionsstätten) ein paar Regeln auferlegt, die für eine respektvolle Partnerschaft sorgen. So sind Kinderarbeit oder gesundheitsschädigende Tätigkeiten verboten, es bestehen angemessene Arbeitszeiten und die Entlohnung ist mehr als fair, um nur ein paar Aspekte zu nennen. Smirna kann ihre gesamte Familie mit ihrer Tätigkeit ernähren, habe sie voller Stolz erzählt. Und dass der Job allen Spaß mache, habe das ununterbrochen durch die Halle gluckernde Kichern bewiesen, ist Andreas Jacob überzeugt.

Nach der Arbeit nochmal ein wenig Vergnügen. Zwar gehörte der Besuch der Organisation „Madalief“ zum offiziellen Auftrag – schließlich unterstützt das Aschauer Modelabel mit einem Teil des Verkaufserlöses deren Projekte – doch der Tag in einer von diesen Geldern im Inselinneren gebauten Schule sei einfach nur ein emotional unheimlich bewegender Moment gewesen, erinnert sich Andreas Jacob. Wie er aus dem Munde mehrerer vor Freude ununterbrochen lachender und quasselnder Mädchen erfuhr, konnte mithilfe der Lieblingsstück-Gelder nicht nur die Schule errichtet werden. Die Aschauer bezahlen außerdem das Schulgeld. Vom Wissensdurst und der unbändigen Lust am Lernen jedenfalls könnte sich manches Kind hierzulande ein Scheibchen abschneiden. Wie sie da brav die Köpfchen zusammenstecken bei einer Gruppenarbeit, und die Schüler geradezu danach dürsten, ihr Wissen an der Tafel preis zu geben, da lacht das Lehrerherz.

Leidenschaftliche Filmer und Fotografen treten natürlich nicht gleich wieder die Heimreise an, ohne jede freie Minute zum Sightseeing zu nutzen. Im Nationalpark „Ranomafana (zu deutsch: bei den heißen Quellen) im Südosten von Madagaskar, nahe der Hochlandstadt Fianarantsoa, lebt nicht nur der mit wenigen Zentimetern kleinste bekannte Primat (der Lemur Microcebus murinus), in dem Gebiet sprudeln auch einige Thermalquellen, die rege zur Entspannung genutzt werden.

Einen spannenden Kontrast zur Flora und Fauna jenes tropischen, auf 1.000 Meter liegenden Nationalparks, bildete dann der neuerliche Aufenthalt in „Tana“, wie die Einheimischen ihre Haupstadt nennen. Sie ist die einzige Millionenstadt und wirtschaftliches und politisches Zentrum Madagaskars. Von hier führen die Wege und Straßen wie vom Zentrum eines Spinnennetzes aus in alle Windrichtungen der Insel. Obwohl es als nicht unbedingt sehr sicher gilt, lassen die „beechler“ und Andreas Jacob das Straßenleben auf sich wirken. „Wir sind nur auf freundliche und aufgeschlossene Menschen gestoßen, auch in den wirklich armen Vierteln“, betont Andreas Jacob. Und seine Bilder des zwar dreckigen und lauten, aber doch blühenden und lachenden Lebens sprechen für sich. Als der Rückflug ansteht, erinnert sich unser Fotograf, verspürte er durchaus Wehmut. Es wird dauern, die Eindrücke zu verarbeiten. Wie schön, dass wir sie teilen dürfen!

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