Das Ende des ewigen Eises

Christian Topel

Fotos: Michael Gutsche, Stefan Hendricks, Nixon Lianna

Im Oktober kehrte die Polarstern aus der Arktis zurück. Der Eisbrecher war Teil der MOSAiC-Expedition, der größten Forschungsreise der Menschheitsgeschichte. Mit an Bord: Laura Christina Schmidt aus Miesbach.

Als das Forschungsschiff Polarstern am Abend des 10. August 2019 von seinem Heimatdock Bremerhaven ausläuft, beginnt die größte Arktis-Expedition in der Geschichte der Menschheit: die MOSAiC-Expedition (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate). Unter der Federführung des deutschen Alfred-Wegener-Instituts (AWI) haben sich Wissenschaftler*innen und Organisationen aus zwanzig Nationen zehn Jahre lang darauf vorbereitet, ins Epizentrum der Klimakatastrophe vorzustoßen. Ziel ihrer Mission: zwölf Monate am Stück sämtliche Bereiche des arktischen Ökosystems zu erforschen – von der Atmosphäre über Meeresoberfläche und Eis bis hinunter in die Tiefsee.

Zuhause in Miesbach sitzt Laura Christina Schmidt zu diesem Zeitpunkt mit Herzklopfen vor ihrem Laptop und verfolgt, wie der Eisbrecher in See sticht. Im kommenden Frühjahr soll die Diplom-Geografin selbst Teilnehmerin dieses gigantischen Projekts werden, soll eine von insgesamt rund 600 Wissenschaftler*innen, Crewmitgliedern, Lehrenden und Journalist*innen sein, die in etwa gleich großen Gruppen jeweils für einen von fünf Expeditionsabschnitten (sogenannte LEGs) in die Kälte aufbrechen. Lauras LEG soll der vierte sein. Wenn alles klappt, wird sie als Mitglied des Logistik-Teams ihren Beitrag zum Gelingen der Forschungsreise beitragen. Eine Reise, die Rekorde brechen wird: Nie zuvor verbrachten Forscher einen vollen Jahresverlauf im „ewigen Eis“, nie zuvor blieb ein Schiff auch den Winter über so nah am Nordpol, nie zuvor konnten Forschende so viele Klimadaten in der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Region sammeln. Sie überwinterten in Gefilden, die während der sogenannten Polarnacht, wenn die Sonne wochenlang nicht aufgeht, als nahezu unerreichbar gelten. Festgefroren an einer Eisscholle trotzten sie klirrender Kälte, arktischen Stürmen, einer unwirtlichen Landschaft aus Wasser, Schnee und Eis – sowie dem Ausbruch und den Herausforderungen der Corona-Pandemie. Ein Ereignis, das beinahe das Aus bedeutet hätte für die mit bangen Augen die Entwicklungen verfolgende Miesbacherin. „Als im April ein Aufhebungsvertrag im Briefkasten lag, war ich eigentlich schon raus aus der Nummer“, erinnert sich die 33-Jährige. Nur ein organisatorischer Kraftakt konnte die Fortdauer des gesamten Unterfangens retten.

Die Polarstern war indessen einen guten Monat lang über den Atlantik geschippert. Im norwegischen Tromsø hatte die Crew letzte Vorbereitungen getroffen. Der Eisbrecher wurde mit Tonnen an Vorräten und letzten Ausrüstungsgegenständen sowie Mess-Instrumenten der verschiedenen Forschungsdisziplinen beladen. Dann begab er sich auf die Spuren des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansens, der vor rund 125 Jahren das Phänomen entdeckt und als erster Mensch eine sogenannte Eisdrift durch den Arktischen Ozean unternommen hatte. Ähnlich wie der Pionier ließ sich auch die Polarstern im Eis einfrieren, angedockt an eine meterdicke Scholle aus Eis. „Unsere Heimatscholle“ nennt Laura diesen tiefgefrorenen Hafen, den rundherum abzuschreiten zu Beginn eine gute Stunde dauerte, der jedoch während des Sommers nach und nach dahinschmolz wie ein Eiswürfel im Cocktailglas. Bis sich das eisige Vehikel in seine Bestandteile auflösen sollte, lag eine mehrmonatige Reise über die Polkappe vor den Beteiligten – vollständig den Gewalten der Natur ausgeliefert, auf einer Route und in einer Geschwindigkeit, die allein durch die Drift des Eises bestimmt wurde, das von Wind und Wasser vorangetrieben über den Ozean zieht.

Die erlösende Nachricht erreicht Laura im Mai. Die klugen Köpfe des AWI haben eine Lösung für das Problem mit der Pandemie ausklamüsert. Von einem verdammten Virus lässt sich eine 150 Millionen Euro schwere Expedition die Butter nicht vom Brot nehmen! Also trommeln die Organisatoren die oben in der Arktis schon heiß ersehnte Ablöse in Bremerhaven zusammen, wo über 100 Leute auf COVID-19 getestet werden. Nachdem alle als „sauber“ deklariert sind, werden sie zuerst in Quarantäne und dann auf zwei Schiffe gesteckt, statt sie wie ursprünglich geplant mit Flugzeugen aus allen Ecken der Welt anreisen zu lassen. Als „schwimmende Isolation“ beschreibt Laura das Konzept. Wochenlang wohnt sie in einem winzigen Container. Die „Sonne“ und die „Maria S. Merian“ bringen das zu diesem Zeitpunkt vierte Team nach Norden, wo auf Höhe von Spitzbergen der Austausch über die Decks geht.

Ein wahnsinniger Aufwand, gerechtfertigt durch die Relevanz der gewonnenen Daten. Relevanz nicht nur für die Arktis, sondern für uns alle, wie Prof. Dr. Markus Rex, der Expeditionsleiter und Oberhaupt des MOSAiC-Projekts am Alfred-Wegener-Institut, nach der Rückkehr der Polarstern mit eindringlichen Worten betont: „Wir haben gesehen, wie das Eis der Arktis stirbt.“ Im Sommer, erzählt Rex, seien die seit Jahrtausenden stabilen Eismassen sogar direkt am Nordpol völlig aufgeschmolzen und erodiert gewesen. „Wenn wir die Klimaerwärmung nicht sofort und massiv bekämpfen, wird das arktische Eis im Sommer bald verschwunden sein, mit unabsehbaren Folgen für Wetter und Klima auch bei uns.“

Als Geografin, die sich schon während ihres Studiums auf alpine und polare Regionen spezialisiert hat, kann Laura die Worte nur bestätigen. Sie weiß, dass die Erderwärmung unter anderem dazu führt, dass das arktische Meer im Spätherbst erst viel, viel später zufriert. Deshalb geben die Wassermassen mehr Wärme und Feuchtigkeit in die Atmosphäre ab. Das wiederum stört den sogenannten Jetstream, jenes globale Starkwindband, das für das Wetter in unseren Breitenlagen mitverantwortlich ist. Die in den letzten Jahren zunehmenden, deutlich zu lang anhaltenden Hitzewellen zum Beispiel haben mit der Eisschmelze in der Arktis zu tun. Dramatisch ausgedrückt: Mit dem arktischen Eis stirbt der deutsche Wald. Damit nicht genug: Die eklatante Erderwärmung lässt die Eismassen Grönlands schmelzen – ein nicht unwesentlicher Beitrag zum globalen Anstieg des Meeresspiegels. Ganz zu schweigen von den unvorstellbaren Mengen an Methan, das der tauende Permafrost abgibt – ein gefährlicher Motor für den Treibhauseffekt.

Wissenschaftler*innen auf der ganzen Welt sind sich einig: Wetterextreme wie Hitzewellen, Stürme und Starkregen werden weiter zunehmen, wenn wir nicht radikal umdenken und handeln – und zwar in allen Gesellschaftsbereichen, vom Energiesystem über die Landwirtschaft bis hin zur Mobilität. Doch wenn das alles längst bekannt ist, was versprach sich MOSAiC dann in der Arktis? Es sei gar nicht so sehr darum gegangen, neue Erkenntnisse mit nach Hause zu bringen, erklärt Laura. Wenn Forscher*innen Vorhersagen darüber treffen wollen, wie unsere Welt in naher oder ferner Zukunft infolge der Erderwärmung aussehen könnte, berufen sie sich auf Klimamodelle. Die MOSAiC-Expedition habe in der Arktis einen bis dato einmaligen Datenschatz gesammelt, mit dessen Hilfe man nun das komplexe Klimageschehen und die Zusammenhänge im globalen Klimasystem noch genauer verstehen und entsprechende Modelle präzisieren könne.

Stundenlang das Fernglas vor Augen machte sich Laura auf der Polarstern weniger um die Zukunft der Menschheit Gedanken, als vielmehr um die Gegenwart und dabei die Sicherheit der Forscher*innen. Deren Schritte hatte sie immer im Blick zu behalten, sobald sie tagtäglich hinaus auf die Heimatscholle stapften, um an den dort aufgebauten Mess-Stationen zu arbeiten. Eine der Hauptaufgaben von Lauras „Logistik-Team“: nach Eisbären Ausschau halten. Die Arktis ist das natürliche Habitat der weißen Riesen, und eine Begegnung zwischen Mensch und hungrigem Bär würde tödlich enden. Also guckte Laura über das Eis, unermüdlich und hochkonzentriert, um im Falle des Falles per Funk zum Rückzug blasen zu können. An manchen Tagen ging es auch mit den Wissenschaftler*innen hinaus, die Waffe immer im Anschlag, um nahende Raubtiere mittels Warnschüssen vertreiben zu können. Um die Nase weht ein eisiger Wind, der Blick schweift über die weiße Weite – Montonie pur, obwohl Laura tatsächlich drei, vier Mal die Signalpistole abfeuern muss.

Zermürbender als die Monotonie dieses stundenlangen Starrens sei aber der andauernde Nebel gewesen, erinnert sich die gebürtige Augsburgerin. Während ihrer vier Monate an Bord des Forschungsschiffes habe zwar der Polartag und damit ununterbrochen eine gewisse Helligkeit geherrscht, doch schaffte es die Sonne gerade mal an lächerlichen acht Tagen, sich richtig Bahn zu brechen durch die trübe Suppe aus Verdunstungswasser und Bodennebel. „Ich habe mir irgendwann eine Sonne aus Pappe gebastelt“, erzählt Laura, die sich die Freizeit mit Besuchen im Fitnessraum vertrieb. Das Leben an Bord beschreibt sie „wie in einer Schlumpfstadt“. Morgens „pendeln“ ein paar raus in die Arbeit, wer frei hat, kauft ein, sogar eine „Zillertal-Bar“ habe es gegeben. Laura bevorzugte es, nüchtern zu bleiben. „Auf Bärenwache brauchst du einen klaren Kopf!“

Das Arbeiten in Eis und Kälte war nichts Neues für die begeisterte Bergsteigerin. Schon während des Studiums taucht sie auf Grönland ein in das Leben der Inuit, die das Los so vieler indigener Völker teilen. Die sogenannte Zivilsation hat das Land überrolt wie ein Tsunami, dabei Traditionen, Kultur, uralte Kreisläufe und Tätigkeiten mit sich fortgerissen. Heute leben die Inuit an den Rand gedrängt, ohne Perspektive, ohne Ziel, überfordert von den Anforderungen der Moderne. Seit 2011 begleitet Laura kleine Touristengruppen als Guide durchs östliche Grönland – eine Welt der Gegensätze; eine Welt, zerrissen zwischen Hundeschlitten und Schneemobilen, zwischen Fischerei und Facebook, zwischen Studium in der fernen Hauptstadt und Alkoholismus in einem Ostküstenkaff wie Tiniteqilaaq. Und über allem schwebt das Damoklesschwert der Klimakatastrophe. Ob sie wollen oder nicht: Die Inuit werden sich zwangsläufig verabschieden müssen von der Jagd als Lebensinhalt und -grundlage. Die Jagdgründe schmelzen.

Die direkten Zusammenhänge zwischen einem so abstrakten Begriff wie Klima und dem Alltag von uns Menschen will Laura nach den Monaten mit MOSAiC mehr denn je publik machen. Wissenschaftler*innen, sagt sie, mangele es meist an der notwendigen Zeit, um die Forschungsergebnisse und daraus folgende, dringliche Handlungsempfehlungen allgemeinverständlich in Worte zu fassen. Zurück in Miesbach arbeitet sie derzeit an einem Buch. Wenn es die Zeiten wieder zulassen, wird sie auch Vorträge halten, gespickt mit spannenden Geschichten aus dem Herzen der Arktis. Ein Herz, das bald aufhören wird zu schlagen, wenn wir hier unten uns nicht am Riemen reißen.

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