Das Auge muss ruhen können

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Tägliche Pflege und viel Liebe lässt ein Ehepaar aus dem Inntal seinem Garten angedeihen. Der Mühe Lohn ist ein Paradies für Botaniker, Vogelkundler und sogar Insektenforscher.

Wohin zuerst mit den Augen? Nur ausnahmsweise öffnet jene Dame, in deren Garten Passanten sonst bloß von der Straße aus ein paar Blicke auf die Sonnenbeete werfen können, uns himmeblau-Reportern das gusseiserne Gartentürchen. Was uns erwartet, entpuppt sich nicht nur als exklusive Führung, sondern auch als Lehrstunde in Sachen Botanik. Schon beim Eintreten staunen wir im Schatten einer Sumpfzypresse über die streng geordnete Vielfalt. Den einzigen Anhauch von Anarchie verbreiten die Bienen, die von Salbeiblüte zu Salbeiblüte sumsen.

Hier, auf der Sonnenseite des 2.000 Quadratmeter-Grundstücks, strahlen prachtvolle Blüten. Weißer Mohn winkt aus einem Beet, eine Strauchpfingstrose verströmt ihren süßlichen Duft. Die Blätter des Ziests fühlen sich flauschig an, fast wie Fell. Wir flanieren an einer weißen Waldglockenblume vorbei, schnuppern an Etagenprimeln, die Blüte der Samthortensie lässt noch auf sich warten. „Ich habe den Garten so bepflanzt, dass von Frühjahr bis Herbst immer etwas blüht“, erklärt unsere Gastgeberin.  Bevorzugte Farbe: Weiß, außer bei Gänseblümchen, die sehe sie nicht so gern. Knalliges behage ihr ebenfalls nicht. „Das Auge muss ruhen können.“  

Im Teich haben jetzt am Nachmittag die Seerosen ihre Köpfchen geschlossen. Ein paar Libellen schwirren im Slalom durch einen Schilfrohr-Parcour. Wir spazieren am Buchsrondell vorbei in Richtung Schatten. Dort laden lauschige Sitzecken zum Verweilen ein. Während es vorne an Sommertagen brütend heiß wird, weht hier hinten ein angenehmes Lüftchen. Von draußen hört man das Klimpern des Auerbachs, aber auch auf dem Grundstück wurde mit Wasser gearbeitet. Ein Wandbrunnen des Bildhauers Wolfgang Wright „singt“, wenn sein Wasserstrahl von Terrasse zu Terrasse fließt.

Über einige von der großblättrigen Hosta gesäumte Stufen gelangen wir zu einer Laube, die von uralten Buchen und Eichen bewacht wird. In seinen Grundzügen konzipiert hat diesen Garten 1987 ein Landschaftsarchitekt. Seither habe sie sich vor allem anhand englischer Fachliteratur fast schon zur Botanikerin weitergebildet und den Garten nach ihren Wünschen und Vorstellungenn immer weiter entwickelt. Sie könne durchaus acht Stunden am Tag damit verbringen, Unkraut und Verblühtes zu entfernen, Neues zu pflanzen, hier zuzuschneiden, dort umzugraben, sagt die leidenschaftliche Gärtnerin. Ein nie endendes Projekt – dessen sie nie überdrüssig werde! Zur Begründung zitiert die Dame Goethe: „Was hat ein Gärtner zu reisen? Ehre bringt‘s ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen versorgt.“

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