Dämonische Gesellen

Brauchtum und Gaudi, Nervenkitzel und Gruselspaß: Zwischen Wintersonnwend und Heiligdreikönig ziehen wilde Horden durch die Lande. In den Rauhnächten gehen die Perchten um.

Christian Topel

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Sie schreien und scheppern, röcheln und rasseln, trommeln und tanzen, hetzen und jagen: zottelige Gestalten, die furchteinflößende Fratzen tragen. Wenn in Altbayern und Tirol die Rauhnächte anbrechen, ist traditionell Perchtenzeit. Eine Tradition mit umstrittenem Ursprung, ein Brauch mit dunkler Vergangenheit, eine Gaudi mit lebendiger Gegenwart. Denn inzwischen treten mehr und mehr, meist als Vereine organisierte Perchtengruppen (Passen) auf. Als Höllenspektakel für Einheimische und Touristen.

Rauh- oder Rauchnächte – so nennen die deutschsprachigen Alpenvölker die Zeit zwischen den Jahren; zwischen Thomasnacht am 21. Dezember und Dreikönigstag am 6. Januar. Rauh oder Rauch – der Begriff bedeutete ursprünglich „haarig, behaart“. In den Rauchwaren als Bezeichnung für Pelze hat sich die Bedeutung erhalten, und in den Fellen und Zottelumhängen der Perchten spiegelt sie sich wider. Viele Forscher sehen die heidnische Naturgöttin Perchta als Taufpatin des Brauches an, nicht umsonst gingen noch heute mancherorts „Schiachpercht“ und „Schönpercht“ um – eine unheilvolle, ungezähmte, hässliche Frauengestalt neben einer lieblichen, gutmütigen, schönen.

In einer Figur vereinen die Kirchseeoner Perchten jene dunkel-lichte Doppelgestalt. Der „Perschtenbund Soj“ gehört mit 300 Mitgliedern zu den ältesten und umtriebigsten Anhängern des Perchtenlaufens. Mit eigener Stiftung sogar, die sich speziell des Perchtenbrauchtums annimmt. Bis zu 80 vermummte Gestalten ziehen seit über 50 Jahren mit schaurigen Masken, Fackeln und allerlei Musik- und Lärminstrumenten von Haus zu Haus oder über Marktplätze. Die Kirchseeoner Masken bestehen ausschließlich aus heimischem Lindenholz und sind allesamt Unikate. Bis zu fünf Kilogramm wiegen diese grusligen Kunstwerke.

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Und wozu diente und dient dieser Aufwand? Der verbreiteten Ansicht, das Getöse solle den Winter verjagen, widerspreche schon allein der Zeitpunkt des Treibens, sagt Hans Reupold jun., der Sohn des Gründers der Kirchseeoner Perchten. „In der dunkelsten Zeit des Jahres gilt es zweierlei. Erstens: böse Geister und dämonisches Unheil fernzuhalten, wozu man sich durch Maskierung und Gebaren selbst in die Sphäre des Dämonischen begibt; zweitens: den Tiefpunkt des Jahreszyklus zu überschreiten, indem getanzt und in den Boden gestampft wird, um dadurch die neue Sonne und die Wachstumskräfte der kommenden Vegetationsperiode zu erwecken“, erklärt Reupold.

Das ist die eine, die überlieferte Bedeutung der Perchten: Dass sie weiterhin Mittler sind zwischen Mensch und Natur, Glück- und Segensspender, und mit ihrem Tun und Wirken Botschafter des kulturellen Lebens. Der Brauch könne auch heute, in unserer aufgeklärten Gesellschaft, seinen Platz behaupten und faszinieren, weil er trotz neuzeitlicher Einflüsse und Brauchtümeleien seine archaischrituellen Grundzüge bewahrte und damit der Sehnsucht nach mythischer oder mystischer Besinnung entgegenkomme, glaubt der Kirchseeoner Reupold. Die andere Ursache der Begeisterung dürfte viel profanere Züge tragen: So eine unheimliche Hatz, so ein tösendes Getummel ist natürlich eine Riesengaudi und geselliges Ereignis obendrein. Eine Gruselkomödie in 3D.

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