Chiemgauer Spielstätte auf Großstadt-Niveau

Christian Topel

Fotos: Kulturhaus Chiemgau

Das Kulturhaus Chiemgau schickt sich an, ein leuchtender Fixpunkt auf der kulturellen Landkarte zu werden.  

Andreas Schwankl schwitzt. In dem Saal, in dem zuletzt Schauspiel-Kollege Maximilian Berger mit einer nervenzerreißenden Inszenierung des Bühnenklassikers um Dr. Jekyll und Mr. Hyde für Schlagzeilen sorgte, will Schwankl zusammen mit dem bekannten Clown Emmeran Heringer ein von Karl Valentin inspiriertes Tanztheater-Stück auf die Bühne bringen. Genauer gesagt: auf eine von mehreren Bühnen. Denn wer nach Betreten des Foyers nicht links abbiegt, in den 75 Zuschauern Platz bietenden Gewölbesaal, wo Schwankl derzeit probt, den geleitet ein sich in den ersten Stock schlängelnder roter Teppich eine imposante Treppe hinauf. Im ersten Stock warten zwei weitere Säle. Das Gebäude beherbergt gleich drei Räumlichkeiten – allen voran ein behutsam renovierter Jugendstil-Saal mit ordentlich Stuck an den Wänden und himmelhoher Decke – die regelrecht nach Veranstaltungen rufen. Und diesen Ruf erhörte Ende letzten Jahres eine ambitionierte Truppe Kulturschaffender, indem sie das „Kulturhaus Chiemgau“ ins Leben rief.    

Als Kerstin Gassdorf das denkmalgeschützte Gebäude in Traunsteins Unterstadt 2010 erwarb, rankte sich Efeu an seinen Wänden empor – innen, wohlgemerkt. Die Bergenerin weckte das, wie es die Bevölkerung nennt, „alte Vereinsheim“ aus dem sprichwörtlichen Dornröschenschlaf. Ein Nickerchen, das man dem historischen Bau kaum übel nehmen konnte, hat er doch eine erkleckliche Summe an Jahren auf dem Buckel. Als eines der ältesten erhaltenen Gebäude der Stadt diente es im 16. Jahrhundert erst als Abfertigungsstelle für die ankommenden Salzzüge am alten Stadttor. 

Wie so oft im Bayernlande, verdankt man das Erblühen des Immobilien-Schmuckstücks im weiteren Verlauf wohl einer Brauerei. Deren neun sollen Traunstein einst bevölkert haben. Als älteste gilt der 1519 gegründete Bierbräu am Vorberg, der später als „Weißbräu Lackenbauer“ firmierte und mitsamt Gaststätte in jenem Komplex in der Traunerstraße ansässig wurde. Ende des 19. Jahrhunderts zogen zuerst Realschüler ein, später tummelten sich Traunsteiner Vereine darin – lange genug, um namensgebend zu wirken. Erstmals so richtig Kultur schnupperte das Gemäuer 1929 als Geburtsstätte des berühmten Chiemgauer Volkstheaters. Dessen „Abwanderung“ ins Fernsehen und auf Bühnen im ganzen Land mochte mit dazu beigetragen haben, dass im alten Vereinsheim über Jahrzehnte Ruhe einkehrte – sieht man von rauschenden Ballnächten bis in die frühen 1980er Jahre ab.   

Zurück in die Gegenwart. In der Kerstin Gassdorf bis Ende letzten Jahres noch ihr angesehenes Auktionshaus in dem vom Unkraut befreiten und frisch renovierten alten Vereinsheim betrieb. Bis da plötzlich der Schauspieler Max Berger auf der Matte stand mit seiner Vision, mitten im Chiemgau endlich eine Stätte für professionelles Theater zu schaffen. Während sich der Surberger in Einzelkämpfermanier an die Umsetzung seiner Idee machte, gor es in Kerstin Gassdorf. Und was da in ihr heranreifte, war letztlich der Entschluss, nicht nur als Vermieterin aufzutreten, sondern ein viel umfassenderes als Bergers ursprüngliches Konzept aktiv mitzutragen. 

Statt sich auf Theater zu beschränken, macht es sich ein ganzes Team nun zur Aufgabe, nahezu alle kulturellen Bereiche zu „bedienen“: also Konzerte, Lesungen, Kabarett, Ausstellungen, Poetry Slams oder Veranstaltungen wie die Open Stage. Ziel sei es, sagt Ralf Enzensberger, der organisatorische Leiter des „Kulturhaus Chiemgau“, das kulturelle Leben der Stadt für alle Altersgruppen zu bereichern und sich zu einem Fixstern der Chiemgauer Kulturszene zu entwickeln. Die ersten Wochen lassen sich vielversprechend an. Nicht nur, dass namhafte Künstler wie Wolfgang Ambros, Herbert und Schnipsi oder Roland Düringer auf der Agenda stehen, das Kulturhaus hat sich auch auf ein paar Säulen gestellt, die in der Tat auf eine weitreichende Strahlkraft hoffen lassen. Mit der Keimzelle des Kulturhauses (dem Theater) im Hinterkopf soll das „Schauspiel Chiemgau“ auf lange Sicht zur echten Stadtbühne werden – mit hauseigenen Regisseuren und festem Schauspielensemble. Musste man bisher nach München, Salzburg oder Wasserburg fahren, um regelmäßig Bühnenprofis zu erleben, könnte bald Traunstein zum Inbegriff klassischen Theaters, der Performancekunst und des Tanztheaters werden. Bevor Andreas Schwankl und Clown Rigol sich den Valentin tanzen, stehen den Mai und Juni über schon mal die Farce „Leatherface“ und das Stück „Die Nacht kurz vor den Wäldern“, ein Monolog des französichen Dramatikers Bernard-Marie Koltès, auf dem Programm. 

Einen enormen Stellenwert räumen die Verantwortlichen der Jugend ein. Und zwar nicht nur, indem diese im Kulturhaus Chiemgau bei Veranstaltungen wie der Open Stage, den modernen Dichterwettstreiten „Poetry Slam“ oder der geplanten Electro-Swing-Party eine feste Anlaufstelle zur Freizeitgestaltung findet. Unter der Leitung der Theaterpädagogin Svetlana Teterja-Pater will das „Junge Ensemble Chiemgau“ essentielle Arbeit im Bereich Bildung und Pädagogik leisten. „Wir planen bis zu fünf eigene Produktionen im Jahr, mit denen wir Kinder und Jugendliche für Theater, Kunst, Kultur und Bildung begeistern wollen“, erklärt Ralf Enzensberger. Ergänzend werden theaterpädagogische Angebote für junge Leute geschaffen, sollen ein einwöchiges Theaterfestival für Schul- und Laientheatergruppen aus dem Raum Chiemgau sowie ein Theatersommercamp ins Leben gerufen werden. Workshops im  Bereich Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung, Angebote wie Körpersprache- oder Bewerbungstrainings könnten in Zusammenarbeit mit Schulen durchführt werden. 

Wirtschaftlich halsen sich Kerstin Gassdorf und Team da durchaus einen Brocken auf. Immerhin, die Güte der bisherigen und für die Zukunft geplanten Veranstaltungen dürfte für volle Ränge sorgen. Darüber hinaus will Gassdorf das Haus auch für externe Veranstalter öffnen: Vereine, Firmen oder Privatleute könnten demnach Vorträge, Ausstellungen, Seminare, Tagungen, Hochzeiten oder Geburtstage in den Räumlichkeiten ausrichten. Das Kulturhaus steht Interessenten gerne beratend zur Seite, die Profis von „Hire-Parc“ in Form von technischer Ausrüstung von Bühnen- über Licht- bis hin zu Tontechnik. Natürlich hofft das Kulturhaus Chiemgau auch auf Fördergelder. Zu wünschen wäre es diesem Projekt – und damit der gesamten Kulturszene im Chiemgauer Raum.

www.kulturhaus-chiemgau.de

 

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