Bock auf Böcke

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Begeistert von der Biker-Szene gründet das Ehepaar Berger zuerst einen lässigen Laden rund um den Motorrad-Lifestyle, nun geht auch eine einzigartige Messe in die zweite Runde. Motto: „Meet the Makers“.

Eigentlich sollte es nur eine Vespa werden. Matthias Berger hatte sich mit seiner Werbeagentur in München niedergelassen und schnell gemerkt, dass man dort mit dem Auto alles andere als zügig von A nach B gelangt. Abhilfe versprach er sich von einer Vespa. Problem an dem Plan: Mit seinem alten 3er-Führerschein durfte er nur Maschinchen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 45 Kilometer pro Stunde fahren – auf Münchens Mittlerem Ring ein Himmelfahrtskommando. Also beschloss Matthias, den kleinen Motorradschein zu machen, um sich zumindest auf einen vernünftigen Roller schwingen zu können. Doch der Fahrlehrer belehrte ihn eines Besseren; und so wurde aus dem kleinen kurzerhand der große Schein – und aus der Vespa eine Harley. „Typisch Werber halt“, sagt Matthias mit einem Augenzwinkern, „die Maschine musste was hermachen und der Motor ordentlich blubbern.“

Aus der neuen Leidenschaft ein zweites Standbein zu machen, geht auf Barbara Bergers Initiative zurück. Die gebürtige Wienerin fand sofort Gefallen an der Rolle der Sozia. Der Ehemann lenkt, sie genießt den Fahrtwind und die vorbeiziehende Landschaft. „Da wird der Kopf fantastisch frei“, schwärmt sie, mit hörbarem Wiener Schmäh in der Stimme. Und mit diesem selbstironisch angehauchten Schmäh gesteht sie auch, wie die Idee zum eigenen Laden rund um Biker-Lifestyle und Biker-Fashion entstand. Auch als Beifahrerin wollte sie zwar vorbildlich mit ordentlicher Schutzbekleidung in den Sattel steigen, jedoch keinesfalls in jene ledernen „Ganzkörperkondome“ schlüpfen. Bitte, die Frau ist gelernte Schneiderin, hat in Wien, in Düsseldorf, in München für große Modehäuser gearbeitet. „Ich bin ned übertrieben eitel“, sagt sie, „aber a bisserl gut ausschauen mag ich schon!“ Nun wusste sie, dass da draußen auf den „Highways“ durchaus coole Motorradjacken unterwegs waren, von der britischen Traditionsmarke „Bellstaff“ zum Beispiel; und damals, in den Zehnerjahren, kamen auch die abriebfesten Jeans auf – wenn auch vorerst nur für Herren. Man konnte sich also auch als Biker anständig kleiden, wenn man in den Untiefen des Internets recherchierte.

Auf einer Bike-Tour durch Italien entdeckte das Paar dann zufällig einen Laden, der unheimlich lässige Motorradbekleidung führte. Klamotten, die zwar funktionell waren, aber trotzdem tragbar, sogar abseits des Bocks. „Das machen wir auch“, sagten sich die beiden, und „Bad and Bold“ war geboren. Durch ein paar ganz entscheidende Prinzipien unterscheidet sich das verwegene Projekt von herkömmlichen Online-Shops. So bieten Bergers nur Teile an, die sie wirklich auf Lager haben. Nicht zuletzt wegen dieser Philosophie zogen sie 2012 raus aus der Landeshauptstadt und hinein in die tiefe Provinz. Ein Lager braucht Platz, und Platz ist teuer in München. (Angenehmer Nebeneffekt des Umzugs: Von ihrem Häuschen mitsamt Ladengeschäft in Unterrain im Landkreis Rosenheim aus lässt es sich auch viel besser zu Motorradtouren aufbrechen als von Downtown München!)

Zweites Prinzip: Das Angebot bewegt sich ausnahmslos im Premium-Bereich. Ob Jacken oder T-Shirts, Hosen oder Handschuhe – die Teile zeichnen sich durch ihren lässigen Stil, hochwertige Materialien und ausgezeichnete Verarbeitung aus. Keine chinesische Stangenware, sondern liebevoll und nachhaltig produzierte Ware von kleinen, feinen Manufakturen aus ganz Europa. Diese „Maker“, wie Marketingmensch Matthias jene Hersteller nennt, nehmen die zwei Inhaber immer erst vor Ort unter die Lupe, bevor es zu einer Zusammenarbeit kommt. Arbeit und Freizeit verschwimmen, wenn sie sich auf eine ihrer Maschinen hocken (eine alte BMW R100 GS zum Beispiel) und nach Griechenland düsen, nach Barcelona oder nach Lissabon. „Wenn Du in so einer kleinen  Halle irgendwo im Süden stehst und ein Stück gegerbtes Leder liegt auf dem Tisch und dann geht einer mit der Schere hin und schneidet es per Hand zu, dann weißt Du, da steckt Liebe drin“, schwärmt Barbara.

Diese Liebe und die dahintersteckenden Köpfe – echte, kantige Typen meist, die genau wie Bergers eine gehörige Portion Idealismus mitbringen – wären es doch unbedingt wert, auch den Kunden und Käufern vorgestellt zu werden, überlegte sich Matthias nach etlichen solcher spannenden Treffen. Und wenn ein Werber denkt, denkt er halt groß. Also mieten die beiden Biker Anfang 2019 den „Kohlebunker“ der Motorworld München und karren sie alle heran, ihre handverlesenen Hersteller – ihre „Maker“. Die zwei haben damit ein bahnbrechendes Event für Motorrad-Lifestyle-Liebhaber aus dem Boden gestampft, das in der Szene so gut ankam, dass die Neuauflage der „Meet the Makers Motorcycle & Fashion Show“ von 20. bis 22. März dieses Jahres noch größer ausfällt. Über 50 Hersteller aus Amerika, Deutschland, England, Frankreich, Griechenland, Italien und Spanien werden sich auf rund 2.000 Quadratmetern im Kohlebunker plus Kesselhaus tummeln und in einer locker-lässigen Atmosphäre ihre einzigartigen Produkte aus den Bereichen Motorrad-Bekleidung, Helme, Schuhe, Schmuck und natürlich Customizing präsentieren.

Wie ernst auch die Aussteller den Titel der Veranstaltung nehmen, beweist die Indian Motorcycle Company, immerhin eine der größten Motorradschmieden der Welt. Die lassen sich nicht lumpen und fliegen ihren Chefdesigner ein. Apropos einfliegen lassen: Wenn auch die zweite Auflage der Messe ein Erfolg wird, könnte sich das Paar mal wieder Urlaub gönnen. Barbara und Matthias haben da noch eine Rechnung mit Marokkos Wüste offen. Vor ein paar Jahren hatten sie sich extra eine alte Ural gekauft, eine Beiwagenmaschine, um damit die sogenannte Scram-Afrika zu fahren, ein 2.500 Kilometer langer Wüstentrip für alte, umgebaute Kräder, den der Spanier Karles Vives seit 2012 alljährlich organisiert. Bei ihrem ersten Versuch gab die Ural nach zwei Tagen den Geist auf.Aber so leicht lassen sich zwei motorradverrückte wie Barbara und Matthias Berger nicht aus der Bahn werfen. Das haben Bad and Bold ja schon mit ihrem Shop bewiesen...

Information:

Meet the Makers Motorcycle & Fashion Show
vom 20. März bis 22. März 2020

Im Kohlebunker und Kesselhaus der Motorworld München
Lilienthalallee 33, 80939 München

Freitag: 12 Uhr bis 20 Uhr, Party bis 1 Uhr
Samstag: 10 Uhr bis 20 Uhr
Sonntag: 10 Uhr bis 16 Uhr
Eintritt: Tagesticket: 10 Euro | alle drei Tage: 18 Euro

www.badandbold.com

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