Bittere Wahrheiten

Axel Effner

Fotos: Axel Effner

Der „Kräuterwastl“ kennt die verborgenen Geheimnisse und Heilkräfte der Natur.

Es gibt wohl keine Lebenssituation, die der Kräuterwastl nicht mit einer Anekdote garnieren kann. Dichter Rauschebart, weißes Haar, Hirschlederne, gemütlicher Bauch und schwere Bergschuhe: Als gestandenes Mannsbild und einer der wenigen männlichen Kräuterpädagogen gibt der gut 70-Jährige ein echtes Unikum im Reich der Kräuterhexen ab.

Passenderweise unter Birken und mit Blick auf eine drastische Kalvarienbergszene fesselt er seine Zuhörer mit einer Erzählung über die vielfältigen Heilwirkungen der früher als Zauberbaum verehrten Pflanze. Als Symbol des Frühlings, der Jugend und der wiedererwachenden Kräfte sind Blätter, Saft und Rinde des Baums wegen seiner blutreinigenden, entwässernden und antibakteriellen Wirkung gefragt.

Die Birke, so erfährt die staunende Gruppe des Gartenbauvereins Bergen, helfe nicht nur bei Gicht und Rheuma sowie Problemen mit der Haut und Ausscheidungsorganen, „sondern verleiht auch dem Liebesleben ganz neuen Schwung“. Ja, da schau her, wer hätte daran gedacht! Mit sonoren Bass und lautem Gesang, allerhand Geschichten, Schauspieleinlagen und einem offenen Ohr für die Schätze der Natur und die Anliegen seiner Zuhörer macht der Wastl aus der angekündigten Kräuterwanderung in Fischbachau ein Happening im Freien. Der Blick reicht zum Breitenstein, zu Schweinsberg und Kothalm, während es auf schmalem Pfad vorbei geht an mächtigen Linden, Buchen und Bergahorn. Zu jedem der Bäume gibt der Wastl Einblick in seinen reichen Fundus an heilkundlichen und kulturgeschichtlichen Kenntnissen. Da fehlt nur noch das leise Glucksen und Gurgeln der nicht weit entfernt träge vorbeifließenden Leitzach.

Sebastian Viellechner, wie der Kräuterwastl mit bürgerlichem Namen heißt, ist es ganz offensichtlich ein Graus, nur abstraktes Lehrbuchwissen zu reproduzieren. „Ich könnt‘ euch natürlich jetzt zu jeder Pflanze hier auf der Wiese was erzählen, aber dann wisst‘s ihr garnix mehr, wenn ihr nach Hause kommt.“

Er bricht ein buschiges, cremefarbenes Kraut von seinem langen Stengel, das wie ein Staubwedel mit kleinen Perlen aussieht, und hält es in die Runde. „Na, wer woaß, wos des is?“ Schweigen. Hmmm? „Das hat schon der Miraculix in seinen Zaubertrank geschmissen und festgestellt, dass man damit Schmerzen lindern kann“, erläutert der Wastl und grinst verschmitzt. Es geht um Mädesüß. Klingt erstmal so, als könne man damit schöne Frauen betören – jedoch weit gefehlt. Als „Met-Süße“ kam das honig- bzw. mandelartig duftende Kraut früher als Gewürz in den Honigwein.
Neben wichtigen sekundären Pflanzenstoffen (Flavonoide), Gerbsäuren und ätherischen Ölen enthält die „Wiesenkönigin“ auch Salicylsäure. Daraus entwickelte 1897 ein findiger Apotheker einen Stoff zur Schmerzstillung. Das als „Aspirin“ bekannte Medikament lässt in seinem Namen noch die Herkunft vom „Spierstrauch“ erkennen.

Der wohlriechenden Theorie folgt flugs die bittere Praxis. Eine Teilnehmerin nimmt ein paar der Blütenperlen in den Mund und zerbeißt sie. „Puh, schmeckt wie beim Zahnarzt“, gesteht sie. Doch ein paar Meter weiter haben sich die leichten Kopfschmerzen wie von selbst gelöst.
Alles Einbildung? Der Kräuterwastl ist inzwischen bei einer mächtigen Fichte mit deutlich erkennbaren Beulen angelangt. „Durch Veränderungen im Untergrund hat der Baum Krebs bekommen. Das Besondere: Er heilt sich selbst, überschwemmt den Krankheitsherd sozusagen mit Harz oder Baumpech und lebt dadurch weiter.“

Aber auch für den Menschen hält die Apotheke der Natur ein paar wichtige Helfer zur Vorbeugung gegen Krebs parat: Zwiebelgewächse wie Bärlauch, Lauch, Knoblauch oder Petersilie. „Am besten täglich, dann stinkt‘s auch nicht mehr“ sagt der Wastl, der selbst jeden Tag eine halbe Knolle selbstangebauten Knoblauch verspeist.

Ein ganz wichtiger Punkt sind dem 70-Jährigen, der landauf, landab Vorträge hält, Bücher schreibt und im BR-Fernsehen regelmäßig in Gesundheitssendungen auftritt, die Bitterstoffe. „Leider hat ein großer Hamburgerkonzern heute allgemein unsere Geschmacksbildung übernommen“, kritisiert er. Geschmacksverstärker: Seien Körperverletzung! Zu viel Salz, Fett und Zucker – davon seien unsere Nahrungsmittel geprägt und die Bitterstoffe aus vielen Gemüsesorten herausgezüchtet. „Dabei sind gerade die Bitterstoffe für die Gesundheit wichtig, weil sie dem Körper beim Entgiften helfen und die Verdauung erleichtern. Zudem reduzieren sie das Verlangen nach Süßem.“ Schafgarbe, Löwenzahn oder Wermut stehen bei Viellechner deshalb hoch im Kurs.

Als Kräuterwastl und „boarischer Indianer“ mit einer Vorliebe für die mediterrane Küche Apuliens ist Sebastian Viellechner allerdings erst seit 2004 unterwegs. Einer Dynastie von Schmieden entstammend, war der Stürzlhamer anfangs als Metall- und Heizungsbauer tätig. Dann als Beamter im Staatsdienst. Sicherrelevanter Bereich. Mit 60 kam dann der Schnitt: Während sich andere auf den Ruhestand vorbereiten, wagte Viellechner mit einer Ausbildung zum staatlich anerkannten und zertifizierten Kräuterpädagogen den Sprung in die Selbstständigkeit. Sein Motto: „Die Natur war schon immer ein Bereich, wo ich mich neu aufladen konnte.“

Kostproben aus seiner „Kräuterwerkstatt“, einer gemütlichen Holzhütte neben seinem Wohnhaus in Stürzlham, serviert der „Natur-Apotheker“ nach der Kräuterwanderung im Paradiesgärtlein hinter dem Gasthof Oberwirt in Fischbachau. Bei einer gemütlichen Brotzeit gibt es selbst zubereitete Kräuterlimonade und allerlei Hochprozentiges wie die „Bergkraft“ aus Spierstaude, Dost und Blutwurz. Dazu einen Kräuteraufstrich mit bunten Blüten oder Marmelade Marke „Kräutergarten“, „Sambucus nero“, Orange oder Pfirsich-Rosmarin.

Dass das stimmgewaltige Original auch die leisen Töne gut beherrscht, zeigt der „Natur-Flüsterer“ beim Vorlesen von Lebensweisheiten, selbsterlebten Anekdoten und Hintersinnigem aus seinem Buch: „Ganz staad gsogt.“ Dass in seinem Herzen durchaus auch ein bayerischer Rebell und humorvoller Zeitgeist-Kritiker wohnt, beweist seine neueste Publikation: „Großvater funktioniert nicht mehr“.

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