Bewegend und beweglich

Wolfgang Gschwendtner

Fotos: Wolfgang Gschwendtner | www.woifiart.de

Ob im Garten oder drinnen: Mit Franziska Bürgers „Bayrischen Gebetsmühlen“ holt man sich einen Hauch Spiritualität nach Hause.

„Om“. Selbst Menschen, die nichts mit fernöstlicher Philosophie, Religion oder Kultur am Hut haben, kennen diesen Laut. Om. Er hat sich hierzulande längst eingebürgert als lautmalerisches Synonym für meditative Ruhe und Entspannung. Und damit liegen wir gar nicht so falsch. Denn Om, so lautet das bekannteste und wichtigste Mantra überhaupt. Mantras wiederum lassen sich wohl am besten mit unseren (soll heißen christlichen) Gebeten vergleichen. Heilige Silben, Worte oder Verse, deren wiederholtes Vortragen für Hindus, Buddhisten und – so fand das Om den Weg gen Westen – beim Yoga der Entfesselung mentaler und spiritueller Energien dienen soll. 

Warum holen wir so weit aus, um von Franziska Bürger zu berichten, einer durch und durch bayerischen Bildhauerin? Nun, um den Kreis zu schließen, müssen wir uns lediglich ein weiteres Wort vergegenwärtigen, das der hiesige Sprachgebrauch aus jener fernöstlichen Praxis des Rezitierens entlehnt hat: „Gebetsmühlenartig“ nennen wir es, wenn jemand sich oder etwas ständig, ja geradezu mechanisch wiederholt. Vor allem im tibetischen Buddhismus sind Gebetsmühlen verbreitet, meist metallene Zylinder, in die Mantras eingearbeitet wurden. Indem der Betende die Gebetsmühle dreht, erhält die geistig-spirituelle Tätigkeit des Betens eine körperliche Entsprechung. Womit wir endlich und endgültig bei Franziska Bürger angekommen sind. In Ihrem Atelier im Kunsthof Pösling, einem ehemaligen Kuhstall im Süden Rosenheims, erschafft sie „Bayrische Gebetsmühlen“ – aus Holz.

Mit einer Mutter, die Werkunterricht gibt, mit einer Jugend in Südafrika und nicht zuletzt mit Aufenthalten in Ecuador und Peru gleich nach dem Abitur, sammelt Franziska Bürger früh und zeitlebens Erfahrungen mit fremden Kulturkreisen und deren Kunst. Besonders eine Kunstform, die man unter dem Begriff „Primitivismus“ zusammenfasst, beschäftigt die junge Frau. Die Farben und Formen habe sie regelrecht aufgesogen, erinnert sich Franziska. Erfahrungen, die sich heute vielleicht weniger in ihren Arbeiten direkt wiederspiegeln, aber doch in ihrer Arbeits- und Denkweise. „Ich will Gegenwartskunst machen, die die Sinne anspricht, insbesondere das Fühlen“, sagt die 31-Jährige. So wie sie selbst einst in der Fremde mögen sich nun die Betrachter von Altbekanntem lösen und den Mut finden, in den Unsicherheiten des Fremden Neues zu sehen und zu entdecken. Anfassen, sagt sie, sei bei ihren Skulpturen unbedingt erlaubt! Berührung sei schließlich die ursprünglichste Form der Kommunikation.

Und Kommunikation – darum ging und geht es bei Franziska Bürger immer. Vor ein paar Jahren, quasi am Scheideweg der Karriereplanung, überlegte sie hin und her: Soll ich Spanisch studieren oder Kunst? Mit der Entscheidung pro Kunst war es aber noch nicht getan. Zwei Richtungen hätte sie einschlagen können: eine eher theoretische, an einer Akademie, oder die – in ihren Worten – eher bodenständige, die es letztlich auch wurde. Eine dreijährige Ausbildung an der Berufsfachschule Berchtesgaden, die sie mit dem Gesellenbrief für Holzbildhauerei in der Tasche verließ. 2010 war das und es dauerte kein Jahr, da hatte sich die gebürtige Rosenheimerin in jenem umgebauten Gehöft eingemietet, wo Künstlerinnen und Kunsthandwerker gemeinsam und doch auch jeder für sich kreativ arbeiten. 

Skulpturen, gegenständlich und abstrakt, nehmen zunächst Form an. Geschaffen hauptsächlich aus Holz, aber auch aus Gips, Beton und Bronze. Als Inspiration diene der Formenschatz der Natur, sagt sie. „Ich sammle zarte und feine Strukturen und schnitze deren sinnliches Formenspiel ins feste Holz.“ Die dabei entstehenden Formen und Gebilde sollen Fantasie und Gefühle anregen, ohne abgehoben zu wirken. Franziska Bürger beansprucht für sich und ihre Kunst eine gewisse Bodenständigkeit. Frau und Werk sind geerdet, kraftvoll und stehen in inniger Verbundenheit zu den Menschen und deren Lebenswelten. Bei Auftragsarbeiten versteht sie sich als Übersetzerin der Vorstellungen ihrer Kunden in die dritte Dimension. Eine solche Auftragsarbeit war es auch, die für eine Art künstlerisches Erdbeben sorgte. 

Gebetsmühlen, erkannte Franziska, müssen nicht unbedingt Sanskrit-Verse enthalten, um (spirituelle) Wirkung zu erzielen. Die „Bayrische Gebetsmühle“ für drinnen und draußen kann Sprüche und Gebete, Symbole und Bilder tragen – ganz nach individuellem Kunden-Gusto. Zum Einsatz kommen ausgesuchte Hölzer, bevorzugt Eiche, die Franziska zuerst drechselt, ehe sie an den Feinschliff geht. Blattgold, Farbe und Öl dienen der Veredelung. Verschiedene Halterungen aus Holz, Eisen und Edelstahl liefern die passende Befestigung für Boden oder Wände. Wer sich solch ein Zeichen des Miteinanders nach Hause holt, gibt eigenen Gebeten oder Wünschen eine einzigartige Stimme. Eine Stimme, die Bewegung und Ruhe zugleich ausstrahlt.    

www.franziska-buerger.com      

 

 

 

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