Bernaus Bienenflüsterer

Er ist klebrig, köstlich und gesund: Honig. Bevor er unsere Gaumen erfreut, muss er aber gewonnen werden! Zu Besuch bei einem Imker.

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Es surrt und summt. Das Bienenhaus duftet nach Holz und Wachs. Seine Bewohner fliegen aus und ein, ohne sich von uns stören zu lassen; entschwinden über die umliegenden Hecken und Bäume. Man fühlt sich geborgen hier drin, im durch die trüben Fenster fallenden, warmen Licht, zwischen den Kästen und Bürsten, einer alten Waschschüssel und etwas, das aussieht wie eine metallene Miniaturgieskanne. Inmitten des Gebrumms steht Joseph Seiser, quasi der Hausmeister der Hütte, und im ganzen Gau um Bernau am Chiemsee herum als Imker Sepp bekannt.

Moment! Imker? Sollten die nicht jene „Astronautenanzüge“ mitsamt Netzhut tragen? „Meine Bienen stechen mich so gut wie nie – und wenn doch, macht mir das nichts aus“, widerspricht der erfahrene Rentner. Erbaut hat das gewaltige Bienenrefuguim Sepps Großvater, ein Schreiner – und ebenfalls Imker. Der vererbte seine Leidenschaft an den Sohn, dieser wiederum an den Sepp, 14 war der damals. 100 Bienenvölker könnte das Häuschen beherbergen. Zu seiner aktivsten Zeit hegte und pflegte Sepp über 50. Heute schwirren noch 18 eigene Völker umher, plus sechs eines befreundeten Imkers. „In meinem Alter möchte ich nicht mehr so viele haben“, sagt Sepp, und klappt hier und da einen Kasten auf, um nach dem Rechten zu sehen. Handschuhe? Braucht er nicht. 

Das Metallgießkännchen kommt zum Einsatz. Es handelt sich in Wirklichkeit um eine Art Pfeife, die Sepp mit Heublumentabak stopft, entzündet und ordentlich pafft. Ihre Funktion erschließt sich schnell: Der Rauch vertreibt die Bienen, die sich lieber im Bau verkriechen, als sich einen zu Husten. So kann Sepp ungestört die Platten mit den Waben begutachten und kontrollieren, ob das geflügelte Wort vom fleißigen Bienchen auch auf seine zutrifft. Im Schnitt produziere ein Volk pro Tag rund fünf Pfund Honig, sagt Sepp. Bei 30 bis 40 Pfund pro Woche und 18 Völkern reichten die paar Wochen Honigproduktion im Frühjahr, um den Jahresbedarf seiner Kunden zu decken – und das ganz ohne neumodischen Schnickschnack wie Computerprogrammen, die dem Imker voraussagen, wo und wann die nächste Königin schlüpft. 

„Ein guter Imker“, betont Sepp, „lebt mit und für seine Bienen.“ Ohne das entsprechende Fachwissen gehe gar nichts. Den steigenden Scharen an Imkerei-Interessierten (laut Fachzentrum Bienen der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau stieg die Zahl der Imker in Bayern in den vergangenen fünf Jahren um zehn Prozent) rät der Langzeit-Honigmacher dringend, sich erst einmal ausführlich zu informieren und die Tiere zu „studieren“. Der regionale Imkerverband unterstütze den Nachwuchs gern! Apropos Nachwuchs: Joseph holt eine weitere Wachsplatte hervor, auf der Waben zu sehen sind. Wir erfahren, dass die winzigeren Waben Arbeiterbienenlarven beherbergen, die größeren Drohnenlarven. Je nachdem, was sie gefüttert bekommen, entwickeln sie sich zum einen oder zum anderen. Zur rechten Zeit legt das Volk auch mehrere Königinnenwaben an. Dann heißt es für Sepp auf der Hut sein. Vor jeder neuen Königin nämlich nimmt die alte quasi reisaus und dabei die Hälfte des Volkes mit. Das könnte zur regelrechten Landflucht ausarten, wenn man nicht schnell ist...

Dabei leben die doch in einem wahren Paradies, hier an diesem Hang zwischen Bernau und Rottau, oberhalb der „Hacken“ und Rottauer Filze. Ringsum nichts als Moor, Wiesen und Wälder. Doch es ziehen auch Gewitterwolken auf am Horizont des Imkerlandes. Vielleicht noch nicht unbedingt hier, wo das Landschaftsschutzgebiet Landwirte und Bauherren noch im Zaum hält. Doch wisse er von einem Fall, da seien 50.000 Bienen verendet, weil sie ein Nervengift aufgenommen hatten – ein Schädlingsbekämpfungsmittel aus der Landwirtschaft. „Ohne Bienen würden wir Menschen ganz schnell kaum mehr etwas zu essen finden“, warnt Sepp. In die Natur ausgebrachte Gifte könnten außerdem die Qualität des ansonsten astreinen deutschen Honigs negativ beeinflussen. Unsere strengen Lebensmittelgesetze zwingen die Imker, ihren Honig sauber zu halten. Was die Bienen draußen auf den Teller kriegen, können die Imker allerdings schlecht beeinflussen. Wie gesagt, eine Gefahr, die Sepp – noch – weniger anficht. Die großen Monokulturen, wie sie zum Beispiel für Biogasanlagen angebaut würden, seien hier in der Gegend nicht üblich, so Sepp. Hier gebe ihm eher das exzessive Ausbringen von Gülle zu denken.

Sepps größte Sorge gilt der Varroa Milbe. Jeden Frühherbst muss er diesen vor rund 30 Jahren eingeschleppten Schädling bekämpfen, denn selbst können sich die Bienen nicht gegen ihn wehren. „Wenn ich das nicht rechtzeitig mache, habe ich im nächsten Jahr womöglich keine Bienen mehr“, erklärt der 75-Jährige, dessen Schützlinge sich nicht stören lassen von unserem Besuch. Er besitze nur sanftmütige Bienen, lacht der Bernauer. Man könne das ein wenig steuern, indem man eine gezüchtete, sanftmütige Königin in das Volk setze. Deren Nachfahren würden dann wie die Königin. Damit hört der Einfluss aber auch schon wieder auf. „Bienen sind und bleiben Wildtiere. Ich kann ihnen meinen Willen nicht aufzwingen. Sie tun, was sie wollen und was ihnen die Natur vorgibt“, sagt Sepp, nicht ohne einen schwärmerischen Unterton in der Stimme. Am besten gefalle ihm, wie die Bienenvölker strukturiert seien; wie sie zusammenarbeiten und ihren Stock effizient und sauber halten; wie die Wächterbienen keine Artgenossen in den Stock lassen, wenn sie nicht den richtigen Geruch tragen... „Wenn eine Futter mitbringt, machen die Wächter manchmal eine Ausnahme“, sagt Sepp zwinkernd und ergänzt: „Die Lebensart der Biene ist in der Natur einzigartig. Ich bin immer wieder fasziniert.“

Nach dieser Lehrstunde wollen wir aber endlich den Honig kosten! Die Entscheidung, ob uns der Wald- oder Blütenhonig besser schmeckt, vertagen wir aufs nächste Frühstück. Denn zum Schluss kommt doch noch leichter Ungemach auf. Das Objektiv des Fotoapparats versperrt den Eingang zum Stock einen Moment zu lange. Da platzt einer der Sanftmütigen doch der Kragen. Sie verabreicht dem neugierigen Knipser als Andenken einen kleinen Pieks. „Nichts für ungut“, entschuldigt sich Bernaus Bienenflüsterer stellvertretend und lupft zur Verabschiedung kurz seinen Strohhut.

 

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