Bayerns unterirdische Rätsel

Sven Eisermann

Fotos: Andreas Jacob

Unter der Oberfläche Bayerns und Österreichs gibt es rätselhafte Labyrinthe: die sogenannten Erdställe. himmeblau ist mit einem heimischen Erdstallforscher in die geheimnisvolle Unterwelt hinabgestiegen.

Wer kennt sie nicht: die Sagen und Märchen rund um Heinzelmännchen und Zwerge, die ihre Behausungen unter der Erde haben. Auch wenn die Fabelwesen vermutlich der menschlichen Phantasie entstammen – ihre Behausungen existieren tatsächlich: Erdställe werden sie genannt und haben nichts mit Kuhställen zu tun. Vielmehr handelt es sich um rätselhafte unterirdische Labyrinthe, bestehend aus niedrigen Gängen und Kammern. 

Teile Bayerns und Österreichs sind davon wie ein Schweizer Emmentaler regelrecht durchlöchert. Das Rätselhafte an den unterirdischen Erdställen, über deren Existenz bis heute nur wenige oberirdische Bewohner überhaupt Bescheid wissen: Bis heute können Archäologen und Hobbyforscher über ihre Zweckbestimmung nur spekulieren. Selbst bei der Datierung der Bodendenkmäler ist man sich uneinig. Hat man sie noch vor ein paar Jahrzehnten als bäuerliche Verstecke aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs gehalten, ergaben neuere Untersuchungen von Holzfunden ein Alter von circa 1.000 Jahren. Einige Forscher halten auch ein deutlich höheres Alter für denkbar. Zu ihnen gehört auch Dieter Ahlborn aus Aying. Seit vielen Jahren hat er sich der Erforschung und Dokumentation der geheimnisvollen Gangsysteme verschrieben, war langjähriger Vorsitzender des Arbeitskreises für Erdstallforschung und arbeitet eng mit dem Landesamt für Denkmalschutz zusammen. Gemeinsam mit Andreas Mittermüller aus Feldkirchen-Westerham organisiert er seit einigen Jahren zudem aufwendig gestaltete Ausstellungen zum Thema Erdstall.  himmeblau durfte den Forscher im Februar in den Erdstall von Reichersdorf bei Weyarn begleiten. Dabei entstanden bislang einzigartige Bilder.

„In Reichersdorf am Seehamer See befindet sich einer der kulturhistorisch interessantesten Erdställe überhaupt“, weiß Ahlborn zu berichten. Der Erdstall wurde im 17. Jahrhundert beim Bau eines Brunnenschachts wiederentdeckt. In den darauf folgenden Jahrhunderten verehrte man in einer Kammer des Erdstalls eine archaisch anmutende Figur der Heiligen Barbara, die noch heute im Miesbacher Heimatmuseum bewundert werden kann. An der Oberfläche errichtete man eine kreisrunde Kapelle und in Reichersdorf entstand zur Barockzeit eine regelrechte Wallfahrt. Erde aus dem Labyrinth verwendete man zur Wundheilung wie auch zur Ausbringung auf den Feldern zum Zwecke der Fruchtbarkeit.  

Letztlich handelt es sich in Reichersdorf ebenso wie bei den meisten Erdställen lediglich um ein Fragment. Der heutige Zugang entspricht nicht dem ursprünglichen Eingang, Teile der Gänge sind verschüttet. Ein für Erdställe charakteristisches Merkmal blieb jedoch erhalten: ein sogenannter Schlupf. Durch diese Engstelle gelangen nicht allzu beleibte Menschen in einen tiefer liegenden weiteren Gang, in dem man nur noch kriechend vorankommt – wahrlich nichts für Klaustrophobie-Anfällige! 

Im österreichischen Weinviertel nördlich von Wien gibt es etliche gut erhaltene Anlagen, die am Ende einen Rundgang aufweisen. Typisch sind auch Kammern, in denen man aufrecht stehen kann. Der Aufenthalt darin wird von vielen Höhlenbesuchern mit dem angenehmen Gefühl der Geborgenheit assoziiert. Interessanterweise haben Erdställe immer nur einen Eingang, niemals einen zweiten Ausgang – als Fluchtgänge können sie daher nicht gedient haben. Die Länge der erforschten Gangsysteme variiert zwischen wenigen Metern bis hin zu über 50 Meter langen Labyrinthen, in denen man sich leicht verirren kann. Trotz ihrer Ähnlichkeiten, was Kammern, Schlupfe und Bearbeitungsspuren betrifft, hat jeder Erdstall seine ganz individuelle Struktur. Meist befinden sich die rätselhaften Anlagen unter alten Bauernhöfen, zum Teil auch unter alten Kirchen.

Über Sinn und Zweck der Bauten wird bis heute spekuliert. Zwei Haupttheorien stehen sich seit Jahren unversöhnlich gegenüber: Die einen sehen in den Erdställen mittelalterliche Verstecke – insbesondere für Kinder. Die anderen vermuten hinter den rätselhaften Labyrinthen eine kultische Bedeutung. Möglicherweise dienten sie als Seelenkammern für verstorbene Vorfahren. Von einer kultischen Zweckbestimmung geht auch Dieter Ahlborn aus, der Erdställe mit Fruchtbarkeitskulten in Verbindung bringt. Letztendlich ist auch er sich bewusst, dass das Rätsel bis heute nicht eindeutig gelöst ist. Sowohl Funde in den Erdställen wie auch historische Quellen über sie sind rar. Wenn man bei der Erforschung eine Türe geöffnet hat, tun sich zwei neue auf. Deshalb wird Dieter Ahlborn das Phänomen weiterhin erforschen, wie dies Erdstallforscher vor ihm seit dem 19. Jahrhundert taten. Der Ayinger arbeitet mittlerweile auch mit Forschern und Archäologen aus Frankreich und Israel zusammen, wo man ähnliche Phänomene vorfinden kann. Erst kürzlich wurde bei Aßling im Landkreis Ebersberg ein bislang unbekannter Erdstall entdeckt. Am 25. März findet dazu im Aßlinger Gemeindesaal am Kirchplatz 1 um 19.30 Uhr ein Vortrag unter dem Titel „Vom Teufelsloch zum Erdstall“ statt.  

Die wenigsten Erdställe können – aus konservatorischen wie aus Sicherheitsgründen – von der Allgemeinheit betreten werden. Über neue Erkenntnisse der Forschung und aktuelle Termine informiert die Internetseite.

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