Bayerische Spekulierhölzer

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Im alten Bayern nannte man Brillen scherzhaft „Spekuliereisen“. Weil „spekulieren“ schlicht „genau schauen“ hieß und die Gestelle aus Eisen waren. Markus Oettl baut Brillen aus Holz – federleicht, per Hand und maßgeschneidert.

Wir Menschen „schubladisieren“ ja gern. Indem wir alles und jeden fein säuberlich in eine Schublade stecken, hoffen wir, unserer chaotischen Welt ein wenig Ordnung abringen zu können. Das klappt in der Regel auch ganz gut – bis man auf Unikate wie zum Beispiel den Oettl Markus aus Babensham bei Wasserburg am Inn trifft. Solche ganz speziellen, Konventionen  sprengende Persönlichkeiten entziehen sich nämlich den gewohnten Kategorisierungsversuchen. Mit wem hat man es zu tun, wenn man hinausfährt zu seinem Domizil, das für sich betrachtet schon offenbart, welch ungewöhnlicher Mann hier haust? Stammt der herzhafte Händedruck von einem Handwerker? Einem Künstler? Einem Erfinder?

Ein schmales Weglein führt auf das von üppiger Natur umwachsene Grundstück, geradewegs auf einen augenscheinlich betagten Bundwerkstadl zu. Den, erzählt der Gastgeber, habe er vor 20 Jahren in der Nähe von Taufkirchen ab- und hier wieder aufgebaut. Auf die Hilfe von Zimmerern konnte er nahezu verzichten. Ist schließlich ein gelernter Schreiner, der Oettl Markus! Drin, im nach der Umsiedelung nun nicht mehr denkmalgeschützten Stadl, parken vorne ein alter BMW und ein  Bulldogg, hinten hat sich der 54-Jährige ein lichtdurchflutetes Atelier eingerichtet. Dass er hier wirklich sägt, hobelt oder  schweißt, möchte man fast bezweifeln, so besenrein sauber glänzen Werkbank, Maschinen, Bretter, rostige Fahrräder, Tonfiguren oder die nackten Schaufensterpuppen. „Ich bin halt ein ordentlicher Mensch“, sagt der Oettl Markus bloß und  zuckt mit den Schultern.

Als beeindruckende Beweise seiner Schaffenskraft begrüßen dafür draußen, vor dem Gebäude, einige Relikte seiner Ära als  Bildhauer neugierige Besucher. Damals trug er das Haar noch lang wie ein Indianer. Jene das Stadl bewachenden Skulpturen bilden ein seltsames, vielgestaltiges Völklein. Da stehen zerklüftete, mit der Kettensäge geformte Holzfiguren, deren Körper sich wie vor Schmerzen krümmen und deren Gesichter traurig dreinzublicken scheinen; daneben ragen Metallköpfe aus dem  Boden, die wie futuristische Astronautenhelme wirken; ein Mann aus Beton hockt wie eine Art Golem oder Frankensteins Monster auf einem Baumstupf, seine Draht-Innereien klaff en aus weitflächigen Wunden.

„In manchen Objekten verarbeitet er  unbewusst einschneidende Erlebnisse“, sagt Helga, die Frau vom Oettl Markus, und zeigt auf eine Installation, die Betrachter  nach Luft ringen lässt. Wie aus einem Brunnen ragt der Oberkörper eines Menschen aus einer von Steinen umrandeten Grube. Bei Regen stürzt das Wasser aus der Dachrinne des Stadls direkt in dieses Grab. Die  hölzerne Figur streckt wie um Hilfe bittend den linken Arm empor; ein Symbol für das wieder und wieder sich abspielende  Drama eines Ertrinkenden. Es sei nach einem Einsatz entstanden, erzählt Helga Oettl, bei dem ihr Markus und weitere Mannen  der Münchener Berufsfeuerwehr vergebens versuchten, einen Jugendlichen aus der Mangfall zu retten. Ein zu Herzen gehender Vorfall, der nicht nur seiner Tragik wegen aufhorchen lässt. „Moment einmal!“, fragt sich der aufmerksame Zuhörer, „das alles soll nach Feierabend entstanden sein?“

„Luxus meiner Freizeit“ nennt der Oettl Markus – von Berufswegen tatsächlich Feuerwehrmann – sein umtriebiges Tun. Weil die Dienste lang, mitunter gefährlich und stets anstrengend seien, würden auf Einsatzphasen immer ein paar freie Tage folgen. Und die nutze er, wie der gebürtige Wasserburger mit einem Hauch Selbstironie sagt, um sich ständig in neue Projekte "hineinzufuchsen“. Halbe Sachen kommen ihm dabei nicht ins Haus! Wenn er sich zum Beispiel einbildet, eine lebensgroße Frau aus Metall erschaffen zu müssen, dann bringt er sich halt erst einmal das Schweißen bei. „Wenn der Markus so richtig tüftelt, vergisst er sogar das Essen“, bestätigt Gattin Helga und grinst. Die Liste der im Laufe der Jahre angeeigneten kunsthandwerklichen Techniken könnte ein Fachbuch füllen! 

Als Schreiner beginnt der Oettl Markus naheliegenderweise mit Schnitzarbeiten, irgendwann Anfang der 80er Jahre. Dann tauscht er Messer gegen Pinsel und bringt sich das Aquarellieren bei. Nach und nach folgen: Vergoldungstechniken, (Bleistift-)Zeichnungen, Spachteltechniken, Airbrushing sowie schließlich unzählige Skulpturen, die er aus Materialien wie Holz, Metall oder zuletzt Beton herstellt. Er durchlaufe da meist einen Vier-Jahres-Rhythmus, sagt der Vielfachbegabte. Seine Helga nickt. "Nur die Frau hat er nicht so oft gewechselt“, scherzt sie. Wer weiß, vielleicht wäre sein aktueller, wohl spektakulärster Wurf  gar nicht geboren worden, hätte ihn die Kulturszene am Ende nicht so angeödet. Doch mit der gerade im Rahmen von  Ausstellungen spürbaren Rivalität zwischen den Künstlern habe er auf Dauer nichts anfangen können, erinnert sich der harmoniebedürftige Familienvater. Und so kehrte er der Branche den Rücken.

Weitsicht hat er dabei bewiesen, der schlaue Fuchs, und den Durchblick gehabt – um mittels zugegeben plumpem Wortspiel auf jene Erfindung hinzudeuten, für die sich die Fahrt ins beschauliche Babensham lohnt. (Und hinfahren muss man, will man eines jener individuellen Stücke ergattern!) Wer dem Oettl Markus beim Grüß-Gott-Sagen genau in die Augen schaut, erblickt sogleich ein elegantes Exemplar. Schließlich sitzt es ihm auf der Nase – in Form einer hölzernen Brille, wie man sie so wohl  kein zweites Mal findet, so filigran, so federleicht, so vollkommen akurat und dabei doch ganz und gar von Hand gefertigt!

Diese Unikate entstehen in der linkerhand des Wohnhauses liegenden Werkstatt, ein kleiner Raum voller Werkzeuge und  wundersamer Utensilien, die der Oettl Markus erfunden und eigenhändig hergestellt hat, um sich das Leben als Brillenbauer leichter zu machen. Allen voran ist die einzigartige Maßbrille zu nennen – ein ebenfalls hölzernes Brillengestell, das aus  etlichen beweglichen und mit Skalen versehenen Teilen besteht, mit dem man direkt am Kopf eines Kunden jeden Winkel,  jeden Abstand, jede notwendige Biegung der zu bauenden Brille abmessen kann. Eine so perfekt sitzende Brille bringt ein  Optiker niemals hin, nicht mit Konfektionsware! Und der Oettl Markus bringt es auch nur hin, weil er die Geduld hat, bis zu 15  Stunden an so eine Brille hinzuarbeiten, mit seiner unermüdlichen Muse für Millimeterarbeit.

Die von seiner Maßbrille abgelesenen Daten überträgt der Oettl Markus auf profane Pappkartonschablonen. Im Keller wartet eine – natürlich selbstgebaute – Vakumiermaschine. Unter deren Silikonmembran werden zuvor fein säuberlich furnierte Holz-Plättchen (zehn Lagen, kreuzweise verleimt) über einer Art (zur Kopfgröße passenden) Amboss gebogen – bei 0,9 bar und für rund drei Stunden. Buche oder Ahorn, erklärt der Pfiffikus, eignen sich gut als Trägermaterial, für die Furniere benutzt er Ebenholz, Zebrano, Olivenholz, Kirsche oder Palisander. Aus den hauchdünnen „U-Häkchen“ fräst der Öttl Markus dann die Brillenform. Um nach dem Fräsen so lange zu feilen und zu schleifen, bis ein Produkt entsteht, das so glatt und symmetrisch  in der Hand liegt, als sei ein Laser am Werk gewesen. Damit die Brille wirklich wie angegossen sitzt, kommen weitere Erfindungen zum Einsatz. „Eigentlich ganz banale Dinge“, sagt der Oettl Markus, sich der Genialität seiner Geistesblitze  scheinbar gar nicht bewusst.

Doch das „Brilleneinspanngerät“ oder die Holzhalterungen, in denen man dem hauchzarten Gestell beziehungsweise den Bügeln quasi ihre finale Biegung verschafft, würden so manchen Optiker vor Neid erblassen lassen. Ohne die gelernten Profis geht´s trotzdem nicht. Die Gläser muss man sich schon von ihnen holen. Noch! Einem Tüftler wie dem Oettl Markus ist schließlich alles zuzutrauen.

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