Bad Aiblings geheime Gewölbe

Verborgen vor den Blicken der Öffentlichkeit liegt unter dem Kellerberg der Mangfallstadt ein weitläufiges Gewirr von Gängen. himmeblau durfte exklusiv hinabsteigen in diesen Hades.

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

„Wenn der einmal stirbt, muss man sein Mundwerk extra totschlagen.“ Zugegeben, eine etwas drastische Art, einen Menschen vorzustellen. Im Falle Hans Michael Stratbückers aber trifft es den Nagel auf den Kopf. Der 68-Jährige Bad Aiblinger firmiert als einer von vier Kreisheimatpflegern im Landkreis Rosenheim und füllt diese Rolle genauso lebendig wie wortgewaltig aus. Folgt man ihm auf geführte Geschichtsspaziergänge durch die Kurstadt oder unternimmt an seiner Seite einen Gang durchs am Kurpark gelegene Heimatmuseum, kann man erleben, wie – Dominosteinen gleich – jede Anekdote eine weitere anstößt. Genau der richtige Mann also, um mit ihm eine exklusive Exkursion zu wagen – in die für die Öffentlichkeit normalerweise verschlossene Unterwelt Bad Aiblings.

Dazu hat „Mike“, wie die Ortsansässigen Ihren Museumsleiter auch nennen, auf den Kellerberg geladen. Da oben liegen der Volksfestplatz, ein Altersheim oder die Rupert-Egenberger-Schule, das vom Landkreis Rosenheim betriebene Sonderpädagogische Förderzentrum der Stadt. Was sich von der Oberfläche aus nicht erahnen lässt: Das gesamte Gelände gleicht untertags einem Emmentaler Käse. Um das zu verstehen, reicht ein Blick auf das verwahrloste Wahrzeichen des Hügels: die Ruine einer ehemals imposanten Brauerei, eines um 1888 im Neurenaissancestil erbauten Gebäudes, das aus Sudhaus, Mälzerei, Kühlhaus und Lagerbauten bestand. Deren endlose Unterkellerung überrascht nun nicht gerade, wenn man ein wenig mit der Geschichte des Bierbrauens vertraut ist.

Laut bayerischer Brauordnung von 1539 nämlich durfte nur zwischen 29. September und 23. April Bier gebraut werden – was für die Brauereien den Sommer über mangels geeigneter Kühlung zu einem Problem führte: das unbehandelte (sprich: nicht pasteurisierte) Bier verdarb leicht. Wie also einerseits Biervorräte für die Sommermonate anlegen, andererseits deren Haltbarkeit sicherstellen? Indem man Bierkeller anlegte, tonnengewölbte Räume, die man im Winter mit Eisblöcken aus zugefrorenen Seen oder Flüssen befüllte. Dank ausgefeilter Luftzirkulationen  schuf man so den Sommer über eine konstante Kühlung. Was sich aus dieser Erfindung  entwickelte, ist bayerisches Kulturgut geworden. Über den Kellern errichteten die Brauereien so genannte Kellerhäuser – als Fasslager und zur Unterbringung von Brau-Utensilien. Vor jene Gebäude pflanzten sie schattenspendende Laubbäume, in der Regel Kastanien. Als man begann, gleich vor Ort das Bier auszuschenken, waren die Biergärten geboren. Die dazugehörigen Keller jedoch fielen spätestens dann in einen Dornröschenschlaf, als „Linde“ seine  elektrisch betriebenen Kälteanlagen auf den Markt brachte.  

Zu unserer Überraschung will uns Mike jedoch nicht unter die Reste des ehemaligen „Schuhbräu-Komplexes“ führen. Mit Ärger und Bedauern in der Stimme weist uns der Kreisheimatpfleger auf die Einsturzgefahr hin, die sich im Kommen und Gehen untätiger Besitzer und Investoren eingeschlichen hat. Als sich Erhard Peter Widl, der Leiter der Rupert-Egenberger-Schule, zu uns gesellt, erfahren wir: unter das heutige Schulgebäude soll es gehen, das noch weitaus ältere „Katakomben“ als die des Schuhbräus unter sich beherbergt. Nachdem wir – dem Leitstern aus Mikes Taschenlampe folgend – die 26 Stufen einer Wendeltreppe hinunter in die Dunkelheit gestapft sind, versammeln wir uns in einem gewaltigen Gewölbe, wo uns der Geschichtskundler im trüben Schein einer schwachen Deckenfunzel über die Herkunft des Labyrinths aufklärt. Wiederum haben Hopfen und Malz ihre Hände im Spiel.

1733 habe sich eine Familie Duschl zu Füßen des Kellerbergs angesiedelt und einen Gasthof betrieben. Duschls darf man getrost als Brauerdynastie bezeichnen, immerhin lässt sich das Bestehen des bis dahin bedeutendsten der fünf Aiblinger Brauhäuser gut 400 Jahre zurückverfolgen. Wenig überraschend grub sich auch der Duschlbräu Bierkeller – einen davon naheliegenderweise in den Kellerberg. Dabei seien genau jene Gewölbe entstanden, in denen wir nun stünden, grinst Mike. Ob das gut ging, zwei Brauereien quasi Keller an Keller? Nun, 1860 heiratete Katharina Duschl sogar Franz Xaver Wild d. Ä., und jener Wild war Spross der Familie, die den „Schuhbräu“ betrieb. Warum der Schuh statt Wild hieß? Obwohl sich eine Brauerei mitsamt zugehöriger Gastwirtschaft dieserorts bis 1593 zurückverfolgen lässt, basiert die Bezeichnung auf Mathäus Schuh – Senior und Junior –, denen das Haus am Kellerberg zwischen 1718 und 1760 gehörte. Die in Bad Aibling äußerst einflussreiche Familie Wild bezog das Gebäude 1791, Bier brauten sie aber nur 40 Jahre darin: von 1888 bis 1928.

Zurück zum „Duschlkeller“: Von oben dringt kein Geräusch nach hier unten. Uns fröstelt, was nur teils der eisigen Temperatur geschuldet ist. Die Windungen der Wendeltreppe haben uns jeglicher Orientierung beraubt. Beim Gang durch das bis zu sechs Meter hohe Gemäuer hallen unsere knirschenden Schritte wider. An der Decke eines etwas niedrigeren Raumes verlaufen Leitungen, Metallhaken ragen herab. Inmitten einer Halle bilden ein morsches Schulpult und zwei Stühle ein morbides Ensemble. Den Gedanken an grausame Nachsitz-Szenarien kann Schulleiter Widl gottlob verscheuchen: das schaurige Ambiente habe sich die eine oder andere Klasse bereits zunutze machen dürfen, als Kinosaal sowie als Schauplatz für einen selbstgedrehten Gruselfilm. Naheliegend, man fühlt sich wie in einem Backsteinverlies, in dem die Kälte von den Füßen her langsam den ganzen Körper hochkriecht.

In einem Raum, in den es das Licht der zwei, drei Deckenleuchten nicht schafft, streift der Kegel von Mikes Taschenlampe eine vor sich hin rostende Nähmaschine. Längst nicht nur als Lager seien die Keller genutzt worden, klärt Mike auf. Die alten Ziegel waren Zeugen teils kurioser Tätigkeiten. Ein Segelflugzeugbau sei betrieben worden, eine Zeit lang eine Champignonzucht und zwischen 1933 und 1936 beherbergten die Hallen leider auch einen Haufen finsterer Gesellen. Mit Mitgliedern der so genannten „Österreichischen Legion“ behausten österreichische Nazis, die als paramilitärische Einheit ins Deutsche Reich geflüchtet waren, die Gänge es Kellerbergs. Spuren haben die jeweiligen „Kellergeister“ kaum hinterlassen, doch zeugen hier und da eindeutig nachträglich hochgezogene  Mauern von der häufigen „Umnutzung“. Auch der ursprüngliche Zugang von der Rosenheimer Straße  her, wo heute eine Buchhandlung liegt, ist auf diese Weise verschwunden. Ehe wir wieder ans Tageslicht  klettern, räumt Mike mit einem hartnäckigen Mythos auf: obwohl keine Kartographie des Kellerberglabyrinths vorliegt, könne man eins sicherlich ausschließen: bis hinüber zum Schloß Maxlrain habe nie ein Gang geführt!

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