Automobile Schätze aus über hundert Jahren

Hans-Roland Zitka

Fotos: Andreas Jacob

Von Daimler bis Porsche: Im einzigartigen EFA Automobilmuseum in Amerang lebt Deutschlands Autowelt weiter.

Nein, die Lebensgeschichte von Ernst Freiberger wollen wir an dieser Stelle nicht erzählen. Obwohl sie sich anhört wie jene vom Tellerwäscher zum Millionär. Freiberger, Bäckerssohn in Amerang, hatte nach dem Krieg zunächst die Idee, industrielles Speise-Eis herzustellen, so wie heute Mövenpick oder weiland Jopa und Tropa. Seine Marke hieß EFA (Ernst Freiberger Amerang). Dann steckte er sein Geld in Reha-Kliniken und schließlich: in Automobile. Nein, nicht in neue! Er begann zu sammeln, um seinem Heimatdorf eine Attraktion zu verschaffen. Und eine solche ist das Museum für Deutsche Automobilgeschichte in Amerang heute noch mehr als früher. Hier lebt Deutschlands Autowelt weiter, eine heile Welt noch ohne „i-Drive“ und Rußpartikelfilter, noch ohne Toyota und Hyundai, denn Freiberger übte kluge Beschränkung und vereinte, überschaubar und klar gegliedert, ausschließlich deutsche Automobile.

Dabei hat die Schau nichts Reduziertes und schon gar nichts Dörfliches. Ernst und Else Freiberger entwickelten Geschmack und Sinn für Szenarien. Gleich am Eingang die Büsten jener, die weltweite Automobilgeschichte prägten, von Benz, Bosch und Daimler bis Diesel, von Maybach und Otto bis Porsche und Wankel. Und sie hatten praktischen Sinn: Als das Eisgeschäft nicht mehr lief, verwandelten sie die Garagen- und Werkstatträume des EFA-Fuhrparks geschickt in eine erste Ausstellungshalle und bauten Halle um Halle dazu. Über 6.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche bieten nach 18 Betriebsjahren Platz für mehr als 220 Exponate, für Autos, die Geschichte machten, vom fahrbaren Untersatz des kleinen Mannes bis zu Altären gleichen Auto-Ikonen, wohl geordnet und sachkundig erklärt. Neben Marken, die heute noch geläufig sind, stehen aber auch solche, die vor sechs Jahrzehnten mit dem Ende des Krieges untergingen: Zum Beispiel die früher sehr verbreiteten Adler-Wagen, vom ersten 16-PS-Modell bis zum 2,5-Liter Stromlinien-Cabriolet, dem „Autobahnwagen“ des Steyr-Konstrukteurs Karl Jenschke; oder Hanomag mit dem  Kommissbrot, Horch mit seinen einst den Markt beherrschenden Achtzylindern oder Wanderer mit  schnittigen Cabriolets und Roadstern; ja sogar ein Stoewer Sedina aus Stettin steht da – vergessene Pioniere von einst, damals aber die Stars der frühen Jahre.

Natürlich stehen da auch Exponate aus der Zeit, als das Auto fahren lernte: der Benz Patentwagen  und der Daimler-Motorwagen etwa, der Lutzmann Dessauer, der Opel Doktorwagen, ja sogar ein kolossaler 40/45 PS Zweisitzer der Reichenberger Automobil Fabrik RAF heischt  erfolgreich nach Aufmerksamkeit. Van-Fans von heute staunen, wenn sie das derzeit vorherrschende  Prinzip „Höhe schafft Raum“ in der fast zwei Meter hohen, siebensitzigen  Pullman-Limousine Maybach SW42 oder im Mercedes Benz 370 Mannheim wiederfinden.

Porsche-Jünger stehen andachtsvoll vor dem Gmünd-Coupé 360/2, einer Leihgabe aus Zuffenhausen, BMW Z8-Verehrer verharren staunend vor einem in Schweden eingekauften  Exemplar seines Urahns BMW 507, das Meisterstück des Grafen Goerz und vielleicht der schönste Roadster überhaupt.

Was hier an Kostbarkeiten funkelt und glänzt, gehörte nicht selten zu den Garagenschätzen von Sport- und Filmstars, aber auch von autobegeisterten Diktatoren und Potentaten, tauchten doch Pretiosen aus dem Stall Marschall Titos erst vor kurzem wieder in Belgrad auf. Das in Amerang ausgestellte, hinreißend dahingestreckte rotschwarze Mercedes-Benz 320 Cabriolet soll einst dem ebenso eitlen Marschall, Flieger und Autoliebhaber Herrmann Göring gehört haben, im zwanzig Jahre später entstandenen Horch-Sachsenring Cabriolet P240 wurde der DDR-Minister Hoffmann chauffiert.

Etwa 50 weitere Repräsentationslimousinen und -Cabrios werden im Fundus des Museums intakt  gehalten, von Museumsleiter Jakob Maier in einer eigenen Werkstätte penibel gecheckt und bei Bedarf fahrfertig gemacht, denn in Amerang kann man die schönsten Oldies leihen, sei es für  Geburtstage, Hochzeiten und andere Festivitäten. Das mit einem Schätzpreis von etwa einer Million Euro teuerste Stück der Sammlung ist das in der Schweiz erstandene Mercedes-Benz 540 K Cabriolet, ein Achtzylinder-Kompressor mit 180 PS, mit 170 km/h Spitze eines der schnellsten Automobile der Vorkriegszeit.

Aber Autos sind nicht alles. Jung gebliebene und junge Buben fasziniert die weltgrößte Modelleisenbahnanlage der Spur II, die auf einem 500 Quadratmeter großen Areal originialgetreu den Eisenbahnverkehr der 60er-Jahre demonstriert, und gäbe es Trennscheiben, würde sich Jung und Alt an einmaligen Rennwagen die Nasen plattdrücken. Der Arrows Formel 1 A7-1, gepowert mit BMW M-Turbotechnik, brachte stolze 1.000 PS. Er steht an der Spitze der Leistungsskala, die am Beginn unseres Rundgangs mit 0,5 PS begonnen hat. Wer also wissen will, wie es war, als noch keine Off-roader, Crossovers oder andere Nischenprodukte effektheischend und dieselnd unsere Großstadtschluchten verstopften, dem gibt Amerang Antworten, die ihn noch lange beschäftigen werden. Dem vor Jahren verstorbenen Ernst Freiberger aber gebührte eigentlich ebenfalls eine Büste, und zwar ganz vorne gleich am Eingang. Danke, gut gemacht, Bäckerssohn!

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