Lavendelkind: Aus dem Nähkästchen

Julia Schuster

Zwei Lavendelkinder - Puppen nach Waldorfart
Mit der kleinen Puppe (links) gewann Stephanie Pichler den Kunstpreis für zeitgenössische Puppenkunst 2017. Fotos: Andreas Jacob

In ihrer Werkstatt Lavendelkind im Kunsthof Pösling zaubert Stephanie Pichler in liebevoller Handarbeit Puppen nach Waldorfart.

Dort, wo einst Kühe zuhause waren, entsteht heute Kunst. Fünf Werkstätten beherbergt der ehemalige Kuhstall des heutigen Kunsthofs in Pösling, im Westen Rosenheims. Neben Keramik, Holzskulpturen, Mode und Gemälden werden hier auch in liebevoller Handarbeit Puppen nach Waldorfart hergestellt – die „Lavendelkinder“.

Durch die großen Stallfenster lässt sich bereits ein erster Blick in das kleine Atelier erhaschen, in dem Stephanie Pichler gedankenversunken in einem Sessel sitzt, mit einem Püppchen in der Hand und mit Nadel und Faden hantierend. Auf einem Tisch in der Mitte des Raumes liegen, fein säuberlich sortiert, allerlei Nähutensilien. In einem Regal sitzen einige von Stephanies Lieblingen, darunter auch die Siegerin des „Max Oscar Arnold“-Kunstpreises für zeitgenössische Puppenkunst 2017. Das rothaarige Puppenmädchen war ursprünglich, so wie die meisten von Pichlers Puppen, zum Verkauf gedacht. Doch schon beim Entstehungsprozess verliebte sich die Näherin in die Kleine, sodass sie sich entschied, das Puppenmädchen zu behalten. Wie das Schicksal so spielt, wurde sie einige Zeit später eingeladen, sich um den begehrten Kunstpreis zu bewerben und gewann ihn – mit eben jenem Püppchen.

Das Besondere an Stephanies Puppen ist die waldorfinspirierte Herstellungsweise. „Waldorfpuppen sind ganz einfach gestaltet und zeigen keine Stimmung, weder Freude noch Traurigkeit“, erklärt die 42-Jährige. Das erlaube dem Kind, im Spiel die eigenen Gefühle hineinzuinterpretieren und Erlebtes nochmals zu reflektieren. Gäbe man der Puppe beispielsweise ein Lächeln, würde man dem Kind einen wichtigen Teil dieser Reflektion nehmen. „Die Kinder lernen spielerisch, Fürsorge für sich selbst zu tragen, indem sie auf solch ein kleines ‚Menschenwesen‘ achten oder liebevoll damit umgehen“, weiß die dreifache Mutter. Charakteristisch für Waldorfpuppen ist außerdem die Auswahl der Materialien, die alle auf einer rein ökologischen Herstellung basieren. „Meine Puppen sind waldorfinspiriert, aber ich versuche trotzdem noch, meinen eigenen Stil mit reinzubringen“, so Stephanie.

Lavendelkinder - Puppen nach Waldorfart
Mit höchster Konzentration widmet sich Stephanie Pichler in ihrem Atelier im Kunsthof Pösling ihrer Arbeit: der Puppenmacherei.

Die Liebe zur Puppenmacherei entstand, als Stephanie für ihre älteste Tochter eine Puppe kaufen wollte. Da deren Preis das Budget der jungen Mutter überstieg, beschloss sie, selbst eine Puppe zu nähen. „Das ist total schief gegangen“, erinnert sich Stephanie lachend, „aber die Puppe wird geliebt wie noch was!“ In den darauffolgenden Jahren suchte die Puppenkünstlerin in der Näherei immer wieder einen Ausgleich zu den oft schweren Themen aus ihrer beruflichen Tätigkeit als Traumatherapeutin. „Die Handarbeit erinnert mich an den Zen-Buddhismus. Die Arbeitsmeditation ist etwas, worin die Mönche ganz eintauchen.“ Seit etwa sechs Jahren entwickelt sich die Puppenmacherei mehr und mehr zum zweiten Standbein.

Mit dem Namen „Lavendelkind“ verbindet Stephanie die beruhigende und umhüllende Wirkung sowie die Schönheit der Pflanze. Die Puppe soll dem Kind ein ähnliches Gefühl von Geborgenheit vermitteln und als Begleiter dienen. Auch wenn es der Name vermuten lässt, enthalten die Puppen jedoch keinen Lavendel.
Neben den waldorfinspirierten „Lavendelkindern“ fertigt Stephanie zudem auch sogenannte „natural fiber art dolls“, aufwendigere und größere Puppen mit ausgeformteren Gesichtszügen und Körperformen. Diese Puppen werden meist an ältere Kinder oder auch erwachsene Sammlerinnen verkauft, während die kleineren Waldorf-Püppchen zum Teil auch schon für Säuglinge und Kleinkinder geeignet sind.

Kunsthof Pösling
Der Charme des alten Bauernhofs blieb dem Kunsthof Pösling auch nach dem Umbau erhalten.

Etwa vier- bis fünfmal jährlich gibt die Puppenkünstlerin Wochenendkurse in ihrem Atelier. An jeweils zwei Tagen unterstützt sie überwiegend Mütter und Omas bei der Fertigung einer eigenen Puppe. „Bisher hat sich noch kein Papa in einen meiner Kurse getraut, aber ich würde mich sehr freuen, wenn da mal jemand käme“, sagt die gebürtige Münchnerin.

Die meisten der Teilnehmer hegten zunächst Zweifel, ob sie geschickt genug seien, doch schon nach einem Tag nehme die Puppe langsam Gestalt an und am Sonntagabend sei die Freude immer groß, erzählt Stephanie. Das Gefühl, die fertige, selbst genähte Puppe in den Händen zu halten, sei stets ein Erfolgserlebnis für die Teilnehmer. „Diese Freude zu sehen, ist wunderbar für mich“, sagt Stephanie lächelnd und fügt hinzu: „Sich mit schönen Dingen zu umgeben, tut dem Herzen und der Seele gut.“

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