„Aus dem Herzen in die Hand“

Christian Topel

Fotos: Andras Jacob

Als „Ginger Wood“ entstaubt Franz Keilhofer das Kunsthandwerk des Drechselns.

Das Watzmannmassiv wacht über den Biobauernhof von Familie Keilhofer in Bischofswiesen. Bis ins 16. Jahrhundert lässt sich die Geschichte des Hauses zurückverfolgen. Ähnlich lang hält sich im Berchtesgadener Land das Traditionshandwerk des Drechselns. „Draxeln“ sagt Franz Keilhofer im hiesigen Dialekt. Mit freiem Oberkörper und einer fünf Kilo schweren Holzschale in der Hand posiert er am Stamm eines Zwetschgenbaumes. Sein Rauschebart leuchtet flammrot im Licht der vormittäglichen Herbstsonne, eine Eule aus Tinte äugt von seiner Brust – nicht gerade der typische Vertreter eines gemeinhin als ziemlich vergreist empfundenen Handwerks. Und doch gehört Franz Keilhofer nicht nur seiner imposanten Erscheinung wegen zu den bekanntesten Vertretern der Zunft. Er gilt auch als einer der Besten, gehört zu der deutschlandweit recht überschaubaren Zahl jener, die vom Handdrechseln leben können. Die Tätigkeit als Model dient lediglich der Abwechslung, sorgt für ein willkommenes Zubrot und fördert den Bekanntheitsgrad der Marke Franz Keilhofer alias „Ginger Wood“, wie er sein Ein-Mann-Unternehmen nennt. 

„Aus dem Herzen in die Hand“: Der Spruch steht auf seiner rechten Wade – der ganze Körper eine von Jahr zu Jahr dichter befüllte Leinwand. Die Tätowierungen jedoch zieren nicht einfach nur die Haut. Sie erzählen Geschichten, halten Stimmungen fest oder drücken tiefe Gefühle aus. Die Nähmaschine auf dem Oberschenkel etwa ehrt die Oma, die für den Enkel Näharbeiten durchführt. Doch zurück zur Wade: Diese Leidenschaft, dieses Herzblut fürs Werken mit Holz hat Franz zufällig entdeckt, vor sechs Jahren erst, und es in Eigenregie nahezu zur Perfektion gebracht. Eine Lehre absolvieren? Undenkbar! Drechseln, erklärt der Rotschopf, habe ja auch deshalb einen so angestaubten Ruf, weil viele Meister nur die Asche weitergaben, nicht aber das Feuer. Franz aber brannte für die Sache, von Anfang an! An der Drehbank spürt der gelernte Formentechniker ein Feuer, das ihn – man darf das so pathetisch sagen – wieder lebendig machte nach einer Zeit der Dunkelheit. Depressionen hatten den Studenten gequält, ihn gezwungen, sich zuhause zu verkriechen, antriebslos und ohne Lust, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dann stieß er im Internet auf Drechsel-Videos. Fasziniert von der Technik kaufte er sich eine eigene Drehbank, richtete sich im Austragshäusl des Bauernhofs eine Werkstatt ein und legte einfach los. No risk, no fun!

Heute steht fest: Das Risiko hat sich gelohnt! Man muss Franz nur ein paar Minuten zusehen, um zu verstehen, dass hier jemand seine Berufung gefunden hat. Franz am Dreheisen, das ist wie Messi am Ball. Eleganz gepaart mit Durchschlagskraft, Zauberei mit Effizienz. In Franz Keilhofers bemalter Brust schlagen zwei Seelen. Da ist der Sensible, Zartbesaitete, der die Ängste von früher noch in sich schlummern spürt und wohl deshalb einen so begnadeten Mathe-Nachhilfelehrer abgibt; da ist aber auch die Rampensau, die als Frontmann der Band „Astrea“ eisenharte Kost serviert. Als „Gschroa-Musi“ (Kreischmusik) beschreibt Franz, was im Plattenladen unter „Hardcore“ zu finden sein dürfte.

Dieses Ying und Yang der Keilhoferschen Seele spiegelt sich auch in der besonderen Heransgehensweise ans Drechseln wieder. Der Bischofswiesener arbeitet äußerst gefühlvoll, behutsam, ja regelrecht in sich gekehrt. Mit Kopfhörern auf den Ohren taucht er in Hörspielwelten ab, während ihm stundenlang die Späne ums Gesicht fliegen. Etliche bleiben im Bart hängen, krallen sich fest wie Parasiten. Am manchen Abenden purzelt das Zeug sogar aus der Unterhose. Was roh und ungestüm wirkt, ist in Wirklichkeit eine fast zärtliche Handlung. Kraft oder Gewalt setzt Franz an der Drehbank nicht ein. „Die Röhre zieht sich selbst ins Holz, ich will dem Werkstück nichts aufzwingen“, erklärt der 27-Jährige. Bemerkenswert daran: Welch makellose Formen dieses gelenkte Laissez-faire hervorbringt.

„Der Franz drechselt intelligent“, beschreibt Wolfgang Gschwendtner jene kunstfertige Leichtigkeit. Ein „extrem gutes Formengefühl“ bescheinigt der gelernte Bildhauer, ehemalige Drechsler und Fotograf und Mitherausgeber mehrerer Drechsel-Bücher seinem jungen Freund. Als Fotograf fasziniert von Franz´ Erscheinung bewundert der alte Hase als Drechsler dieses selten so gesehene Gespür fürs Material. „Eine Kugel“, führt der Erfahrene als Beispiel an, sehe zwar einfach aus. Hohlformen aber so exakt hinzubekommen sei schwer. Ungeübteren mache die Oberflächenspannung einen Strich durch die Rechnung.

„Auf den idealen Winkel kommt´s an“, verrät Franz, der einfach im Blut hat, wie er das Werkzeug idealerweise ansetzen muss. Doch was ihm so mühelos von der Hand zu gehen scheint, ist nicht nur feinste Maßarbeit, auf Dauer kostet es natürlich auch Kraft. Immerhin fertigt Franz in einem Affenzahn rund 60 Rohlinge in vier Stunden – noch etwas pummelige, leicht eiförmige Schalen, die erst wochen-, ja monatelang trocknen müssen, ehe sie in jene grazilen, kreisrunden Stücke verwandelt werden, die den der Werkstatt vorgelagerten kleinen Laden (und Nachhilferaum) bevölkern. Die noch anstrengendere Schufterei hat Franz zu dem Zeitpunkt längst hinter sich. „Ginger Wood“ betreibt das Drechseln als ganzheitliche Tätigkeit. Ganzheitlich in dem Sinne, dass er den kompletten Verwertungsprozess in eigener Hand halten will. Darum stapft er Ende jedes Jahres hinauf in den zum Hof gehörenden Wald und fällt eigenhändig ausgewählte Hölzer. Anders als Schreiner sucht er sich nach dem Zersägen der Stämme solche Stücke aus, die gerade nicht astrein aussehen. Keilhofers Schalen, Schreibgeräte, Schmuckstücke oder Wohnaccessoires tragen Muster, Linien – Charakter eben.

Im Keller, wo sich auch die von Mäusefallen beschützten Rohlinge zum Trocknen stapeln, hat der Tüftler sogar extra eine Art Pilzfarm errichtet. Für die wie ein Geflecht aus Adern wirkenden  schwarzen Linien im Buchenholz beispielsweise zeichnen Pilze verantwortlich. Die versucht Franz dort unten gezielt heranzuzüchten, um das Holz optisch zu veredeln. Alles weitere gibt er den Objekten an der Drehbank mit. Nachschleifen? Nicht nötig. Abend in Bischofswiesen.

Der Watzmann wirft seinen langen Schatten über das Tal. Erst jetzt, wenn er sich mit Kamm und Besen vom Ballast der Späne und unter der Dusche vom – je nach Holzsorte – strengen Geruch des Tagwerks befreit hat, ist Franz wieder ansprechbar. Da draußen, außerhalb der Werkstatt, warten etliche Anfragen. Firmen, Vereine und Privatleute reißen sich um ihn als Vortrags-Drechsler. Doch die müssen sich jetzt erst einmal gedulden. Mehr als das Drechseln liebt diese äußerlich so schillernde, innerlich so schüchterne Person die Familie und Freundin Nadine. Selbst ein Messi soll ja angeblich ohne Ball zu Bett gehen...

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