Aus dem Ei gefräst

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Ein Osterbrauch auf die Spitze getrieben: Barbara Neuhaus holt alles aus Eiern raus. Übrig bleiben höchst filigrane Kunstwerke.

Als Paradesymbol für Fruchtbarkeit spielt das Ei auch im christlichen Brauchtum eine gewichtige Rolle. An die Auferstehung Jesu gemahnen zu Ostern verschenkte Eier. Zur Feier des Tages wird das Kalk-Oval facettenreich verziert. Eine Frau aus Bischofswiesen bringt es dabei mit Pinsel und – kein Scherz – Zahnarztbohrer zur Perfektion.  

Das Geräusch, das Barbara Neuhaus verursacht, wenn sie ihr Kunsthandwerk betreibt, kann Gänsehaut erzeugen. Sie sitzt – des Staubes wegen – mit Mundschutz auf ihrer Terrasse und hantiert mit einem handelsüblichen Zahnarztbohrer. Nur entfernt sie nicht etwa Karies, sondern Kalk. Die Sport- und Biologielehrerin fräst Löcher in Hühner-, Gänse-,  Enten- oder sogar Straußeneier und lässt fragile Gebilde entstehen, die am Ende mehr aus Luft als aus Schale zu bestehen scheinen. Am Ende, das heißt: nach 15 bis 20 Stunden Arbeit – wenn nichts zu Bruch geht. Ein Unglück, das sich durch einen leisen Ton ankündigt, gottlob nur in zwei von zehn Fällen vorkommt und das Barbara mit Gelassenheit hinnimmt – wenn es nicht kurz vorm Finale passiert. 

Wie entsteht nach und so ein Filigran-Ei, mit dem die Lehrerin inzwischen auf Ostermärkten in ganz Deutschland für Furore sorgt? Zuerst heißts voller Einsatz für die Lungen. Ehe sie ein Ei perforieren kann, muss sie es natürlich ausblasen. Als nächstes steht eine Art „Kartographie“ auf der Agenda. Die gebürtige Bambergerin zeichnet mit dem Bleistift quasi eine Schablone auf die Schale. Erst dann setzt sie, zart, ganz zart, den Bohrer an, um Loch um Loch ins Ei zu fräsen. Rekord: über tausend Löcher! Mit einem doppeldottrigen Gänse-Ei gelang ihr diese Höchstleistung. Vom Staub befreit erhalten die Schätze zum Abschluss einen feinen Anstrich. Tiere, Blumen, Muster bringt Barbara an, wo sie noch Platz findet.

Der zerbrechliche Osterschmuck kostet zwischen 30 und 180 Euro. Weich gebettet lagern die Eier das Jahr über in Kästchen, ehe sie zu Ostern wieder das Licht der Welt erblicken. Zur selben „Jahreszeit“ im Brauchtumskalender, vor knapp 30 Jahren, brütete Barbara ihr Hobby aus. Die heute 56-Jährige spazierte über den Erlanger Ostermarkt, war begeistert von den unterschiedlichsten  Ostereier-Kunstwerken und fühlte sich inspiriert, selbst Hand beziehungsweise eben den (damals noch väterlichen) Bohrer anzulegen. Heute gleicht kein Ei dem anderen – dafür ist jedes Objekt wie aus dem Ei gepellt.

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