Auf Gold und Silber gebaut – die Geschichte des Raurisertals

Lucia Schletterer

Fotos: Lucia Schletterer, Fam. Pirchner

Wie ein Tal in den Salzburger Alpen es geschafft hat, sich seine Ursprünglichkeit zu erhalten und doch stetig weiterzuentwickeln.

Fährt man zum ersten Mal durch das Raurisertal, fällt einem etwas sofort auf: Bettenburgen, unförmige Großbauten, moderne Liftanlagen mit Massenparkplätzen und sonstige Bausünden sind nicht zu sehen. Von touristischen Nachbarorten kommend, fühlt sich Rauris wohltuend ruhig an. Siegfried Kopp, der Kustos des örtlichen Museums, erklärt dies folgendermaßen: „Der sanfte Tourismus war eine Grundphilosophie, die das Tal geprägt hat“.

Das Raurisertal ist ein Seitental des Salzachtals, im Bezirk Zell am See in Salzburg. Es liegt nördlich des Alpenhauptkamms zwischen dem Fuschertal im Westen und dem Gasteiner Tal im Osten. Bekannt wurde es durch den Jahrhunderte währenden Goldabbau. Mehrere Passübergänge verbinden das Tal mit Kärnten im Süden und den Nachbartälern. Eine alte Römerstraße führte nach Süden, bis der Bau der Großglockner-Hochalpenstraße deren Bedeutung ablöste. Beim Talschluss angekommen, befindet man sich mitten im Nationalpark Hohe Tauern.

Nicht zu übersehen ist auch heute noch die Prägung des Ortes durch den Goldbergbau. Viele Häuser in Rauris erinnern an dessen Blütezeit. Große sogenannte Gewerkenhäuser prägen die Dorfstraße. Gewerken waren die Bergwerksunternehmer, die ab dem 14. Jahrhundert im Auftrag der Landesfürsten Gold und Silber abbauten. Behutsam renoviert und mit Infotafeln versehen, lassen sie beim Vorbeigehen die Geschichte lebendig werden.

In der Dorfchronik – dem Rauriser Dorfbuch – ist zu lassen, dass bereits in vorchristlicher Zeit auf einer Höhe von über 2.000 Metern die Taurisker gehaust zu haben scheinen, ein Kelten-Stamm. Sie jagten und suchten nach Gold. Circa um 15 vor Christus fielen die Tauern den Römern in die Hände. Der Bergbau nahm durch deren Kenntnisse und Fertigkeiten raschen Aufschwung. Nach Abzug der Römer 477 nach Christus wurde der Grubenbau eingestellt und die einzige Möglichkeit Gold zu gewinnen war die des Goldwaschens. Nicht nur in Rauris, sondern auch in umliegenden Gegenden. Im 13. und 14. Jahrhundert war dies für viele Bauern eine günstige Nebenerwerbsmöglichkeit, sodass sich ab 1340 wieder ein größerer Bergbaubetrieb nachweisen lässt, organisiert durch die genannten Gewerken mit vielen Bergknappen. Die Blütezeit des Bergbaus war zwischen 1460 bis 1560. 1557 zählte er bis zu 2.000 Beschäftigte. Rauris selbst hatte damals rund 3.000 Einwohner (heute 3.013). Vor allem durch die Verschlechterung der allgemeinen Wirtschaftslage und die Veränderung des Klimas (Vorstoß des Gletschers) begann ab 1560 langsam der Rückgang des Bergbaus.

Der Rauriser Ignaz Rojacher versuchte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Goldbergbau in Rauris noch einmal zur Blüte zu bringen. 1844 wurde er im Tal in ärmlichen Verhältnissen geboren. Seine Pflegeeltern hielten nicht allzu viel von Schulbildung, so musste er trotz seiner Wissbegierigkeit oft Ziegen hüten und konnte dadurch nicht in die Schule. Sein Lehrer erkannte sein Talent und erklärte: „Entweder kimmt der Nazl auf’n Galg’n oda er wird ebbas Groß’s“ (etwas Großes). Er erlernte das Zimmererhandwerk und wurde später Bergwerkszimmerer. Er genoss großes Vertrauen seiner Vorgesetzten und wurde auch als Sachverständiger geschätzt. Rojacher pachtete 1876 den ganzen Bergbaubetrieb, 1880 konnte er ihn schließlich erwerben. Rojacher war findig und setzte viele Innovationen um. 1881 installierte er bereits eine Telefonleitung von seinem Amtssitz ins obere Knappenhaus, 1883 baute er eine elektrische Lichtanlage und hatte somit Strom – nachweislich vier Jahre vor der Stadt Salzburg. Bekannt wurde Rojacher durch den Bau der Wetterstation am Hohen Sonnblick in 3.106 Meter Höhe. Bis heute ist das Obversatorium ganzjährig besetzt und als höchstgelegene meteorologische Beobachtungsstation eine wichtige interdisziplinäre Forschungsstation. Der Bergbau kam trotz vieler Mühen und Investitionen aber nicht mehr zur Geltung. 1886 verkaufte er den Bergbau an einen belgischen Grafen, der den Bergbau stilllegte. Nach Überlegungen zur Wiederaufnahme des Bergbaus 1986, sprach sich die Bevölkerung dagegen aus, da sie durch den zu erwartenden Einsatz von Chemikalien große Umweltzerstörungen befürchtete.

Die Idee des Nationalparks wurde 1971 geboren, nach Vorbild amerikanischer Nationalparks. Bis zur Umsetzung dauert es jedoch etliche Jahre, Diskussionen und Verhandlungen mit vielen Beteiligten. Da die strikten Naturschutzforderungen nicht in allen Bereichen durchsetzbar waren, wurde der Nationalpark in eine Außen- und Kernzone eingeteilt. An den Außenzonen – den Almen und Waldgebieten – darf eine sanfte Bewirtschaftung stattfinden. Salzburg setzte das Nationalparkgesetz 1984 um und Rauris wurde die flächenmäßig größte Gemeinde des Nationalparks. Der Nationalpark Hohe Tauern selbst ist der größte zusammenhängende Nationalpark in den Alpen. Durch viele verschiedene Gesteine und Böden und ein breites klimatisches Spektrum ist eine große Pflanzen- und Tiervielfalt gegeben. Highlights sind 266 Berggipfel über 3.000 Meter, 551 Seen, 250 Gletscher und unzählige Almen.

Beim Thema Wissensvermittlung ist in Rauris, neben den Schulen, auch noch ein weiteres Haus sehr wichtig: Das Talmuseum. Wer tiefer in die Geschichte und Kultur von Rauris eintauchen möchte, findet beim Kustos Siegfried Kopp alle wichtigen Informationen. Er hat in mühevoller Kleinarbeit unzählige geschichtliche Aufzeichnungen in Kurrentschrift in die heutige Schrift transkribiert. Ein großer Teil der Aufzeichnungen über Rauris stammt vom ehemaligen Lehrer Siegmund Narholz. Kopp hat sie gemeinsam mit Unterstützern nach dessen Tod im „Rauriser Dorfbuch“ gebündelt und veröffentlicht. Narholz kam 1902 aus dem 50 Kilometer entfernten Leogang nach Rauris und lebte für 60 Jahre im Tal. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer und Direktor war er ein leidenschaftlicher Heimatforscher. Circa sieben Jahrzehnte Rauriser Kultur wurden von ihm verschriftlicht, es war ihm ein großes Anliegen die Volkskultur für die Nachwelt festzuhalten. Akribisch dokumentierte er jedes wesentliche Ereignis im Dorf – von Hochzeiten, Unfällen, Naturkatastrophen bis Wetteraufzeichnungen. Gemeinsam mit Wilhelm Ritter von Arlt gründete er 1937 auch das Talmuseum. In Lichtbildvorträgen brachte er Einheimischen und Sommergästen die Rauriser Landschaft und Kultur näher.

Siegfried Kopp, selbst ehemaliger Lehrer und Schuldirektor, erzählt: „Es gibt eine Besonderheit, die gibt es nur in Rauris: Den Brauch der Schnabelperchten. Diese sind jedes Jahr am 5. Januar in Rauris als eine Art ‚Reinlichkeitsgeister‘ von Haus zu Haus unterwegs. Das hat sich wahrscheinlich so entwickelt, dass man vor großen Festlichkeiten oder zum Jahresschluss immer einen Generalputz macht und besonders vor dem neuen Jahr das Bedürfnis hat alles sauber zu machen. Aufgabe der Schnabelperchten ist es dann zu kontrollieren, ob alles sauber ist. Und dazu gibt es die gruselige Geschichte, dass wenn dem nicht so ist, sie mit einer großen Schere kommen und der Hausfrau – oder heute auch dem Hausmann – den Bauch aufschneiden und Mist hineinschütten. Manchmal wenn Kinder ins Museum kommen, sind die dann ganz erschreckt, wenn ich das erzähle, da muss ich dann ergänzen, dass das in Wirklichkeit natürlich noch nie vorgekommen ist.“

An zwei Goldwaschplätzen kann man heute noch spielerisch nach Gold suchen. Aber eigentlich ist das gar nicht notwendig. Es reicht, sich neben der Rauriser Ache auf eine Wiese zu legen, dem Gurgeln des Wassers zu lauschen und ringsherum die Natur zu genießen. Das ist unbezahlbar.

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