Am Hof der Rosen

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Die Hege ihres Gartens bezeichnet Christine Grabichler als „Seelenarbeit“. Sie pflanzte ein Paradis aus Rosen.

Sieht man von der zauberhaften Putzornamentik der Wände ab, kitzeln zuerst Geranien das Blickfeld. Christine Grabichler folgt damit einem ungeschriebenen Gesetz: Kaum ein bayerischer Hof, der die beliebte Zierpflanze nicht einsetzt, um Farbe auf Balkon oder Fensterbrett zu bringen. In Alleinstellung am Ortseingang von Standkirchen bei Weyarn im östlichen Oberland gelegen, wartet der „Bockhof“ aber mit noch weitaus prächtigeren Blütenschwärmen auf. Vor allem Rosen in den verschiedensten Farben und Formen haben es der Gartenbäuerin angetan, seit sie vor 27 Jahren in die Landwirtschaft einheiratete und begann, den ohnehin schon imposanten Itakerhof floral „aufzuforsten“.

Die Geschichte des Hofs können Christine und ihr Mann Georg bis ins Jahr 1450 zurückverfolgen. 1896 erweiterte der damalige Besitzer das Bauernhaus um das heutige Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Schon damals angelegt: eines der beiden blumigen Aushängeschilder des Bockhofs der Gegenwart – der Bauerngarten, den Grabichlers von Grund auf erneuerten. Die erste Herausforderung bestand darin, den auf einem Hügel sitzenden Flecken zu begradigen. Tritt man von außen an das 140 Quadratmeter umfassende Refugium heran, fällt als erstes der Staketenzaun auf, deren Latten Gatte Georg aus einer abgestorbenen Eiche gesägt und mit abgerundeten Zierfräsungen versehen hat. Das darf man durchaus so sagen, ohne es despektierlich zu meinen: Der Hofherr zeichnet fürs Grobe verantwortlich; zimmerte zum Beispiel hölzerne Gartenmöbel oder schnitt den im Zentrum des Bauerngartens thronenden Holzbrunnen aus einer alten Fichte.

Die Pforte ins Pflanzenglück betritt man durch ein mit duftenden Rosen bewachsenes Eisenspalier. Drinnen blüht auch Christine Grabichler regelrecht auf. Denn ihr akkurat in vier Quadrate eingeteiltes Kleinod birgt nicht nur duftende Blumen und Wintergemüse – zu vielen Beetbewohnern gibt es auch Anekdoten oder Sagen zu erzählen. Beim Betrachten der Herbstastern etwa erinnert sich das Ehepaar gern an den Brautstrauß, den sie anlässlich der Silberhochzeit quasi wieder aufblühen ließen; der mit wunderschöner rostroter Patina überzogene Metalltisch im „Ratsch-Eck“ habe bloß zwei Maß Bier gekostet; und zum Anlegen des Mariengartens im rechten, hinteren Quadrat inspirierten die begeisterte Sängerin jene Blumen, von denen oft in Marienliedern die Rede ist. 

In diese vor Jahrhunderten aus den Klöstern in die Gärten des einfachen Volks hinübergewucherte Pflanzkultur hat sich Christine Grabichler mit fast wissenschaftlicher Akribie eingearbeitet. Eine hölzerne Mutter Gottes wacht über das vor Symbolik nur so strotzende Beet. Der Glonner Bildhauer Manuel Kuthan hat sie aus einem an eine Grotte gemahnenden Brocken Eichenholz geschnitzt. Schutz und Güte strahle das Kunstwerk aus, sagt die Gärtnerin und streicht mit der Hand durch einen Büschel Frauenminze – auch Marienblatt genannt. Dann schnuppert sie an den Händen, genau so, wie es früher die gläubigen Frauen gemacht haben sollen, um bei stundenlangen Gottesdiensten wieder munterer zu werden. Daneben strahlt eine weiße Lilie Grazie aus. Sie gelte als Zeichen der Reinheit, weiß die Mutter dreier Töchter, wohingegen die Erdbeere Frucht und Blüte vereine und so den Status Mariens als heilige Jungfrau und Mutter zugleich versinnbildliche.

Ein Garten voller Geschichten, die Christine Grabichler den Sommer über in vielen Führungen zum Besten gibt. Nach solchen Rundgängen bittet sie dann zu Tisch. Rosenlimonade und Rosenblütenbällchen munden vorzüglich, und den Augen schmeckt der Ausblick in Richtung des zweiten Herzensprojekts. Vor ein paar Jahren wuchs seitlich der Auffahrt zur Tenne noch der Misthaufen empor. Heute hangeln sich Rosensträucher mit reichlich Humus aufgefüllte „Terrassen“ empor, unterpflanzt mit Rosen-Thymian, Gamander oder Frauenmantel. Dicht und üppig wuchern die Pflanzen. Noch so ein Beet an Hanglage. Vier Jahre widmete sich Christine Grabichler seiner Umsetzung. Gut´ Ding braucht bekanntlich Weil´.  Aber bei Ihren Lieblingen spielt Zeit keine Rolle. Es scheint, als tickten die Uhren hier langsamer.

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