Am Anfang war ein Vogel

Christian Topel

Drei Generationen Trachten-Expertise: Beo-Gründerin Marianne Stadler-Kern, Tochter Maria Reiter (rechts) und Enkelin Sophie Lanzinger.
Fotos: Andreas Jacob

Anfangs als vorübergehende Notlösung gedacht, setzte sich „Beo“ bald als Firmenbezeichnung in den Köpfen fest. 30 Jahre später ist aus dem Ein-Frauen-Geschäft ein Premium-Trachtenhaus geworden.

Wer Haustiere hat, weiß: Die mal mehr mal weniger possierlichen Tierchen nehmen einen bedeutenden Platz im Leben ihrer Besitzer ein. So mancher empfindet sie als Familienmitglieder.
Der Piepmatz, der stolze 17 Jahre an der Seite von Marianne Stadler-Kern lebte, schwang sich sogar zum Namenspatron des Familienunternehmens empor. 1998 war sie auf Anraten eines befreundeten Antiquitätenhändlers in die Toskana gereist. Bei einem Schmied aus Arezzo wollte sie sich die Einrichtung für das frisch gegründete Geschäft besorgen. Doch jener Schmied beherbergte auch einen sprechenden Beo, der Kunden bespaßte. Davon ließ sich Marianne inspirieren. Zurück in Rosenheim besorgte sie sich ebenfalls ein Exemplar, das fortan werktags im Laden lebte und an den Wochenenden dem heimischen Wellensittich Gesellschaft leisten durfte.

Passt doch gut, mag sich Marianne gedacht haben. Schließlich unterstellte so mancher Rosenheimer ihr ohnehin genau das: einen Vogel zu haben. Wer macht denn bitte von jetzt auf gleich – ohne finanzielle Absicherung – einen eigenen Modeladen auf? Und dann auch noch mit Fokus auf Tracht? Zu einer Zeit, als man auf der Wiesn schräg angesehen wurde, wenn man ein Dirndl trug?

Beo bietet eine große Dirndl-Auswahl.

30 Jahre später darf sich Beo in Sachen Trachtenmode als erstes Haus am Platz, genauer gesagt, am Max-Josefs-Platz fühlen. Auf zwei Etagen reihen sich Kollektionen der angesagtesten Hersteller – in Schnitten und Farben eine gelungene Mischung aus Tradition und Moderne. Dirndl, Lederhosen und schickes Drumherum von Marken wie unter anderem Gottseidank, Meindl, Mothwurf, Luis Trenker, Angelika Böhm – sowie allen voran Gössl. Mit dem großen Salzburger Gewandhaus verbindet Beo eine ganz besondere Partnerschaft. Wie drückt es MMAg. Maximilian Gössl aus, der das Unternehmen in dritter Generation führt? „Es gibt Geschäfte, in denen man sich vom Augenblick des Eintretens an wohl fühlt, drinnen die Zeit vergisst und beim Rausgehen beschwingt davon schreitet, meist mit einem schönen Einkauf in der Hand. Nur wenige beherrschen es, einem Geschäft so eine Ausstrahlung zu verleihen, es so zu beseelen. Marianne Stadler-Kern gemeinsam mit Ihrer Tochter Maria Reiter zeigen seit 30 Jahren, wie es geht.“ Das geht runter wie Öl, denkt man sich als Leser. Und möchte es ganz genau wissen: Wie geht es denn nun? Wie hat diese gute Seele aus dem 64 Quadratmeter kleinen, damals noch versteckt im Esbaumviertel gelegenen Ein-Frau-Laden dieses prachtvolle 330-Quadratmeter-Geschäft mit 14 Angestellten in 1A-Lage gemacht?

Ganz nach dem Motto: Mut siegt, dürfte die Antwort lauten. Marianne Stadler-Kern vertraute von Anfang an auf ihr Gespür. Und dieses Gespür verriet ihr nicht nur ohne Fehl und Tadel, auf welche Marken Manderl und Weiberl fliegen würden. Es riet ihr auch dazu, neue Kollektionen immer wieder auf außergewöhnliche Weise zu präsentieren; auf immer wieder überraschenden Wegen mit potentiellen Käufern in Kontakt zu treten. „Uns war immer klar: Wenn man etwas bewegen will, muss man frische Ideen haben und auch mal was riskieren“, sagt die Senior-Chefin und erzählt von ihrem ersten Schildbürgerstreich. Da wagte sie es doch tatsächlich, gleich im zweiten Geschäftsjahr, das Rosenheimer Ku´Ko zu mieten.

Eine Modenschau wollte Marianne veranstalten. Und erwartungsgemäß rumort es wieder unter den „Gscheidmeiern“ der Stadt. Modenschauen, die gehören nach Paris, nach Mailand! Doch die frischforsche Geschäftsfrau straft sie wiederum Lügen, all die Zweifler. Das Veranstaltungszentrum platzt aus allen Nähten. Die Leute stürmen im Anschluss das Geschäft. Also bleibt Beo dem Konzept treu. Im Laufe der Jahre beweisen Marianne und Maria immer wieder ihr feines Näschen für erinnerungswürdige Ereignisse. Nur ein Beispiel: Den Begriff des „Modezirkus“ wörtlich nehmend, überredet das Duo einen in Rosenheim Halt machenden Zirkus, sein Sternenzelt zwei Tage länger stehen zu lassen. An diesen zwei Tagen unterbricht Beo die Vorstellung durch Modenschauen. Nach außen hin ein durchschlagender Erfolg. Doch Mutter und Tochter erinnern sich mit leichtem Schaudern an den Stress, der hinter den Kulissen herrschte. Es war Anfang April und fing über Nacht an zu schneien. In der Arena sei das Wasser knöcheltief gestanden. Da hieß es frühmorgens im Eiltempo die Putzlappen zu schwingen...

Nicht die Putzlappen, sondern das Tanzbein schwingen Kunden seit rund zehn Jahren, wenn Beo zum großen Trachtenball ruft. Längst eine Institution im hiesigen Veranstaltungskalender, hatte die Premiere Hubert Meixner angeregt, der musikalische Kopf der berühmt-berüchtigen „Cubaboarischen“. In wechselnden, stets rappelvollen Sälen treffen sich alljährlich tanzwütige Trachten(musik)-Fans aus nah und fern – inklusive vorausgehendem, kostenlosen Tanzkurs mit Tanzmeisterin Katharina Mayer. Dieser Ball, erklären die Veranstalterinnen, spiegele im Großen, was sie im Laden im Kleinen vorleben: Das Lebensgefühl Tracht, die Leidenschaft für Land, Leute und Kleidung, solle sich generationenübergreifend fortpflanzen. Folgerichtig arbeitet nach Junior-Chefin Maria (seit 2005) inzwischen mit dem „Sopherl“ (Mariannes Enkelin) die dritte Generation im Geschäft. Zwistigkeiten zwischen Alt und Jung? Fehlanzeige. „Wir ergänzen uns perfekt“, betont Maria. Während sie eher kaufmännische Angelegenheiten im Blick habe, profitieren Regale und Schaufenster von Mariannes dekorativem Geschick. Sophie indes mache Beo über die sozialen Medien fit für die digitale Zukunft. Und der Rest des Teams? „Wer bei Beo arbeitet“, betont Marianne, „identifiziert sich voll mit dem Team und liebt es, Kunden zu bedienen.“ Beides fällt auf, wenn man durch die Tür tritt. Ein munteres Treiben wie in einer Voliere herrscht. Hier schnattern zwei Kolleginnen fröhlich, während sie Blusen zusammenlegen;  dort umschwirren zwei weitere Mitarbeiterinnen eine junges Paar, das sich für die anstehende Hochzeit einkleiden will. Maria zwitschtert Bestellungen ins Telefon. Und Marianne? Die darf kurz Durchatmen. Und mit Stolz zurückdenken an die Anfangstage vor 30 Jahren. Als alles mit einem kleinen Beo begann. 

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