Als Gärtner Gottes Schöpfung wahren

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Jedes Kloster pflegte früher eigene Gartenanlagen. Sie dienten als Nutzgarten und Hort für Heilkräuter. Aus der Klostergärtnerei Gars am Inn hat ein Bruder ein topmodernes Unternehmen gemacht – im Einklang mit dem Glauben.   

In Trippelschritten spaziert Bruder Ulrich die Stationen seines Lebenswerks ab: Klostergärtnerei, Klosterfriedhof, Kräuter- sowie Klostergarten. Diese Art zu gehen – völlig ohne Hast, aber doch beständig und zielstrebig – kann als Sinnbild dienen für die Art und Weise, wie der 83-Jährige hier gewirkt hat. Und genaugenommen immer noch wirkt! Denn in den Ruhstand als Leiter der Klostergärtnerei Gars am Inn ist Bruder Ulrich nur auf dem Papier gegangen. Mit Rat und Tat zur Seite steht er seinen Nachfolgern nach wie vor. Und die nehmen seine nahezu tägliche Anwesenheit dankbar an. Schließlich ist es diesem Mann zu verdanken, dass sich das Garser Re-demptoristenkloster neben einem Ort der Seelsorge und der Lehrerfortbildung vor allem auch zu einer regelrechten Pilgerstätte für Pflanzenfreunde entwickelt hat. Die Klostergärtnerei ist zum Aushängeschild des Viertausend-Seelen-Marktes im südlichen Landkreis  Mühldorf geworden. Und wer seinen Einkauf mit einer Führung über die von Frühjahr bis Herbst durchgehend blühende Anlage verbindet, bekommt – unter der genauso kundigen wie trippelschrittgemütlichen Leitung von Bruder Ulrich – einen beeindruckenden Grundkurs in Botanik gleich mit dazu! 

30 Grad im Schatten hat es an diesem Tag. Bruder Ulrich trägt zum Schutz gegen die sengende Sonne einen Strohhut. Doch Hitze hin oder her, er denke schon jetzt an Weihnachten, sagt der rüstige Gärtnermeister – und lenkt die fragenden Blicke mit schelmischem Lächeln in Richtung einer locker zwei „Quadratbillardtische“ langen Pflanzenkultur. Und siehe da: Unter dem zusammenraffbaren, elektronisch gesteuerten Dach des Gärtnerei-Hauptgebäudes wachsen wahrhaftig schon die ersten Weihnachtssterne heran. Gegenüber glänzen Geranien. Linkerhand laden Arnika, Brunnenkresse oder Winterpostelein zur Verkostung. Bruder Ulrich weist auf die „Verkabelung“ der unterschiedlichen Beete hin. Wann und wo Schatten gespendet wird, welche Pflanzen bewässert oder gedüngt gehören sowie viele weitere Komponenten steuert ein Klima-Computer. Bruder Ulrich mag seine Lehre zu einer Zeit absolviert haben, als man von solchen Errungenschaften nicht einmal zu träumen wagte, dennoch hat er die Garser sowohl zur modernsten als auch größten Klostergärtnerei des Freistaats und damit zum wirtschaftlichen Standbein des 768 von Herzog Tassilo III. gegründeten Klosters gemacht.

 

Benediktiner waren seine ersten Bewohner, bevor das Kloster in den Jahren 1125 bis zur Säkularisation 1803 ein Augustiner-Chorherrenstift wurde. In dieser Zeit fiel die ursprüngliche Anlage zu großen Teilen der Zerstörungswut des 30-jährigen Kriegs zum Opfer, um im Anschluss, Mitte des 17. Jahrhunderts, prachtvoll wiederaufzuerstehen. Die Pfarr- und Klosterkirche Mariä Himmelfahrt und St. Radegundis – eine Wandpfeilerkirche mit umlaufenden Emporen – gilt als als einer der frühesten barocken Kirchenbauten Altbayerns.Zu jener Zeit, weiß Bruder Ulrich, sei auch erstmals ein Klostergarten entstanden. „Seine“ Redemptoristen hielten erst 1858 Einzug – und hundert Jahre später er selbst. Sein Bruder hatte im Internat Gars gelebt, über ihn lernte Josef Gaugele (wie Bruder Ulrich vor seinem Gelübde hieß) Orden und Kloster kennen.  

Eine kleine Gärtnerei fristete damals schon ihr kümmerliches Dasein. Doch lag sie im Innenbereich und war trotz gewerblichen Gewächshauses eher auf den Eigenbedarf getrimmt. Dabei dienten doch Klöster von jeher als Anlaufstellen für die umliegende Bevölkerung, um sich mit Obst, Salat oder Gemüse zu versorgen; dabei klopften doch Kranke traditionell an Klosterpforten, um das von den Orden am Leben erhaltene Wissen um die Heilkraft vieler Kräuter anzuzapfen. „Klöster waren die Apotheken der Vergangenheit“, erzählt Bruder Ulrich. Nachdem der gebürtige Baden-Württemberger seine Lehre als Gärtner begonnen und von Ravensburg über die Schweiz bis in eine schwedische Großgärtnerei gezogen war, ließ er sich in Bonn zum Meister und in Gars zum Bruder „küren“. Er machte es sich zur Aufgabe, den Laden gehörig auf Vordermann zu bringen. Erste Maßahme im Jahre 1963: Die Neuerrichtung der Gärtnerei außerhalb der Klostermauern.

Bis zu 180 auserlesene Kräuter, eine opulente Vielfalt an Balkon- und Gartenblumen, in Vergessenheit geratene Pflanzen, Salat und Gemüse sowie vor allem auch vier Sorten einer eigens kompostierten, unglaublich fruchtbaren Erde bilden inzwischen das Sortiment des stetig gewachsenen Betriebs. Darin zog Bruder Ulrich nicht nur Blumen groß, im Laufe der Jahre hat er auch über 100 Lehrlinge ausgebildet. Als  Gartenbauvereine von seiner mit spitzbübischem Humor angereicherten Fachkenntnis erfuhren, verwandelte  er sich obendrein in einen   Vortragsreisenden. Rund 1.500 Mal hat er Zuhörern in Bayern und Österreich erklärt, wie er sich einen so ergiebigen wie schonenden Umgang mit Gottes Natur vorstellt. „Mein Credo lautete immer, die Schöpfung zu bewahren“, erinnert sich der Träger der „Goldenen Rose“, der höchsten Auszeichnung des Bayerischen Landesverbands der Obst- und Gartenbauvereine. Und so lange ihn seine Füße tragen, gedenkt er nicht mit seiner Mission aufzuhören. „Ich bin morgens der erste, der kommt, und abends der letzte, der geht“, sagt Bruder Ulrich und tripptrappst hinüber in den großzügigen Klostergarten, der im Osten der Anlage liegt. 

Dutzende Bäume werfen ihre Schatten auf die kreuz und quer verlaufenden Wege. Einer von etlichen Brunnen des Klostergeländes gluckst fröhlich vor sich hin. Die ganzen Quellen, erklärt Bruder Ulrich, seien Relikte der Eiszeit. Diesen Garten hat er als Rückzugsort für die Patres und Brüder angelegt. Als Ort der Ruhe und Kontemplation hat die Öffentlichkeit hier normalerweise keinen Zutritt, außer im Rahmen einer Führung. Südöstlich von Kloster und Kirche liegt der Klosterfriedhof. Müßig zu sagen: auch er ein Werk des umtriebigen Gärtners Gottes. Bruder Ulrich bittet, sich genau umzusehen. „Dieser Friedhof ist ein Ort des Lebens“, betont er, „eher Paradiesgarten denn letzte Ruhestätte.“ Vorherrschende Farbe sei aus diesem Grunde grün. Welche der Patres und Brüder hier begraben liegen, machen durchwegs schlichte Granitsteine kenntlich. Der Grabschmuck rekrutiert sich aus  unterschiedlichen immergrünen Bodendeckern und saisonalen Blumen. Obwohl zu Lebzeiten durchaus Rangunterschiede bestanden oder mancher der Geistlichen zu Ruhm und Ehre gelangte, zeugen die Gräber von vollkommener Harmonie. „Im Tode sind alle gleich“, sagt Bruder Ulrich und zeigt auf die einträchtig nebeneinander liegenden Gräber von Bernhard Häring, dem berühmten Moraltheologen, und Bruder Max, der sich um den Schmutz der Gemeinschaft gekümmert habe.

Jenseits der Kirche wartet mit dem Kräutergarten das jüngste Prunkstück. Als das Kloster 2008 restauriert und umgestaltet wurde, nutzten Unruheständler Ulrich und Gärtnermeister Julius Kagerer (sein offizieller Nachfolger) die Gunst der Stunde und regten an, den „Alten Novizengarten“ im Innenhof der Klosteranlage aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Von einem historischen Gemälde des Klosters inspiriert, lehnten sie das Ensemble an die symbolreiche Tradition früherer Klostergärten an.

Typisch: das Wegekreuz mit Brunnen in der Mitte und die von Buchs umfassten Beete. Sie legen sich in vier Ringen um den Brunnen als Symbol des Lebens. Im inneren Ring wachsen einjährige Blumen, im zweiten teils seltene Kräuter und Gewürze wie die Luftzwiebel oder die Eberraute. Die Pflanzen des dritten Rings weisen auf die Gottesmutter Maria hin. Die Eckbeete bleiben fast vergessenen Pflanzen aus alten Bauerngärten vorbehalten. Obwohl man den Hof auch durch das angrenzende Klostercafè betreten kann, herrscht wohltuende Ruhe. Ausflügler entspannen automatisch in dieser Atmosphäre. Nur das Gebrummse der Bienen ist zu hören. So wird aus manchem Pflanzenkauf ein spirituelles Erlebnis – Bruder Ulrich sei Dank!

www.klostergaertnerei-gars.de

 

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