Alea iacta est

Constanze Haslacher

Fotos: Andreas Jacob

Hotels bauen, Plantagen bewirtschaften oder feindliche Armeen besiegen: Damit Brettspiele auch Erwachsene in ihren Bann ziehen, braucht es Männer wie Stefan Brück. Er ist Spieleredakteur.

Der Boom begann in den 80er Jahren. Zuvor zog man Karten, würfelte, fuhr ein paar Felder und war zufrieden damit. Heute haben sowohl die Erfinder von Brettspielen – die Autoren, wie sie in der Branche genannt werden – als auch die Spieler andere, höhere Ansprüche. Es darf, nein, soll komplexer zugehen. Bei Strategiespielen werden ganze Scharen erwachsener Menschen wieder zum Kind. Stundenlang sitzen sie da und versinken in Welten wie „Catan“. Wenn sich solch eine Versunkenheit einstellt, weiß Stefan Brück, den richtigen Riecher gehabt zu haben.

Der Mann mit Wuschelkopf und dicker Brille bildet quasi im Alleingang „alea“, die Erwachsenenabteilung des Spieleherstellers „Ravensburger“. Er wohnt und arbeitet in Bernau am Chiemsee. Wobei das Wort „arbeiten“ einem nicht so recht über die Lippen will. Ob ein Spieleredakteur den ganzen Tag spielt, frage ich ihn, während Stefan Brück zwei Anschauungsobjekte aus dem Fahrradkorb fischt und mir voran ins Café stapft. Sein Seufzer beweist, dass er mit diesem Klischee schon oft aufräumen musste. „Nein, leider nicht“, erklärt er. „Werktags hat ja kein Mensch Zeit, mit mir zu spielen.“ Die Feuerproben für Neuentwicklungen müssen also am Wochenende stattfinden. Der Arbeitsalltag besteht aus Absprachen mit den Autoren, Grafikern, Übersetzern und ähnlichen Trockenübungen. „Kern des Berufs ist es, zu entscheiden, ob ein Spiel was taugt. Ob es die Menschen fesseln wird.“ Woran er Kassenschlager erkennt? „Ich denke, ich habe eine Nase dafür“, sagt Stefan Brück. Freilich, nach 20 Jahren im Geschäft gebe es gewisse Erfahrungswerte, doch letztendlich entscheide das Gefühl. Man sitzt da, testet und spürt: „Das gefällt mir, das klappt – oder klappt nicht.“

Findet Brück ein Spiel gut, werden Prototypen hergestellt. Was früher viel spannender war. Damals gab es noch keine Digitalkameras, Farbdrucker oder Designprogramme auf dem Computer. Prototypen kamen selbstgebastelt und mit Buntstiften angemalt auf den Tisch. Die meisten Spiele jedoch sortiert er schon nach dem ersten Lesen aus. Entweder hat er sie so oder zu ähnlich schon gesehen, es hakt am Spielgeschehen oder trifft nicht den Zeitgeist. Ein Beispiel: Als Schüler habe er das „Börsenspiel“ gemocht, das zu der Zeit durchaus zu den anspruchsvolleren Werken zählte. Wenn er das heute vorgeschlagen bekäme, würde er es ablehnen. Aktien, Krankenhaus, Polizei, solche Themen laufen nicht. „Alles, was mit Realität zu tun hat, funktioniert schlecht bei Erwachsenenspielen“, erklärt der Experte. Leuchtet ein – man will der Alltagsproblematik ja entfliehen beim Spielen! Und irgendwann kommt dann auch der Spieleredakteur nicht mehr drumrum.

Für den passionierten Spieler beginnt der Teil seines Berufs, um den ihn die meisten Menschen beneiden dürften: Stefan Brück spielt. Schließlich müsse man das Spiel erleben und spüren. Welche Emotionen wecke es, in ihm und den Mitspielern? Wie ist die Gruppe gestimmt, während des Spielens? Wird uns langweilig? Solche Fragen gelte es zu klären. Und auch der Feinschliff komme erst „live“. „Puerto Rico“ habe er sehr, sehr oft gespielt, und nach jeder Partie noch etwas verändert. Genauso wie beim neuesten Streich: „Die Burgen von Burgund“. Brück baut sofort Brett und Figuren auf, erklärt gestenreich die Regeln. Ein Mann in seinem Element. Wann und wie tauchte er also ein, in diesen Beruf?

Nach dem abgebrochenen Lehramtstudium machte Brück eine Ausbildung zum Industriekaufmann. In der Ausbildung war ein Praxisjahr enthalten, das er bei „Herder“ absolvierte. Der heute eher für christlich orientierte Bücher bekannte Verlag betrieb damals eine Spieleabteilung. Als Hobbyspieler konnte er viel Input leisten, half mit bei der Entwicklung von Spielen und fühlte sich pudelwohl. Allerdings stand die Spieleabteilung vor dem Aus. Brück begann sich umzusehen und landete vorerst bei „Schmidt Spiele“ in Eching. Das sind die mit „Mensch ärgere dich nicht“. Deren Spiele machten Brück aber keinen Spaß – zu wenig komplex. Nach zwei Jahren wechselte er wieder. Diesmal zu F.X. Schmid nach Prien am Chiemsee. Selbst, wem der Verlag nichts sagt, erinnert sich an seine Erfolgsspiele: „Bluff“, „Auf Achse“ oder „Adel verpflichtet“. Letzteres wurde 1990 Spiel des Jahres, und das war Brücks Glück. Das Unternehmen konnte sich einen zweiten Redakteur leisten, und er sich nun um die Spiele kümmern, die ihn bis heute begeistern: Strategiespiele. „Die Menschen“, erinnert sich der Chiemgauer, „entdeckten plötzlich ihren Spieltrieb.“ Ein neuer, bislang unentdeckter Markt entstand, als Halma, Schach oder Dame den Spielern zu fad wurden, zu abstrakt und zu trocken. Spiele mit Storyline und komplexer Methodik waren von nun an gefragt. „Die Siedler von Catan“ begannen, tausende Wohnzimmer zu bevölkern – der Beginn einer neuen Ära.

Eine Strategiespielwelle, die von Deutschland aus über die Welt schwappte. Was bei uns in den 80ern passierte, findet jetzt in anderen Ländern statt – Südkorea nennt Brück als Beispiel. Dort gebe es Cafés, wo man sich nur zum Spielen von „German typed Games“ treffe. Im Mutterland der Strategiespiele ebbte die große Welle indessen wieder ab. F.X. Schmid schloss sich 1996 mit Ravensburger zusammen, und Brück ging mit – als Ein-Mann-Abteilung „alea“. Wobei, so ganz ging er eben nicht mit. Im Chiemgau heimisch geworden wollte er nicht wieder weg. Also machte Brück seinem neuen Arbeitgeber die Idee schmackhaft, sein Büro in Bernau zu belassen. Das war vor 15 Jahren. Und Stefan Brück sitzt immer noch in der beschaulichen Chiemseegemeinde und spielt und spielt und spielt...

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