Ach, du dickes Ei!

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Die haben nicht nur einen gewaltigen Vogel. Familie Matheis betreibt eine Geflügelzucht der besonderen Art. In Flintsbach geben sie Straußen und Emus ein Zuhause.

Wie ein Ballett-Tänzer auf Stelzen stakst Strauß Samburu um Cornelia Matheis herum. Der Hahn  überragt seine Ziehmutter locker um einen halben Meter. Sein Hals ist dick wie ein menschlicher Arm, dabei biegsam wie Gummi. Samburu darf sich als glücklicher Vogel fühlen. Wenn ihm fad ist, flitzt er durch sein weitläufiges Gehege, ansonsten hat der gebürtige Flintsbacher nicht viel mehr zu tun, als sich seinen schwarz-weiß gefiederten Wanst vollzufuttern und seine beiden Hennen zu begatten.

Straußen im Inntal? In der Tat. Fast hundert Exemplare des größten Laufvogels der Welt beherbergen  Connie und ihr Mann Sepp auf „Shamba la Mbuni“, ihrer 2006 nur einen Flügelschlag von der A93 gegründeten Farm. Den Irrtum, bei dem bis zu drei Meter großen Federvieh handle es sich in unseren Gefilden um Exoten, berichtigt Connie gern. Abgesehen davon, dass die Straußenzucht in den letzten Jahren zunahm in Deutschland. Ursprünglich Zentralasiaten, breiteten sich Samburus Vorfahren vor über 2 Millionen Jahren zuerst nach Westeuropa aus, ehe sie sich nach Afrika „verliefen“. Noch vor 10.000 Jahren habe es in unseren Breitengraden freilebende Straußenbestände  gegeben, betonen die beiden Züchter – die selbst erst nach Tansania reisen mussten, um sich  unverhofft in Strauße zu verlieben.

Eine Liebe, in der es um Leben und Tod geht. Denn so zärtlich sich Connie um jedes Küken kümmert, nach spätestens 16 Monaten bringt sie die meisten Tiere zum nahegelegenen Schlachter. Zwar dürfen und sollen Besucher die Straußen und einige freche Emus auch bewundern. Doch die Farm ist kein Zoo. Hier wird Fleisch herangezogen. Köstliches und kerngesundes Fleisch. Zwischen 30 und 40 Kilo Filet, Steak, Braten, Gulasch oder Wurst gewinnt man aus einem knapp 100 Kilo schweren Strauß.

Der geschmacklich nicht weit weg vom Rind liegt, sich aber als deutlich fett- und cholesterinärmer erweist. Dafür ist er reich an ungesättigten Fettsäuren. Trotzdem setze sich das Straußenfleisch in der Region nur langsam durch, die Menschen seien eben an ihren geliebten Kühen festhaltende Gewohnheitstiere. Auf der anderen Seite der Grenze stößt der Strauß auf größeres Interesse. Im Innsbrucker Hotel Hilton zum Beispiel kommt Flintsbacher Strauß auf die Teller.

 

Wir folgen Connie in den Farmladen. Hier erfahren wir, warum der Strauß die Bezeichnung Nutztier  mehr verdient, als jedes andere Lebewesen. Handtaschen und Portemonnaies aus gegerbtem  Straußenleder reihen sich an Staubwedel oder Stolas aus Straußenfedern; ausgeblasene und bemalte  Schmuckeier liegen neben Ketten, Ohrringen und anderem Modeschmuck aus Scherben von  Schlupfeiern; ganz zu schweigen von der erstaunlichen Ergiebigkeit eines aufgeschlagenen und in die Pfanne gehauenen Straußeneis...

Auf unserem Spaziergang stolpern wir nur über ein Emu-Ei. Grasgrün glänzt es, als sei es extra fürs Osterfest gelegt worden. Staunen wir da schon über Größe und Gewicht, gehen uns die Augen über, als Connie ein Straußenei aus dem Kühlschrank wuchtet. Bei einem Durchmesser von bis zu 15 Zentimetern kann so ein Trumm bis zu 2.000 Gramm wiegen. Mattweiß wie ein Quarzstein schimmert die Schale, deren Struktur an einen Golfball erinnert. Wie viele Familienmitglieder sich von so einem Ei satt frühstücken könnten? Der Inhalt entspreche über 20 Hühnereiern, lacht Connie. Abgesehen von seiner gewaltigen Größe punkte das Straußenei noch mit einer anderen, rätselhaften Eigenschaft: sein Eiweiß lasse Allergiker kalt.

Was uns ganz und gar nicht kalt lässt, ist Jennys verliebter Blick. Die Straußendame klimpert aus den größten Augen aller Landwirbeltiere, für diese Wimpern würden menschliche Models Millionen zahlen. Mit ihren weit ausgebreiteten Flügeln betont sie ihr Balzverhalten, das nur ausnahmsweise dem  Fotografen gilt. Während der Wochen, in denen Samburu in den Flirt einsteigt, würde Connie das Gehege nicht betreten. „Ein wütender Strauß kann einen Löwen töten“, warnt die Züchterin. Mit Beinen von der Kraft eines Football-Spielers und gewaltigen Krallen an den jeweils zwei Zehen weiß sich ein Strauß bestens zu wehren – und Fliehen wäre naturgemäß zwecklos. Es sei denn, man brächte es auf 70 Stundenkilometer...

Samburu habe aber auch eine andere, äußerst zärtliche Seite, ergänzt Connie und erzählt von den  rührenden Momenten, wenn der angehende Papa die schwächeren Küken quasi aus dem Ei pellt. So einem Baby-Strauß nämlich fehle der sogenannte Eizahn. Mit diesen kleinen Zacken auf den Schnäbelchen klopfen Hühnerküken von innen die Schale entzwei. Nun sei die Straußeneischale nicht nur deutlich dicker als die eines Hühnereis; Straußenküken müssten zudem auf das praktische Schlüpf-Werkzeug verzichten.

„Unsere Kleinen kämpfen sich mit ihrem Schlüpfmuskel im Nacken ans Licht der Welt“, erklärt Connie. Doch manchen mangele es einfach an Kondition. Und in diesen Fällen packe der Papa dann helfend mit an. Ab April stehen die Chancen gut, neuem Straußennachwuchs bei seinen ersten Gehversuchen zusehen zu können. Dann stellen Connie und Sepp auch jederzeit gern die Schaufeln beiseite, mit denen sie das Grünfütter in den Gehegen verteilen, um fachkundig Auskunft zu jeder Straußenfrage zu geben – abgesehen von einer: Ob Straußen wirklich den Kopf in den Sand stecken.

www.shamba-la-mbuni.de

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