Insel der Götter und Dämonen

Axel Effner

Fotos: Axel Effner

Die Exotik und der mystische Zauber von Bali machen die Insel im indischen Ozean zum Sehnsuchtsort für Urlaubsabenteuer.

Bali – allein der Klang dieser Insel im Indischen Ozean weckt das Fernweh. Mystische Tempelanlagen und Tanzvorführungen voller Farbenpracht, Surfer und traumhafte Sonnenuntergänge, Reisterrassen und exotischer Dschungel, Liebe und Abenteuer – all das fließt auf dem zu Indonesien gehörenden Eiland zu einer einmaligen Mischung zusammen.

Bereits vor rund 25 Jahren zog mich Bali das erste Mal in seinen Bann. Als frischgebackener Journalist erkundete ich vier Wochen lang auf dem Moped die geheimsten Ecken. Mich faszinierten die heißen Quellen im Urwald, Fledermaushöhlen und Gruselfriedhöfe voller Mumien. Ich nahm an Verbrennungszeremonien teil oder beobachtete das Ritual der Hahnenkämpfe. In der Luft lag der Duft von Räucherstäbchen, Blüten und Nelkenzigaretten.

Nach einem Vierteljahrhundert mit Frau und Sohn erneut in dieses Paradies einzutauchen, ist ein spannender Prozess. Viel hat sich verändert und die Preise sind deutlich gestiegen. Unter anderem Dank des 2006 erschienenen Selbstfindungs-Bestsellers „Eat Pray Love“ von Elisabeth Gilbert und dem 2010 folgenden Kinofilm mit Julia Roberts wird Bali heute von mehr als vier Millionen Touristen im Jahr überschwemmt. Die Zahl übersteigt damit die der Einwohner.

Das Erstaunliche vorweg: Trotz deutlicher Verwerfungen infolge des Tourismus-Rummels findet man sie noch, die Orte voller Zauber und Geheimnis, Anmut und Faszination.

Mit zu den eindrucksvollsten Stätten voller Ursprünglichkeit gehört das aus dem 11. Jahrhundert stammende Monument Gunung Kawi nördlich von Ubud. 315 steile Treppenstufen geht es vorbei an Kunsthandwerkern und Erfrischungsläden in die geheimnisvolle Schlucht mit dem heiligen Fluss Pakerisan.

Fast magisch zieht es meinen Blick immer wieder auf die wie gemalt sich ausbreitenden Reisterrassen. Vor dem Eintritt zu der Pilgerstätte durch ein Steintor muss man sich mit heiligem Wasser und Bambuspinseln von schlechten Gedanken befreien.

Flankiert von Höhlen und Tempeln, ragen mitten im üppigen Dschungel auf beiden Flußseiten die sieben Meter hohen Felsschreine auf. Angeblich hat der Riese Kebo Iwa die imposanten Gebilde des Königs Anak Wungsu und seiner Konkubinen in einer Nacht mit seinen Fingernägeln aus dem Fels gekratzt. Auf dem beschwerlichen Rückweg überholen uns leichtfüßig und laut schnatternd ein paar jüngere Pärchen. Um dann – geschätzt bei Stufe 250 – mit roten Köpfen und Schnappatmung gierig eine kalte Cola runterzustürzen. Nur wenige Kilometer davon entfernt wartet ein weiteres Highlight: das über 1.000 Jahre alte Wasserheiligtum Tirta Empul. Dem Brauch nach kann man sich hier mit göttlicher Hilfe und dem Wasser, das aus zwölf Speiern sprudelt, von negativen Energien befreien. Unser Taxifahrer Yan De empfiehlt einen Selbstversuch.

Eingereiht zwischen Einheimischen, einer Amerikanerin und einem Australier probiere ich es aus – und fühle mich tatsächlich besser. Oder zumindest erfrischt, bei 30 Grad Außentemperatur.

Rund 20.000 Tempel soll es auf der Insel der Götter und Dämonen geben. An den atemberaubendsten Plätzen findet man die Heiligtümer: im Dschungel des Affenwalds von Sangeh, am Vulkan Gunung Agung, im pittoresken Bratansee, vor einer heiligen Fledermaushöhle (Goa Lawah) oder in der Höhle eines steinernen Elefantenkopfes (Goa Gajah).

Zu den besonderen Attraktionen gehört der gischtumtost auf einem Fels thronende Meerestempel Tanah Lot.Vor 25 Jahren herrschte hier noch malerische Ursprünglichkeit. Inzwischen stellen Parkplätze, Imbissbuden und Verkaufsstände sowie Boutiquen die Rundumversorgung hungerleidender und selfiewütiger Touristen sicher. Sogar die heiligen Schlangen in den Felshöhlen werden gnadenlos vermarktet.

Schauplatzwechsel. Auf nach Ubud, dem kulturellen Zentrum der Insel. Auf dem Weg dorthin von unserem ersten Stop in Seminyak, wo es die wohl entspanntesten Strandbars mit Meeresblick zum Chillen gibt, folgt ein Crashkurs in balinesischer Kunst. Wie Perlen einer Kette reihen sich die Orte verschiedener Kunsthandwerker mit Werkstätten und Galerien nacheinander auf: die Gold- und Silberschmiede in Celuk, die Holzschnitzer im Brahmanendorf Mas und die Steinmetze in Batubulan. Der Detailreichtum der Figuren aus Stein oder duftendem Sandelholz nimmt uns gefangen.

In Ubud angekommen gönnen wir uns erstmal eine Rast im legendären Lotos-Café. Von der Terrasse aus hat man einen traumhaften Blick auf einen Teich mit blühenden Lotosblumen und malerischer Tempelfront dahinter. Der Künstlerort besticht durch seine Vielzahl origineller Restaurants, Cafés, Wellness-Salons und Shops selbst für die ausgefallendsten Geschmäcker.

Im stylischen Clear Café in der Hanoman Street etwa kann man sich zwischen Karpfenteich, Pflanzenvorhängen und riesigen Wandgemälden mit biologischen Power-Elixieren, leckerem Seafood oder raffinierten Asia-Gerichten verwöhnen lassen.

Keinesfalls verpassen sollte man auch ein balinesisches Wellness-Ritual. Im Gegensatz zu manch trendigem Schnick-Schnack in den teuren Luxus-Resorts um Ubud gehört der „Nur Salon & SPA“ im Ort zu den besten und traditionsreichsten Einrichtungen. Günstige Preise inklusive. In dem Wellnesstempel mit angeschlossener Kräuterapotheke kann man sich bei tiefenwirksamen Massagen, reinigenden Kräuterpeelings und Blumen-Öl-Bädern dem Zauber der Insel hingeben.

Tiefenentspannt und erholt sind wir offen für eine der beeindruckenden Tanzvorführungen in stimmungsvoller Szenerie. Mit filigranem Fingerspiel und ausdrucksstarker Mimik bezaubern die jungen, prachtvoll und farbenfroh gekleideten Legong-Tänzerinnen, begleitet von den Glockenklängen des Gamelan-Orchesters. Der Auftritt von kämpferischen Helden, Dämonen, Riesen, Hexen, dem schutzbringenden Barong und dem legendären Affengeneral Hanuman im weiteren Verlauf des Abends zeigen, wie lebendig die Welt der hinduistischen Mythen und Götter in Bali ist. In Umzügen, Tänzen und zahlreichen Ritualen durch das ganze Jahr versuchen die Balinesen, die Balance von Gut und Böse zu halten.

Dass zu diesem Kosmos auch eine als beseelt erlebte Natur gehört, lässt sich an vielen Orten, unter anderem auch im heiligen Affenwald südlich von Ubud, studieren. Brücken mit steinernen Drachenköpfen zwischen riesenhaften Banyambäumen, ein Quellheiligtum, das von einer riesigen Echsenskulptur bewacht wird und der von Dämonen, Hexen und Vampiren bevölkerte Todestempel Pura Dalem Agung geben eine Ahnung davon, dass möglicherweise mehr zwischen Himmel und Erde existiert, als wir uns vorstellen können.

Von der Exotik, der Ursprünglichkeit und der reichen Kultur Balis und seiner Einwohner war in den 1930er-Jahren auch der Deutsche Walter Spies fasziniert. Der Maler, Komponist und Fotograf, der heuer seinen 75. Todestag feierte, revolutionierte mit seinen Gemälden und Zeichnungen die balinesische Malerei. Er machte Ubud zum international gefragten Künstlerdorf und Bali zum Sehnsuchtsort für Europäer und internationale Stars.

Dem Geist von Spies und seiner Zeit lässt sich im malerischen Hotel Tjampuhan nachspüren, in dem man in original restaurierten Räumen von Spies übernachten kann. Die Exotik Balis lässt sich auch auf dem atmosphärisch gestalteten Areal des Agung Rai Museum of Art mit angeschlossenem Resort erkunden. Im Rahmen von Kursen kann man hier die reiche Kultur Balis kennenlernen. Nicht weniger faszinierend ist ein Besuch im Setia Darma House of Masks and Puppets südlich von Ubud mit seinen 7.000 zeremoniellen Masken und Puppenmodellen.

Mit seinen Wasserpalästen, Safari-, Orchideen- und Schmetterlings-Parks, den Tauch-Hotspots oder Vulkanbesteigungen bietet Bali eine Fülle von Anregungen für Ausflüge und Erlebnisse. Unbedingt gönnen sollte man sich einen Ausflug auf die Halbinsel Bukit im Süden.

An Traumstränden und zahlreichen Surferparadiesen lässt sich hier das Meer genießen. Ein unvergessliches Erlebnis bietet auch der Besuch in dem 80 Meter über dem Meer auf einem Fels erbauten Uluwatu-Tempel, einer der Hauptheiligtümer der Insel. Bei malerischem Sonnenuntergang stimmen einen die Kecak-Tänzer mit Trancegesängen und Feuerritualen auf den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse ein.

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