Einfach schwer - Leben in Papua-Neuguinea

Christian Topel

Fotos: Daniel von Rüdiger

 

„Einfach schwer – Leben in Papua-Neuguinea“ heißt die Multivisionsshow, die das Duo „0101“ (Stefan Carl und Daniel von Rüdiger) zu seiner audiovisuellen Performance „1Hz“ inspirierte. Im Interview erzählen die beiden über die in der Fremde gewonnen Eindrücke, über die daraus entstandene Kunst und über das, was wir, der Westen, gerade jetzt daraus lernen können.

 

himmeblau: Wie kam es gerade zu Papua-Neuguinea?

Daniel: 2014 machte ich eine Pause von meiner Tätigkeit als Dozent an der Hochschule in Basel. Ich bot meine Arbeit als Fotograf und Filmemacher unentgeltlich für soziale Zwecke an. Mich interessierten Regionen, die noch nicht von Pop-Kultur beeinflusst sind. Davon gibt es nur noch eine handvoll. Durch Zufall ergab sich der Kontakt zu der NGO "HELP Resources Inc." und ich wurde eingeladen, mit der australischen Papua-Expertin Elizabeth Cox den Zustand verschiedener Dörfern am  Fluss Sepik zu dokumentieren.

himmeblau: Wie wurdet ihr dort begrüßt?

Daniel: Sehr positiv! Das ist keinesfalls selbstverständlich, denn die Bevölkerung musste schon viele schlechte Erfahrungen mit ‚Weißen’ machen. Elizabeth Cox, die ihr Leben in Papua-Neuguinea verbrachte und dort für UN-Women arbeitet, führte mich quasi in den Dörfern ein, was sofort eine Vertrauensbasis schuf.

himmeblau: Wie lief dann die Integration weiter ab?

Daniel: Ist man einmal aufgenommen, empfindet es der Gastgeber als Ehre, einen zu beschützen. Das geht so weit, dass die für mich verantwortliche Familie sich selbst bestraft hätte, wäre mir etwas zugestoßen. Das führt wiederum dazu, dass man selbst gut auf sich aufpasst. Ein interessantes Konzept der Integration.

himmeblau: Nach dem Aufenthalt hast Du, Daniel, zuerst eine Multivisionsshow entwickelt. Nun Ihr beide ein Musik-Album. Es stellt die Lebenswelten einer selbstversorgenden und einer postindustriellen Gesellschaft gegenüber: „einfach und schwer vs. komplex und leicht“. Was bedeutet das?

Daniel: Ohne jegliche Wertung wird das Leben der Selbstversorger als einfach und schwer dem einer postindustriellen Gesellschaft als komplex und leicht gegenübergestellt.

himmeblau: Was macht denn jeweils das Leben der Menschen hier wie dort einfach bzw. komplex?

Daniel: Das einfach und komplex bezieht sich auf die unterschiedliche Entscheidungsfreiheit. Durch unseren Wohlstand sind wir alltäglich mit sehr vielen Entscheidungen konfrontiert, was unser Leben komplex macht. Das beginnt bei der Auswahl der nächsten Mahlzeit, geht über die Wahl von Arbeitsstelle, Wohnort, Lebenspartner bis hin zur Krawattenfarbe. Die Freiheit zur Entscheidung geht einher mit der Verantwortung, die vermeintliche richtige zu treffen, um zufrieden zu sein. Das kann Stress provozieren, der sich in Wohlstandsgesellschaften mehr zeigt als bei Selbstversorgern, die viel geringere Auswahlmöglichkeiten haben.

himmeblau: Und was macht das Leben schwer bzw. leicht?

Daniel: Das schwer und leicht beschreibt den Einsatz, das eigene Überleben zu sichern. Wir sind es gewohnt, unser Essen im Supermarkt zu beziehen. Wenn wir Schmerzen haben, ist es ein Leichtes, medizinische Versorgung zu erhalten. In Papua-Neuguinea fehlen absichernde Infrastrukturen, weshalb das eigene Überleben täglich erarbeitet werden muss. Das muss aber nicht so negativ erlebt werden, wie wir uns das vielleicht vorstellen. Aus dem Sport kennen wir, dass körperliche Anstrengung durchaus etwas Positives haben kann und für sich selbst zu arbeiten, kann sehr befriedigend sein.

himmeblau: Was können wir voneinander lernen?

Daniel: Die Frage freut mich, denn es ist leider keine Selbstverständlichkeit, dass der ‚Westen’ von vermeintlichen ‚Entwicklungsländern’ etwas lernen möchte. Vielmehr gehen wir zumeist davon aus, dass selbstversorgende Kulturen von unserer vermeintlichen Entwicklung profitieren sollten. Es ist aber ja gerade diese Entwicklung, die diesen Planeten stetig zerstört. Die Papua-Neuguinis sind Profis der Nachhaltigkeit. Und auch wenn wir zwar viel davon sprechen, scheinen wir diese ziemlich verlernt zu haben. Natürlich ist keiner bereit, zu einem selbstversorgenden Lebensstandard zurück zu kehren, aber wir sind gut daran bestellt, ihrem Lebensstil tiefen Respekt zu zollen und von ihren Konzepten zu lernen.

 

himmeblau: Wie seht ihr mit diesen Gedanken im Hinterkopf aktuelle politische Strömungen im Westen?

Carl: Ich für meinen Teil war ja noch nie länger im Ausland und habe auch nicht so viel von der Welt gesehen. Ich lebe gerne hier und fühle mich hier zu Hause. Was mich stört, ist die plötzliche politische Vereinnahmung des „Heimat-Konzepts“. Auch ich mag meine Heimat! Aber das steht für mich nicht im Widerspruch, diese auch für andere Menschen zur Heimat werden zu lassen. Eine kritische Haltung ist meiner Meinung nach heute, bzw. in der aktuellen westlichen politischen Lage, wichtiger denn je.

Daniel: Ich verspüre eine gewisses Mitleid mit Menschen, die – global betrachtet – den größten Wohlstand genießen, aber ständig Angst haben, man könnte ihnen etwas wegnehmen. Politische Kräfte, die diese Ängste bewusst schüren, verantworten Unzufriedenheit und Hass. Es ist für mich irritierend, wie vermeintlich patriotische Menschen geködert werden, indem man ihr Land schlecht redet. Dabei geht es uns heute, auch global gesehen, so gut wie niemals zuvor. Das Motto ‚make great again’ nutzt wohl den psychologischen Effekt, dass uns die Vergangenheit in goldener Tinte geschrieben erscheint und die Zukunft uns Angst macht.

himmeblau: Was wäre ein Lösungsansatz?

Daniel: Unser Planet wird zunehmend voller und auch leichter zu bereisen. Wir sollten somit nicht zu viel Zeit damit verschwenden, so zu tun, als könnten wir uns auf lange Sicht abschotten und gleichzeitig die Ressourcen anderer Länder verbrauchen. Wir sollten die Realität der Globalisierung, die uns ja erst unseren Wohlstand ermöglichte, anerkennen und lernen multikulturell miteinander zu leben. Ich glaube auch nicht, dass wir dabei das Gefühl einer Heimatverbundenheit einbüßen müssten. Der westliche Mensch hat heute mehr als er braucht, nun liegt es an uns das Teilen zu lernen.

himmeblau: Auf dem Aufenthalt basiert Euer audiovisuelles Projekt "1Hz" – wie habt ihr das erarbeitet? 

Carl: Als mir Daniel die Idee zu dieser Performance vorstellte, habe ich mich zuerst zuhause hingesetzt und begonnen, verschiedene Themen und Fragmente zu spielen. Allerdings nehme ich nie zuhause auf. Was ich den nächsten Tag nicht mehr spielen kann oder vergessen habe, wird verworfen. So bleiben nur starke Hooklines hängen. Auf diesen Ideen haben wir dann aufgebaut.

Daniel hat seine Drums zusammengebastelt und dann kamen erst die Visuals ins Spiel. Diese haben natürlich wieder die Musik beeinflusst und wir haben diese wieder verändert usw. Wenn wir zusammen arbeiten, dann treffen wir uns in der Regel für ein ganzes Wochenende in Stephanskirchen und verbringen mehrere Tage im Proberaum. Nach ca. einem Jahr Arbeit kam es dann 2015 zur Uraufführung. Seitdem haben wir die Perfomance prozesshaft in acht weiteren Aufführungen weiterentwickelt. Also gleicht keine exakt der anderen.

himmeblau: Und wie wurde Euer erstes Album daraus? 

Carl: Wir haben in einer Industriehalle, im Prüfzentrum für Bauelemente in Stephanskirchen, aufnehmen dürfen.  dadurch wollten wir einen industriellen Charakter im Sound einfangen. In Kooperation mit Reinhard Gross von Hicktown Records in Raublin, haben wir dort live unser Set eingespielt. Durch das Mastern auf analogem Tape und die Pressung auf Vinyl haben wir dem Sound aber auch eine gewisse Wärme gegeben.

himmeblau: Danke für das Gespräch.

 

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