Bier, Kippen und Slam-Poetin

Christian Topel

Fotos: Christian Topel

„So früh hab ich schon lang kein Bier mehr getrunken!“, sagt Eva Niedermeier und gluckert fröhlich los. Es ist einer jener spärlich gesäten, flirrend heißen Tage dieses Sommers, als wir uns unter einen Baum in Rosenheims Mangfall Park Süd fläzen. Die Sonnenstrahlen bollern vom Himmel, als wollten sie einem das Zahngold aus dem Mund schmelzen. Die Gluthitze erstickt sogar Geräusche. Auf dem nahen Spielplatz rennen die Kinder herum wie die Darsteller eines Stummfilms. Das üblicherweise nervtötende Gekreische aus dem Freibad kriecht heute nur in chlormüden Fetzen durch die Gegend. Ein Interview wie in einer Sauna aus Glas. Natürlich in Klamotten! 

Bayerns Poetry-Slam-Shootingstar hat eine hippieske Picknickdecke ausgebreitet, ich kredenze kühles Augustiner. SlammerInnen, das sind schließlich die subversiven Vertreter einer ansonsten oft angestaubten Literaturszene; quasi die Punks unter den Poeten; Youtube statt ZDF; ums mit Kategorien des literarischen Kanons zu beschreiben: eher Stürmer und Dränger als Klassiker.

Am Abend wird Eva ihren hundertsten Auftritt absolvieren. „Irgendwo in München“, sagt sie und kramt wie von der Tarantel gestochen ein Notizbuch aus ihrer Umhängetasche. Sie überträgt Koordinaten vom Handy aufs Papier. Der Akku macht’s nicht mehr lang, sie wird später also nicht anrufen und nach dem Weg fragen können. Da geht sie lieber auf Nummer sicher, nachdem sie eines Abends fast in einem Gymnasium eingesperrt worden wäre. Kreuz und quer irrte sie durch verwaiste Gänge und suchte nach Zuschauern, die sich wiederum fragten – am tatsächlichen Veranstaltungsort wartend – wo die Künstlerin abgeblieben sein könnte. 

Was reichlich verplant klingt, dürfte jener Ochsentour geschuldet sein, die Eva die letzten Monate über unternommen hat. Hundert Auftritte – das sind schließlich auch hundert verschiedene Locations. In Deutschland, Österreich, Luxemburg, der Schweiz; in Frankfurt, Würzburg, Zürich, Karlsruhe... Ganz ehrlich, da darf sie es als Glanzleistung verbuchen, überhaupt regelmäßig in der richtigen Stadt zu landen. Im Endeffekt führt sie gerade ein kleines Rockstar-Leben, nur halt im Zug statt im Tourbus. 

Erster Slam mit 17

Schneller (und erfolgreicher) als die gebürtige Bad Aiblingerin kann man die Slam-Szene kaum erobern. Sieht man mal von einer gewissen Julia Engelmann ab, die von den Hardlinern aber durchaus zwiespältig beäugt wird. „Die macht eher Lesungen. Zum Poetry Slam gehört der Wettkampf!“, klärt mich Eva auf. Keine eineinhalb Jahre ist es her, dass sie selbst sich erstmals Publikum und Mit-Slammern stellte. Nur neun Auftritte später holt sie sich die bayerische Meisterschaft in der U20-Klasse und erlyrikt sich fast im selben Atemzug den Kleinkunstpreis des Theatervereins Bad Aibling. 17 Jahre alt, mit der abgeschlossenen Ausbildung zur Industriekauffrau in der Tasche, stürzt sich statt in einen seriösen Brotberuf lieber volle Kanne hinein ins Slammer-Dasein. 

Volle Kanne – und mit einem Habitus, der schwer zu beschreiben ist, will man oberlehrerhafte Stempel wie „frühreif“ oder „altklug“ vermeiden. Und das will ich. Sie ist keine Klugscheißerin, sie ist nur eindeutig helle. Versuchen wir’s also so: Während andere, auch etablierte Mitstreiter oft auf Nummer sicher gehen und gereimte Gags vortragen (weil ein lachendes naturgemäß ein wohlgesonnenes Publikum ist), setzt Eva meist auf ernstere Inhalte; lieber Tiefgang als Kalauer! Es kommt allerdings schon oft fies, wenn sie mit ihren Kulleraugen in die Menge guckt, beginnt, einen scheinbar vergnüglichen Text aufzusagen – um Dir urplötzlich einen in die Leber zu donnern. Dem Publikum bleibt das Lachen nicht selten im Halse stecken, wenn es kapiert, dass dieses feenhafte Wesen mit den Kneife-Bäckchen und der hypnotischen Stimme gerade gar nicht über Liebe, Sex und Zärtlichkeit spricht, sondern über Bulimie oder Alkoholmissbrauch. „Ich liebe diese Gratwanderung“, sagt sie, lächelt, und dreht sich eine nächste Zigarette.

„Es gibt einfach so Rauchmomente“, begründet sie den das ganze Gespräch über andauernden Loop aus Tabak ins Papier krümeln, drehen, rauchen, wieder Tabak ins Papier krümeln... Die Vorfreude auf den Abend, das Glück, so oft auf der Bühne stehen und Kraft der eigenen Poesie Menschen berühren zu dürfen, nun bei einem Bierchen über diese Begabung quatschen zu dürfen – da bilde das Nikotin sozusagen das Salz in der Suppe, sagt sie.

Evas Erzählungen lauschend bewundere ich, wie flink ihre Finger das Prozedere wieder und wieder vollführen. Bei gefühlt 20 Ringen, die sie an jeder Hand trägt, fast schon eine sportliche Höchstleistung. Ja, gibt sie zu, sie liebt Schmuck. Keine glänzenden, arschteuren Klunker wohlgemerkt, sondern Fundstücke mit Charakter! Die erspähe sie auf dem Flohmarkt, stibitze sie der älteren Schwester oder – eine besonders schöne Erinnerung – habe sie von einem israelischen Soldaten geschenkt bekommen. Ja, auch Ringe, Armbänder und Ohrringe bergen Geschichten! 

In ihre Rolle als Geschichtenerzählerin wurde sie sozusagen aus der Not heraus hineingeboren. Ursprünglich Liedermacherin, habe ihr zu manchem Songtext einfach keine Melodie einfallen wollen. Vor sich hin gesprochen hätten die Texte jedoch einen ganz eigenen Groove gehabt. Das könnten doch Slam-Texte sein, dachte sie sich und machte aus der Not eine Tugend. Sie ließ sich auf die offene Liste des renommierten „Isar Slam“ setzen. Und während sich manch alter Slam-Hase womöglich noch über die Chuzpe der Kleinen wunderte, heimste Eva längst Preise ein. 

Außerordentlich mutig findet sie sich überraschenderweise nicht. Klar, vor jedem Slam überwinde sie ein wenig Nervosität, aber sie verspüre nicht ansatzweise so viel Druck wie bei ihren Konzerten. „Bei einem Poetry Slam muss ich nicht den ganzen Abend alleine tragen“, sagt sie, mag sich darüberhinaus aber nicht entscheiden, ob sie das eine oder das andere bevorzugt. Die Liebe zu beiden – Text und Musik – prangt vielmehr als tintenblaues Symbol für jene Polygamie am linken Arm. „Just two lost souls swimming in a fishbowl“ hat sie sich tätowieren lassen, ein Zitat des ersten Rocksongs, den sie auf der Gitarre spielen lernte: Pink Floyds „Wish you were here“. Diese Seele muss doch älter sein als läppische 18! „Ich steh auf das alte Zeug und höre es am liebsten auf Schallplatten“, sagt sie, summt das unverwechselbare Intro und steckt sich wieder eine Kippe in den Mundwinkel.

Nun leben Poetry Slams von Ihrer Rasanz, vom Stakkato der Vorträge. Der Nachteil: Die Texte sterben schnelle Tode. Man hört den Slammern zu, applaudiert, doch kaum halten die Hände wieder still, verblassen die Worte. So großartig sie auch gewesen sein mögen, sie verschwinden irgendwann aus dem Kopf. „Wir sind halt keine Autoren“, betont Eva, die gottlob keine Scheuklappen trägt und durchaus mal den Rollenwechsel wagt. Dann dürfen ihre Texte zu haltbaren Gedichten werden und in einem gedruckten Buch landen. Oldschool eben, wie beim Musikhören. Im September zum Beispiel erscheint die Anthologie „geblitzdingst“. Die Slam-Instanz Lars Ruppel versammelt darin Texte von Slam Poeten und Poetinnen zum Thema Demenz – und Eva wird mit einem Beitrag vertreten sein. 

Bereits erschienen ist das Buch-Projekt „Kühlschranksprüche“. Dabei hatte sich die Malerin Elke Schwartz von Sprüchen inspirieren lassen, die ihre Patenkinder mithilfe von Magneten an den Kühlschrank pinnten. Aus den Silben und Buchstaben legten die Kinder Satzfetzen, die ein Bedeutungsspektrum von wahnsinnig bis weise umfassen: „Trink Saft aus einem Schuh“, „Süß blüht Wäsche“, „Fange Wind mit Wasser“ oder „Bitte brüll poetisch“. Während Elke Schwartz die Sprüche in Bilder übersetzte, sponn Eva Gedichte dazu. Die Zusammenarbeit gipfelte zuerst in einer vielbeachteten Ausstellung im Maybach Museum in Neumarkt in der Oberpfalz und wurde schließlich in einem Buch verewigt. 

Eine kleine Ironie des Schicksals ist das ja schon, dass gerade sie sich in Büchern wiederfindet. „Lesen ist nicht so meins“, sagt Eva. Ihr Freund versuche sie zwar ausdauernd zu bekehren, aber – nun, wann zur Hölle soll sie denn auch selbst lesen? Sie muss schreiben, leben, erfahren! Und, ganz ehrlich, vielleicht macht das gerade den Charme dieser Niedermeierschen Texte aus?! Dass ihre Urheberin eben noch nicht die gesamte Reclam-Bibliothek durchgekaut hat, dass sie unbefangen mit der Sprache umgeht. „Ich mag es einfach“, beschreibt sie ihre „Poetik“. Soll heißen: Einfache Worte, einfache Sätze. „Alltagspoesie“, nennt sie das. Das würde einen Denis Scheck, jenen spitzzüngigen Literaturkritiker aus der ARD, in gedruckter Form vermutlich nicht in den Orgasmus treiben – wenn Eva Niedermeier aber Texte wie ihre  "Flaschenpost" spricht, manchmal mehr flüstert, dann würde es auch ihm die Nackenhaare aufstellen. 

PS: Eva Niedermeier ist an diesem Abend trotz zweier nachmittäglicher Flaschen Augustiner Hell pünktlich und am korrekten Veranstaltungsort erschienen. Sie belegte den dritten Platz.

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