Beflügelt vom Spirit des Techno

Christian Topel

"Ibiza ist magisch", findet die Weltenbummlerin. Foto: privat

 
Sabine Spethling sticht wieder in See. Sozusagen. Sehr bald. Fürs Erste wird sie gleich nur in den Zug steigen. Vor unserem Kaffeeklatsch am Rosenheimer Bahnhof hat die Münchnerin mit Patrick Gallenmüller gequatscht. Den kennen Freunde elektronischer Musik als DJ Pele – und vielleicht mehr noch als Mitbegründer und Veranstalter hochkarätiger Festivals. Nachdem Sabine 2016 die offiziellen Künstler-Interviews für das „Echelon“ geführt hat (im Jahr seines zehnten Bestehens das größte Elektro-Festivals Süddeutschlands), wolle sie nun im Marketing für das Ikarus und das Contact Festival mitmischen, erzählt sie. Was insofern Sinn macht, als die 29-Jährige sowohl Marketing studiert (in Kufstein) als auch grandiose Connections zur Techno-Community (in der ganzen Welt) aufgebaut hat. „Community“ – das scheint sie bewusst zu sagen. Sie benutzt das Wort jedenfalls deutlich öfter als das ja tatsächlich irgendwie liebloser, weil elitärer klingende „Szene“. Eine Szene grenzt sich ab. Sie jedoch, sagt sie und strahlt mich aus blitzeblauen Augen an, sehe sich als jemand, der „connecten“ will.

Rollentausch bei einem Cappuccino – von der Fragestellerin zur Befragten. (Foto: Christian Topel)

 
Dass Sabine eine Expertin, Liebhaberin, ja Botschafterin
jener Welt brachialer Bässe werden würde, war so nicht abzusehen. Im mittelfränkischen Velden aufgewachsen, wird sie vom Vater als Kind mit den Gitarrenriffs von AC/DC geimpft. Als Teenager schüttelt sie das rapunzeleske Haar auf Rock- und Metallkonzerten – manchmal vor, manchmal auf der Bühne.  „Ronyon“ heißt die Band, in der sie Gitarre spielt und singt. „Den Namen haben wir bei Shakespeare stibitzt“, sagt sie und grinst. Es sei ein „schlimmes Schimpfwort“, das sie nicht übersetzt, sondern schnell unter einen damenhaften Mantel des Schweigens schiebt. (Schlawiner der ich bin, lupfe ich den Mantel im Nachhinein – um einen „räudigen Hundsfott“ zu entdecken. Passt doch gut zum Genre.)

Meinen unverschämten Fragen darf sich Sabine stellen, weil mir ein Büchlein aus ihrer Feder in die Hände gefallen ist. Ein Büchlein, das – wie sich herausstellt – als schicker Sidekick zu ihren eigentlichen Passionen entstand. Nach ihrer Zeit bei dem zum Vice-Kosmos gehörenden Blog „Easywriters“ macht sie seit gut eineinhalb Jahren ihr eigenes Ding: Mit dem Online-Magazin „tunes&wings“ verbindet sie die Themen Reisen und Techno. Ihre Vision: Überall auf der Welt tief in die Technoszene – Entschuldigung – Technocommunity einzutauchen, um sie hautnah zu porträtieren. „Jedes Land“, schwärmt Sabine, „kann seine ganz eigene Geschichte darüber erzählen, wie diese Kultur dort entstand. Und diese Kultur befindet sich überall in einem anderen Stadium.“ Also fragt sie sich vor Ort zu den entscheidenden Protagonisten durch. Zu den Leuten, die den Samen setzten; aber auch zu jenen, die jetzt gerade Sound und Clubs prägen. Oliver Koletzki, Petros Haffenrichter, Tara Brooks, Timo Maas, Monolink, Rui Vargas, DJ Pippi – da ist schon eine illustre Liste zusammengekommen.

DJ Pippi gilt nicht nur auf den Balearen als Legende. Als einer der Mitbegründer der Ibiza-House-Music-Kultur und seit 1984 Resident des berühmten PACHA. (Foto: Rafael Da Cruz)

 
Die Gespräche
stellt Sabine als Podcasts online. Herzliche, humorvolle, tiefgründige und oft sehr persönliche Gespräche. Man hört: Da fragt eine, die wirklich Interesse hat, die ihr Gegenüber kennenlernen will. Wer so fragt, erfährt mehr. Über die Menschen, aber auch über deren Lebenswelt. Und so verwandelten sich die Podcasts bald von Porträts in regelrechte Travelguides, die gespickt sind mit Insiderwissen und echten Geheimtipps. Sabine entdeckt Festivals und Clubs, die eben noch nicht auf Tripadvisor stehen; die man nur mit Hilfe von „Locals“ spitzkriegt; die an die Urzeiten des Techno in Deutschland, dem Mutterland dieser Kultur, erinnern: provisorische Spielstätten, improvisierte Locations, Underground.

Parallel, erklärt Sabine, formiere sich auch im Techno weltweit eine Bewegung, der es nicht mehr nur ums profane Abfeiern gehe. Da spielen inzwischen Ganzheitlichkeit, Umweltschutz und Nachhaltigkeit („Zero Waste“) eine Rolle. Ich denke an Yoga-Retreats – und Sabine nickt. That´s it! Genau solche Festivals besuche sie zurzeit am liebsten. Wo neben der Musik ein Rahmenprogramm angeboten werde, dass jenes ohnehin inspirierende Gemeinschaftserlebnis auf eine andere Ebene hebt; wo man sich beim Meditieren oder beim Yoga vom Feiern erholt; wo man quasi von der einen in die andere Trance trippelt. Ja, erwischt, in der Tat sei sie ein spiritueller Mensch, gibt Sabine zu. Auf Veranstaltungen wie dem Envision Festival auf Costa Rico, dem Noisily in UK, dem Air auf Bali, dem Garbage Festival im polnischen Wald oder dem Feel in Deutschland werde dieses Bedürfnis nach einer Art tieferen Bewusstheit gut gestillt, betont sie.

Was steht noch auf der „Bucket List“? Tel Aviv, Libanon und Beirut gilt es unbedingt zu erkunden, erzählt sie. Das alles klingt nicht nur ungemein zeitaufwendig, das ist es auch. Um „tunes&wings“ so richtig abheben zu lassen, hat Sabine kürzlich den Job in einer Immobilienfirma aufgegeben. Statt Produktentwicklung im Bereich studentischen Wohnens soll es noch mehr auf die Ohren geben. „Mutig!“, unterstelle ich. „Ach was“, sagt Sabine und strahlt. Manchmal müsse man einfach springen. „Die Zeit war reif.“

Nach Ibiza, Kapstadt, Lissabon oder New York geht es demnächst also nach: Berlin. Die Landes- und auch Hauptstadt des Techno wird zum neuen Heimathafen. Neben „tunes&wings“ wird sie für BLN.FM, einen Berliner Radiosender, ebenfalls Künstler interviewen. (Fies: Ehe sie ans Mikro darf, soll sie sich das zauberhaft gerollte „r“ abtrainieren. Berliner stehen da nicht drauf. „Branche“, sagt sie, um den Stand der Dinge zu demonstrieren. Haut hin, denke ich, bin aber froh, dass sie ihre Zunge sofort wieder aus der künstlichen Lähmung befreit.)

Ganz bei sich, versunken in der Musik – so liebt Sabine Spethling Partys. (Foto: Tim Köck)

 
Ganz wird sie Bayern
nicht verloren gehen. Contact und Ikarus pushen („was ein geiles Line-up dieses Jahr!“), das Echelon besuchen und – ein ambitioniertes, hochspannendes Projekt – eine Film-Doku über die Technokultur in München stehen auf dem Plan. Über Berlin als Techno-Hochburg gibt’s schon etliche, sagt Sabine. Aber in den 90ern sei die Szene ja in Berlin, Frankfurt und München gleichermaßen aufgeblüht. In München habe es das Ultraschall gegeben, das Kraftwerk, Monika Kruse habe hier gelebt. Und dann, irgendwann in den 2000ern, sei etwas passiert. Die großen DJs seien abgewandert, Clubs machten dicht. Was ist da passiert? Dem will Sabine auf den Grund gehen. Und gleichzeitig zeigen, dass gerade wieder richtig was los ist in der Community. Mit den genannten Festivals oder in Clubs wie dem MMA (Mixed Munich Arts), dem Blitz oder Bahnwärter Thiel. Der Stoff für „tunes&wings“ wird ihr also lange noch nicht ausgehen. Wie sagt sie am Ende jedes Podcasts? „Rock´n´Roll and stay tuned!“

tunes&wings

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