Zur Ruhe kommen

Lucia Schletterer

Fotos: Lucia Schletterer

Der Zentralfriedhof in Wien ist ein Ausflugstipp der etwas anderen Art. Hier treffen die Schönheit der Natur und architektonische Meisterleistungen aufeinander.

Als Ausflugstipp klingt es vielleicht etwas ungewöhnlich, aber ihn kann man durchaus so bezeichnen: Der Wiener Zentralfriedhof. Ein Ort, wo Schönheit, Natur und Ruhe aufeinandertreffen – sei es an einem Nachmittag oder für immer. Er gilt als eine der größten Friedhofsanlagen Europas und ist Architekturjuwel und Erholungsraum in einem.

Der Winter rückt jetzt schon nahe heran. Am Herbstlaub erkennt man, dass die Pflanzen beginnen, ihre Säfte in die Wurzeln zurückzuziehen, um die kalte Jahreszeit zu überstehen. Anselm Grün sagt, dies täte auch dem Menschen gut – sich in den Herbst- und Wintermonaten wieder mehr auf sein Inneres zu konzentrieren, zur Ruhe kommen, stiller werden und sich und das vergangene Jahr reflektieren. Bevor man sich aber endgültig hinter dem Ofen verkriecht, wird noch ein Fest gefeiert: Allerheiligen. Das christliche Fest zu Ehren aller verstorbenen Heiligen – das man spätestens dann mitbekommt, wenn man merkt, dass man nicht in die Arbeit muss oder aber dick eingemummt bei Minusgraden am Friedhof steht. Als Dorfkind ist man meist Friedhöfe überschaubarer Art gewöhnt – man latscht einmal um die Kirche und kennt die fünf häufigsten Familiennamen des Ortes der letzten 100 Jahre.

Am Zentralfriedhof hingegen eröffnen sich andere Dimensionen: Die Anlage ist in etwa zweieinhalb Quadratkilometer groß und beherbergt mehr als 330.000 Grabstätten. Selbst wenn man einen Tag darin verbringt, hat man nur einen Bruchteil gesehen. Immer wieder kreuzen Radfahrer, Jogger, Tiere, der durchfahrende Linienbus. Man braucht die aufgestellten Orientierungstafeln, um den Überblick nicht zu verlieren.

1874 eröffnet, war er anfangs bei den Wienern nicht sehr beliebt – am Rande der Stadt, schwer erreichbar und irgendwie trostlos. Mit den Jahren aber entwickelte sich Flora und Fauna und das Bürgertum erfreute sich zunehmend daran, sich mit prunkvollen Beerdigungen zu übertrumpfen. Der Begriff der „schönen Leich“ wurde geboren und man liebte es, festliche Leichenzüge schauen zu gehen, die sich regelmäßig stadtauswärts bewegten. Die Ehrengräber der Stadt Wien wurden zunehmend in den verschiedenen bestehenden Friedhöfen aufgelöst und am Zen-tralfriedhof zusammengeführt. Heute sind es über 1.000, neben Beethoven, Schubert, Falco und Udo Jürgens sind viele Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kunst versammelt. Der Großteil des Friedhofs besteht aus katholischen Gräbern, es gibt aber auch eigene Bereiche für viele verschiedene Konfessionen. Ansprechende Gebäude wie prunkvolle Aufbewahrungshallen im Jugendstil und großzügige Freiflächen machen ihn somit zu einem der ganz besonderen Sehenswürdigkeiten am Rande von Wien.

Spaziert man durch den Friedhof, durchquert man gleichzeitig verschiedene Epochen der Geschichte, vielfältige Kulturen, Lebensweisen und Gefühle. Von melancholisch, traurig, über romantisch bis unterhaltsam ist alles dabei. Und erstaunlicherweise fühlt es sich bei all der Vergangenheit auch sehr lebendig an: Links eine laute Schulklasse am Spazierweg, vorn eine Joggerin, dazwischen unzählige Friedhofsgärtner, die die Gräber pflegen und mit ihren Mini-Traktoren lautstark Zierpflanzen und Werkzeug transportieren, genauso wie unauffällig spazierende oder trauernde Menschen. Wo man hinschaut, beeindrucken aufwendige Grabsteine, herzzerreißende Inschriften, Skulpturen, architektonische Highlights und Besonderheiten jedweder Art. Überall dazwischen pulsiert die Natur – ein Rabe, der von oben beobachtet, eine kleine Maus die am Boden herumraschelt und über alldem ein angenehmes Vogelgezwitscher, das eine friedliche Atmosphäre zaubert.

Will man mehr erfahren, kann man sich neben einem Orientierungsplan inzwischen auch einen Audio-Guide besorgen, das integrierte Bestattungsmuseum besuchen, oder seit ein paar Jahren sogar eine Fiakerfahrt buchen.

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