Zinnstiftend

himmeblau Redaktion

Text & Fotos: Anna-Maria Stiefmüller

Königinnen und Sultane tragen seine Meisterwerke. Wilfried Weiss aus Tirol hat die lange verschollene Kunst des Zinnnagelsetzens wieder zum Leben erweckt.

Wenn der Geist vergangener Tage einen Duft hätte, dann würde er wohl genauso riechen wie Wilfried Weiss´ Werkstatt. Das warme, dichte Aroma von feinem Leder liegt in der Luft, dazu gesellt sich ein Hauch Metallisches. „Das sind die frisch gegossenen Zinnnägel“, erklärt der 62-jährige Kramsacher und bittet uns in seine „heiligen Hallen“, wie er seine Manufaktur augenzwinkernd nennt. Man möchte fast ein wenig ehrfürchtig werden. Denn was wir heute sehen dürfen, bekommen sonst nur sehr gute Freunde zu Gesicht. Nicht viele im Kramsacher Ortsteil Länd wissen, was für ein Schatz sich im Keller des pittoresken Einfamilienhauses von Familie Weiss verbirgt. Und die wenigsten dürften ahnen, dass sich ihr Nachbar „Hoflieferant“ nennen darf. Wilfried Weiss ist keiner, der mit seiner Kunst hausieren geht. Das muss er auch gar nicht. Denn Kenner seiner Kunst wissen um den Wert der maßgefertigten Einzelstücke. Welches europäische Königshaus zu seinen Kunden gehört, darf er nicht verraten. Gewisse Kreise schätzen eben Diskretion. Doch eines sei verraten: Sogar der Scheich von Oman trägt die erlesene Handwerkskunst des Kramsachers.

Während federkielbestickte Ranzen im Alpenraum ein unverzichtbarer, wohlbekannter Teil der Tracht sind, wissen selbst Heimatkundler nur noch wenig über ihre Vorgänger, die Zinnranzen. „In der Zeit der napoleonischen Kriege wurden fast alle Zinngürtel wegen des hohen Bedarfs an Metall jeglicher Art eingeschmolzen.“ erklärt Weiss. Zuvor war das mit mehreren zehntausend Nägelchen besetzte Leder vom Arlberg bis an die Adria, vom Grazer Becken bis hoch nach Schwaben ein weit verbreiteter und vor allem wichtiger Alltagsgegenstand: „Die bis zu 20 Zentimeter breiten Gürtel waren Schutz und Schmuck für den männlichen Unterleib und sollten bei Messerstichen und Bajonetthieben Verletzungen verhindern. Um 1750 begann man dann, die Gürtel mit Ornamenten, Wappen oder Sprüchen zu verzieren. In dieser Zeit entwickelte sich im Alpenraum die Tracht, wie wir sie heute kennen. Auch Frauen schätzten mit Zinnnägeln beschlagene Schmuckgürtel. Meist in Form von so genannten Messerriemen, an denen Besteck, Messer oder Schlüssel befestigt wurden.“ Eben einen solchen Messerriemen dürfen wir nun in Wilfrieds Werkstatt bewundern. Und noch so vieles mehr. Denn auch Handtaschen, Schuhe oder Geldbörsen werden hier in hunderten Arbeitsstunden aus bestem Leder und zierlichen Nägelchen gefertigt.

Seine Passion für den Werkstoff Leder entdeckte Wilfried Weiss schon im zarten Alter von elf Jahren. „Mein drei Jahre älterer Bruder lernte damals den Beruf des Sattlers. Im Betrieb seines Lehrherren durfte auch ich den Umgang mit Leder von der Pike auf lernen und habe Pferdehalfter bestickt und Riemen vernäht“, erzählt er. Und obwohl Wilfried später eine berufliche Karriere im Büro anstrebte, die Liebe zum Leder ließ ihn nie los. Im Laufe der Jahrzehnte erarbeitete sich der Unterländer einen hervorragenden Ruf als talentierter Federkielsticker, wohl mit ein Grund, dass immer wieder Menschen mit historischen Zinnranzen zu ihm kamen und sie restaurieren lassen wollten. Mehr als zehn Jahre sollte es dauern, bis Wilfried Weiss das Geheimnis des vergessenen Handwerks lüften konnte.

„Landauf und landab gab es niemanden mehr, der wusste, wie die zinnbesetzten Gürtel damals hergestellt wurden“, so Wilfried. Also begab er sich auf die Suche, besuchte unzählige Museen und las jahrhundertealte Manuskripte. Im Gespräch mit dem 62-Jährigen wird schnell klar, wie groß seine Passion für diese Kunst ist. „Manche würden es vielleicht sogar Besessenheit nennen“, meint er augenzwinkernd. Im Brixlegger Montanwerk gab er sogar eine Analyse historischer Zinnnägel in Auftrag. Stück für Stück sammelte er seinen heute einmaligen Wissensschatz zusammen. Die Details der Arbeitsschritte vom simplen Stück Leder bis hin zum aufwändig besetzten Ranzen müssen selbstverständlich Wilfrieds Geheimnis bleiben.

Doch eines liegt auf der Hand: Es braucht einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik, ein geschultes Auge und eine Engelsgeduld. Denn nicht nur das Gießen der winzig kleinen Zinnnägel selbst ist ein aufwendiger Prozess, vor allem das Setzen der filigranen Nägelchen fordert ein Höchstmaß an Fingerfertigkeit, erklärt uns Wilfried: „Leder ist ein lebendiges, dynamisches Material. Ob bei der Verarbeitung oder beim Tragen, es verändert sich laufend. Damit die Nägel ein fehlerfreies Muster bilden, muss man ganz genau wissen, wie sie platziert werden müssen“. Das Ergebnis ist beeindruckend. Die schimmernden Zinnnägel bilden einen besonders reizvollen Kontrast zur Textur des Leders. Stundenlang möchte man in Wilfrieds Werkstatt bleiben, aus dem Schauen kommt man hier einfach nicht mehr heraus. Moderne Designs reihen sich an historische Muster. Trachtiges findet neben Stylischem Platz. Zum Schluss zeigt uns der Kramsacher noch sein Meisterstück, wie er es selbst bezeichnet. „Das Original dieses Ranzens liegt in einem Museum in Linz. Und seit Jahren ging er mir nicht mehr aus dem Kopf, ich wollte unbedingt eine exakte Replik anfertigen. Erst gestern habe ich den letzten Zinnnagel gesetzt.“ Es ist einer von hunderttausend weiteren, die in vielen Wochen Handarbeit zum Meisterwerk wurden. „Ein Zinngürtel ist eine schöne Metapher auf das Leben“, meint Wilfried Weiss zum Abschied. „Es sind die vielen kleinen Dinge, die das große Ganze erst schön werden lassen“.

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