Wunderland am Inn

Julia Schuster

Fotos: Andreas Jacob

Nostalgische Spielzeuge, besondere Schreibwaren und außergewöhnliche Dekorationen: Der „Pfeiffer am Rathaus“ lockt große und kleine Entdecker nach Wasserburg.

Gegenüber dem historischen Rathaus in Wasserburg drehen sich unter den Arkaden bunte Windspiele munter im Kreis. Hinter ihnen verbirgt sich in der ehemaligen Seifensiederei ein wahres Wunderland: der „Pfeiffer am Rathaus“. Heißluftballons in unterschiedlichen Größen und kleine Flugzeuge baumeln von der gewölbten Decke. Links neben dem Eingang scheint es, als würden verschiedene Tiere neugierig durch Löcher in der Wand lugen, um zu sehen, wer sich in den heimeligen Laden verirrt hat. Rechts dringt die warme Melodie einer Spieluhr durch die Türen einer Glasvitrine. Die weißen Regale ringsum und in der Mitte des Raumes sind mit allerlei Krimskrams gefüllt. In der Ecke fährt ein hölzerner Bär auf einem Dreirad im Kreis. Daneben dreht sich ein Storch mit Hut, der mit seinem Schnabel ein Baby in einem Tuch spazierenträgt.

Statt des verrückten Hutmachers trifft man hier auf Christoph Hafner. Dieser erinnert mit seinen vom Kopf abstehenden weiß-grauen Haaren ohnehin eher an Dr. Emmett Brown aus der „Zurück in die Zukunft“-Triologie. Genau wie Doc Brown steckt Hafner voller Neugier und kann sich für die verschiedensten Spielereien begeistern. Eine Zeitmaschine besitzt der 69-Jährige nicht, doch der Laden versprüht mit seinen alten Gewölben und Spielzeugen so viel Charme und Nostalgie, dass sich der Besucher tatsächlich in eine andere Zeit und Welt versetzt fühlt.

Angefangen hat alles vor 45 Jahren in München: Hafners Vater führt damals den „Pfeiffer am Dom“, ein Devotionaliengeschäft nahe der Frauenkirche. Da sich die religiösen Utensilien jedoch immer schlechter verkaufen, fragt der Junior den Senior, ob er etwas Neues probieren dürfe. Unter der Auflage, weiterhin Kreuze und die Kirchenzeitung anzubieten, willigt dieser ein und verreist kurz darauf. Als er zurückkehrt, traut er seinen Augen kaum: Die Einrichtung des Ladens ist durch einfache Schienen und Leistenbretter ersetzt, im Angebot sind Spielwaren aller Art. Und die Kunden? Die freut‘s! „Alles Verspielte hat den Leuten gefallen und mir sowieso“, erinnert sich der leidenschaftliche Ballonfahrer.

Als das Modehaus Hirmer das gemeinsam genutzte Gebäude umbauen lässt, entscheidet sich der damals 63-Jährige, den Laden zu schließen und in den Ruhestand zu gehen, um sich ganz seinem Bauernhof nahe Wasserburg zu widmen. Zwei Jahre später erfährt er, dass die Räume in der alten Seifensiederei gegenüber vom Rathaus frei werden. Die Entscheidung ist schnell getroffen: Aus dem „Pfeiffer am Dom“ wird der „Pfeiffer am Rathaus“. Die Spielwaren hatte Hafner gar nicht erst weggegeben.

„Das Blechspielzeug hat mich schon immer fasziniert. Es ist ganz simpel, aber richtig nett“, sagt Hafner und nimmt ein kleines Blechauto zum Aufziehen in die Hand. So eines besaß er schon als Kind. Das hat er damals mit Werkzeug aufgebrochen, um herauszufinden, wie es funktioniert. „Dabei habe ich mir den Schraubenzieher in den Handballen gerammt“, erinnert sich der Münchner schmunzelnd, dreht an dem Schlüssel und lässt das Fahrzeug über den Fußboden flitzen. Auch die Traktoren aus Blech haben es ihm angetan. „Die haben eine Dreigangschaltung, können vorwärts und rückwärts fahren und lenken kann man sie auch“, erzählt Hafner begeistert.

Bunte Ölspiele, Bastel- und Gesellschaftsspiele, elektrische Roboter, Mobiles, Spieluhren, Baukästen, Bilderbücher – die Angebotsliste ist lang. Aber Hafner verkauft nicht nur Spielzeug. Neben Grußkarten und Notizheften finden sich auch Füller aus den 50er Jahren in einer Vitrine. Richtige Federn und Tinten stehen daneben. „Das hier ist Geheimtinte“, flüstert der Ladenbesitzer und nimmt ein kleines Fläschchen heraus. „Erst durch Wärme wird das Geschriebene sichtbar.“

Nahe der Kasse liegen auf einem Regalbrett zahlreiche Kaleidoskope. Ein Blick hindurch entzückt durch farbenfrohe Muster. In der Zwischenzeit nimmt Hafner ein Holzkästchen in die Hand, auf dem eine Frau auf dem Bauch liegt. Er dreht an der Feder. Das Kästchen springt auf und ein Männlein kommt heraus, das der Dame einen Kuss gibt. Hafner strahlt.

Im Oktober wird der Familienvater 70. Dann möchte er etwas mehr Zeit für sich, um in die Berge zu gehen oder zu verreisen. Seine Tochter lebt in Potsdam, deshalb kann sie den Laden nicht übernehmen. Aber Hafner hat eine würdige Nachfolgerin gefunden. „Anne Donath ist perfekt für den Job, weil sie genauso verrückt ist wie ich“, freut er sich. Ganz zur Ruhe setzen will er sich aber nicht. Als Aushilfe wird er auch weiterhin gelegentlich im Laden arbeiten. Denn der Kontakt zu den Menschen und das Vorführen seiner Schätze machen ihm Spaß. Und die Kunden lieben ihn dafür. „Vielen Dank. Sie haben uns sehr glücklich gemacht“, sagt eine Kundin beim Verlassen des Geschäfts zu ihm. Das blonde Mädchen auf ihrem Arm lächelt selig mit einem Lolli im Mund und einer Spieluhr in der Hand. Ob sich unter dem Deckel wohl ein weißes Kaninchen mit einer Uhr verbirgt? Wer weiß.

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