Wohnen wie früher, mit allen Vorzügen von heute

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Mit dem Vodermaierhof hat das Dorf Amerang ein weiteres architektonisches Wahrzeichen erhalten. Gebaut hat es – mal wieder – Rudolf Rechl.

Keine 4.000 Einwohner beherbergt das Dörfchen Amerang im Nordosten des Landkreises Rosenheim. Ein Kleinod, das schon zum schönsten Dorf des Freistaats gewählt wurde und mit Attraktionen aufwarten kann, die auch deutlich größeren Gemeinden gut zu Gesicht stünden. Mit dem „EFA Museum für Deutsche Automobilgeschichte“, dem Bauernhausmuseum des Bezirks Oberbayern und dem Schlossmuseum Amerang locken gleich drei bedeutende Ausstellungsstätten in das „Museumsdorf“.  Doch auch, wer einfach offenen Auges durch den Ort spaziert, stößt immer wieder auf Besonderheiten. Perlen der Baukunst zum Beispiel; Gebäude, die aus dem Raster fallen, indem sie sich der vielerorts raumgreifenden Gleichförmigkeit und Rechtwinklichkeit verweigern. Entworfen hat jene wie aus der Zeit gefallenen Gemäuer der Architekt Rudolf Rechl. Der Wirth von Amerang, die Orangerie, Feinkost Poidl – das sind Häuser, die den Augen Aufgaben stellen. Da gleitet der Blick nicht gleichgültig drüber hinweg, da bleibt er hängen oder geht ganz bewusst auf Entdeckungsreise. Mit dem Vodermaierhof hat sich zuletzt auch das Ehepaar Geerling den Traum von der eigenen „Trutzburg“ erfüllt und dem Reigen außergewöhnlicher Architekturen einen Glanzpunkt hinzugefügt. 

Bis ins Jahr 1366 lässt sich der im Ortskern von Amerang stehende Hof zurückverfolgen. Nach einem Brand Ende des 2. Weltkrieges baute Familie Vodermaier den Stadel in direkter Nachbarschaft zum Kuhstall mit Gewölbe, einer geräumigen Scheune und dem Wohnhaus wieder auf. Doch die Zeiten ändern sich. Statt Landwirtschaft betreiben die ursprünglichen Besitzer heute einen Unterkunftsbetrieb mit angeschlossener Brennerei in einem benachbarten Dorf. Der alte Hof fiel in einen Dornröschenschlaf. Bis Angela und Tobias Geerling beim Spazierengehen quasi über das „Zu verkaufen“-Schild stolperten. Die beiden Anwälte leben und arbeiten in München, die Wochenenden verbringen sie in Amerang. „Zuerst“, erinnert sich Angela Geerling, „übte das Gebäude keinerlei Reiz auf uns aus.“ Es kehrte dem Ort regelrecht den Rücken zu, war in schlechtem Zustand und lag ungemütlich nah an der Straße. Doch mit der Zeit begann eine Idee zu gären in den Köpfen des Ehepaars. Sie bekamen Lust, das Projekt „Vodermaierhof auf Vordermann bringen“ anzupacken. Also schnappten sie sich eines Tages Amerangs „Star-Architekten“, der zufällig auch das eigene, von Tobias Geerlings Eltern geerbte Wochenenddomizil renoviert hatte. Gemeinsam begutachteten die drei den alten Vodermaierhof genauer. Rudolf Rechls Vorschlag lautete: abreißen und neu aufbauen.

Zwei Jahre nach seiner Fertigstellung darf sich der Vodermaierhof als ein weiteres Wahrzeichen Ameranger Baukunst verstehen. Rechl plante einen nicht ganz geschlossenen Vierseithof mit Innenhof, versehen mit verspielten Details und natürlich in jenem Stil errichtet, der den Architekten nicht nur in der Region bekannt gemacht hat: er baut zeitlos, neuartig, doch mit dem Charme vergangener Jahrhunderte. Dabei pflegt er sich an historischen Vorbildern aus der Region zu orientieren, die er aber – wo notwendig – behutsam und kreativ an die Moderne anpasst. Als ein Beispiel nennt der Architekt den Umgang mit Fenstern. Die waren in früheren Bauernhäuser winzig, unter anderem, weil damals Glas mit gescheiter Wärmedämmung fehlte. Seine Häuser, sagt Rechl, dürfen große Fenster und in der Folge helle, offene Räume haben.

Die Materialien spielen überdies eine wicntige Rolle und verleihen auch dem Vodermaierhof eine außergewöhnliche Atmosphäre. Rechl setzte auf hochwertigste Naturmaterialien, die mit der Zeit Patina ansetzen und Jahr für Jahr an Schönheit hinzugewinnen: Alpenhölzer, Granit, Leder. Augen nach unten: Bewohner gehen über handgefertigte Steinböden; Blick nach draußen: man guckt durch originelle Rundbogenfenster. Zwölf Wohnungen hat das Ehepaar Geerling binnen kürzester Zeit vermietet, obwohl – oder wohl eher weil keine der anderen gleicht und sie allesamt gewöhnliche Wohnkonventionen sprengen mit ihren massiven Holztüren mit Lederdichtung, mit dem durchgefärbten Putz und den beinahe labyrinthartig verzweigten Zimmern, mit den von Wohnung zu Wohnung unterschiedlichen Fenstern und Türen, mit den Steinböden und Massivholzküchen...

Absichtlich schiefe Wände und verwinkelte Dachstühle wirken wie im mittelalterlichen Märchenschloss. Was Schall- und Wärmedämmung angeht, lässt das Gebäude das Mittelalter freilich weit hinter sich. Vielmehr erfüllt es alle aktuellen bautechnischen Anforderungen auf höchstem Niveau. Feuerstellen schaffen Behaglichkeit, Freisitze, Balkone und Terrassen verbinden das Drinnen urgemütlich mit dem Draußen. Ausgerichtet sind alle Wohnungen hin zum bezaubernden Innenhof.

Hier unten sollen und dürfen sich – umringt von Arkaden, Brunnen, Sitzflächen und Feuerstellen – nicht nur Bewohner aufhalten. „Wir wollten einen Treffpunkt für das ganze Dorf schaffen“, betont Angela Geerling. Sie freut sich riesig, wenn Mieter gemeinsam mit Gästen am Brunnen sitzen, ein Feuerchen machen und womöglich grillen. Wer nicht selbst Hand anlegen will, kann ja einfach das im Erdgeschoss liegende Restaurant besuchen. Es ersteckt sich über drei Eben und glänzt mit Gewölbe, Granitsäulen und offener Feuerstelle. „Wir wollten etwas Bleibendes schaffen. Die Rendite spielte keine Rolle“, sagt Angela Geerling. Und es ist ihr und ihrem Mann zusammen mit Rudolf Rechl wahrlich gelungen.

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