Wo die Handys Trachten tragen

Christian Topel

In Bayern hat man nicht Schnaps-, sondern Bierideen. Und manch eine entpuppt sich auch nüchtern noch als Geniestreich. Eine davon ist das „Oagwai“: die Lederhosn fürs Mobiltelefon. Logisch, dass himmeblau solche Teile auch braucht!

„Woaßt no?“
„Ja, freilich und dann host du doch gsogt...“
„Genau! Und du doch a glei...“
„Und alle warns begeistert...“
„Am nächsten Tag samma sofort...“

Wenn man Tom Bäuerle (45) und Andreas Wimmer (32) nach der Geburtsstunde ihres recht ungewöhnlichen „Haustiers“ fragt, sprudeln die Sätze wie damals, beim Maibaumaufstellen, das Bier. Man schrieb das Frühjahr 2010. In geselliger Runde sei man zusammengehockt, „mit lauter wuide Hund“, und habe die Krüge beim Anprosten nur so klirren lassen. Wer so einer Veranstaltung, am besten direkt an so einem Biertisch, jemals beiwohnte, der hat die Szenerie sofort vor Augen. Der Himmel prunkt im weiß-blauen Festgewand, zünftig spielt die Musi, die Weiberleut haben sich herausgeputzt, die Mannsbilder gockeln und balzen um die Wette – und je später die Stunde, desto zügelloser gehts zu. Eine rechte Gaudi halt, da hat sich im Laufe der Jahrzehnte nicht viel verändert. Abgesehen davon, dass heutzutage jeder sein Handy auf dem Tisch deponiert. Nun schwappt so ein Bier aber schon mal über, im Eifer des Zuprostens. Als das Seinige so viele Spritzer abbekommen hatte, dass es Tom zu bunt wurde, soll er es der Legende nach an seiner Hirschledernen abgewischt (was ganz vorzüglich funktionierte) und unter dem Hosenbein verstaut haben.  

Im Kino würden die Musik und die Gesprächsfetzen nun leiser, man würde aus dem Off den in Wirklichkeit stummen, weil telepathischen Dialog der Protagonisten hören. Andi nämlich soll das ganze Schauspiel staunend beobachtet haben und griff nun seinerseits zum Handy. Auch er wischte. Und verstaute. Und blickte wieder zu Tom. Der verstand sofort. Ein verschwörerisches Nicken – und dann müssen sich beider Gedanken in der Mitte mit einer Wucht getroffen haben wie zwei Maßkrüge beim „Prosit der Gemütlichkeit“. Der Urknall! Er gebar jene Bieridee, die vor Ort natürlich auf helle Begeisterung stieß, sich aber auch nach Auskurierung des obligatorischen Katers am nächsten Morgen noch plausibel und erfolgversprechend anhörte: eine Lederhose für Mobiltelefone. Und zwar genauso hochwertig und in liebevoller Handarbeit hergestellt, wie das echte Traditionsbeinkleid. 

Acht Modelle aus Rindsleder und fünf hirschlederne umfasst die Produktpallette der „Oagwai“ (bayerisch für: ein Geweih) Handyhosn inzwischen (zudem gibts drei iPad-Hosn und fünf Geldbeutel). Benannt sind sie nach den regionalen Trachten, denen sie jeweils nachempfunden werden. So zeichnet sich das Modell „Berchtesgaden Hirsch“ durch sein heimisches, sämisch gegerbtes Hirschleder, die moosgrüne Stickerei, seitlich geschnürte Zierbandl der gleichen Farbe und – kein Scherz – die winzige Ziermessertasche mit Initialen aus. Besonderheit: die rückwärtige Lasergravur. Die handelsüblichen Modelle tragen Logo und Maskottchen als Stickerei beziehungsweise Gravur. Schnell hatte sich aber herausgestellt, dass sich beide Techniken perfekt für die Individualisierung der Handyhosn eignen. Firmen wie Feinkost Käfer, BMW, Audi oder die Telekom haben sich schon eigene „Oagwais“ liefern lassen. Dass sich nun auch unser Magazin entschloss, zusammen mit den sympathischen Burschen eigene himmeblau-Handyhosn auf den Markt zu bringen, hat abgesehen vom Charme des Produkts vor allem auch mit der rein regionalen Produktionskette zu tun.

 

Der Samerberg am Fuße der Hochries ist quasi Heimstatt der Handyhosn. Denn als völlig Lederhosenbranchenfremde mussten sich der Werbeprofi (Tom) und der Produktmanager bei einem Antennenhersteller (Andi) logischerweise Hilfe an Bord holen. Dritter im Bunde des halbgeweihten Hirschs  wurde Michael Auer, vom gleichnamigen Trachtenladen in Törwang. In seiner Werkstatt werden die Lederrohlinge ausgeschnitten und bestickt. Dabei gelte, betont Tom: „Passt ned, gibts ned.“ Soll heißen, sie machen für jedes Handymodell eine passende Hosn. „Zur Not schneiden wir das Leder per Hand zu!“ Zwei Damen vernähen die Prachtstücke und fädeln die Bandl ein: Ulrike Bäuerle, Toms Mutter, sowie Maria Mayr, eine gemeinsame Bekannte. Billiger, in deutlich größeren Mengen und damit beispielsweise in China zu produzieren, kam und kommt „Oagwai“ nicht in die Tüte. „Das überlassen wir den Trittbrettfahrern“, sagt Andi. Für die „Oagwaier“ bedeutet eine Lederhose – ganz egal ob für Haxn oder für Handy – Heimatverbundenheit. Aporopos Verbundenheit: Besitzer entwickeln zu ihrer Handyhosn eine ähnliche Langzeitbeziehung wie zur großen Verwandtschaft. Auch die Handyhosn wird speckig und nimmt im Laufe der Jahre einen ganz eigenen Charakter an.  

Bleibt im Grunde nur eine Frage: Wie zur Hölle kommt man auf so einen Namen? Die Antwort nennt Andi den zweiten „Schlüsselmoment“ der Unternehmensgeschichte. Genau wie die Geburt war auch die Taufe des Unternehmens ein Produkt des Zufalls. Tom soll bei sich in der Agentur gesessen sein und am Logo gebastelt haben. Ein Hirsch sollte es werden, so viel stand fest. Die eine Hälfte hatte Tom bereits fertig skizziert. Der Einfachheit halber hätte er sie nun einfach kopiert und spiegelverkehrt an die erste Hälfte gefügt. Da kam Andi vorbei, sah den halben Hirsch auf Toms Bildschirm und rief das „Heureka“ der Handyhosnmacher: „Der hod ja nur oa Gwai!“. 

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