Waidmanns Haus

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Im 19. Jahrhundert als Forsthaus erbaut, bewohnt nun wieder ein junger Jäger das  denkmalgeschützte Gebäude. Vorher hat er es aufwendig kernsaniert. 

Mit dem Einzug in das denkmalgeschützte Haus schloss Sebastian Schropp quasi einen Kreis. Selbst ebenfalls Jäger (wenn auch nicht hauptberuflich), knüpft der 27-Jährige an die ursprüngliche Nutzung des 1843 als Forsthaus errichteten, zweigeschossigen Flachsatteldachbaus an. Und indem er sich stante pede daran machte, das inzwischen doch leicht marode Anwesen kernzusanieren, erhält er nicht nur den Familienbesitz, sondern auch ein Stück Familienhistorie am Leben.

Wie einen Schatz hütet Sebastian ein Foto, dass Christian Margreiter senior zeigt, seinen Großvater. Als Bürschlein von vielleicht drei Jahren steht der 2015 verstorbene Ahne vor dem Zaun jenes Hauses, das der Familie damals zwar noch nicht gehörte, das aber offenbar schon eine schicksalhafte Anziehungskraft auf sie ausübte. Nicht unweit des Ortskerns von Nussdorf am Inn thront es, noch heute mit ungetrübtem Blick auf die Filialkirche St. Leonhard mit ihrem gotischen Spitzturm. Diese Anziehungskraft muss es gewesen sein, die den Urgroßvater auf dem Sterbebett veranlasste, seiner Gattin das Gelübde abzunehmen, den aus unverputztem Bruchsteinmauerwerk errichteten Bau zu erwerben. Man schrieb das Jahr 1939. Seit 1929 betrieben Margreiters ein Omnisbus- und Taxiunternehmen, dem – so befand der Urgroßvater – das alte Forsthaus gut zu Gesicht stünde.

Katharina Margreiter hielt ihr Versprechen. Und so spielte der kleine Christian Margreiter fortan nicht mehr jenseits, sondern diesseits des Zauns; und so wuchsen nach Sebastian Schropps Großvater später auch dessen fünf Kinder – darunter Sebastians Mutter – in dem Gebäude mit seinen markanten Fenstereinfassungen aus Backstein und dem nach wie vor gut sichtbaren Stockwerksgesims auf. Bis auch diese Kinderschar erwachsen und flügge und selbst zu Eltern wurde. Eines der Enkelkinder ist Sebastian Schropp. Und weil der gebürtige Rosenheimer seine Kindheit und Jugend so oft es nur ging draußen in Nussdorf, bei den geliebten Großeltern, verbracht hatte, bedurfte es vor rund zwei Jahren keines ausufernden Familienrats, um zu entscheiden: Der junge Bau- und Projektleiter möge zurück an den Ort seiner Kindheit ziehen.

Zur hochwertigen Kernsanierung entschloss sich die Familie allerdings erst, gibt Sebastian schmunzelnd zu, als ihm eine Wasserleitung geradezu in den Händen zerbröselte. Mit Hilfe von Bruder Jakob wurde alles herausgerissen, was nicht niet- und nagelfest war. Bis dahin hatte Sebastian gehofft, mit ein wenig Weißeln und neuen Böden über die Runden zu kommen. Einmal für den Rundumschlag entschieden, ließ sich Sebastian dann aber nicht lumpen. Gewährte ihm der Denkmalschutz an der Außenfassade kaum Spielraum, durfte sich der Naturliebhaber im Innenbereich nahezu frei austoben. Nach eigenen Entwürfen entstanden Räumlichkeiten, die allesamt eine ungemeine Ursprünglichkeit und Gemütlichkeit bergen, aber auch ein wenig Loftcharakter haben und etwas ausstrahlen, das man heutzutage vielleicht mit urbanem Flair umschreiben würde.

Der durchgängig neue Holzboden grenzt beispielsweise in Küche und Flur an komplett durchgefärbte Zementmosaik-Platten der Marke VIA. In den ersten Stock führt eine maßgeschreinerte Treppe, die vorzüglich mit dem weiteren hölzernen Interieur harmoniert – der offenen Küche mit ihrer Natursteinarbeitsplatte oder den urigen Türen. Geradezu detailverliebt hat sich Sebastian in die Thematik von Schlosser- und Schmiedearbeiten „verbissen“. Ob es Türen-, Fenster- oder Schubladengriffe sind, Beschläge an Türen oder Mobiliar, ein individuelles Küchengestell oder sogar die Stangen des Treppengeländers – sämtliche Teile ließ Sebastian vom Riederinger Huf-und Kunstschmiedemeister Martin Siflinger fertigen. Ehrensache, dass sämtliche Trophäen und Geweihe aus eigener Jagd stammen!

Einen kleinen Kampf hatte der frischgebackene Hausherr dann doch mit den Denkmalschützern auszufechten: Hatten sie Sebastian doch partout die angedachten Sprossenfenster verwehren wollen! Diese habe es früher nicht gegeben, behauptete die Behörde. Zum Glück gab es jedoch jene alte, prophetische Schwarz-Weiß-Fotografie. Blickt man am blutjungen Opa vorbei und die Fassade empor, erkennt man eindeutig Fenster – mit Sprossen! Und so wohnt heute wieder ein Jäger in Nussdorfs altem Forsthaus. Zusammen mit Jagd-Labrador Luna. Eine runde Sache!

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