Von Axt bis Zugspitzbahn

himmeblau Redaktion

Text: Catherine Bruha, Fotos: Andreas Jacob

Fundgrube für Film- und Theaterleute und Reise durch die Geschichte: Minis Raritätenstadl.

Das Klosterdorf Polling im Landkreis Weilheim-Schongau ist ein ruhiges Fleckchen Erde, das neben einem hübschen Klosterhof seit dem Jahr 2003 ein weiteres besuchenswertes, wenn auch auf den ersten Blick verborgenes Kleinod birgt. In der unscheinbar anmutenden Hofmarkstraße, umgeben von weitläufigen Koppeln, auf denen Pferde genüsslich weiden und sich austoben können, steht mitten im Zentrum eines Reiterhofs ein kantiges, weiß-blaues Gefährt, das man an diesem Platz wohl am wenigsten erwarten würde: Einen echten Waggon der „Bayerischen Zugspitzbahn”.

„Herzlich Willkommen in Minis Raritätenstadl!”, ruft einem der Besitzer jenes geheimnisvollen Ortes fröhlich entgegen, wenn man seinen Besuch in dem sagenumwobenen Kuriositätenkabinett antritt. Als „mini” – von der echten Wortbedeutung her – entpuppt sich hier allerdings kaum etwas. Weder Dominikus Weiß selbst, der Betreiber des Raritätenstadls, noch die gigantische Sammlung an – nennen wir es vorerst – „Dingen”, die er in den zahlreichen Gebäuden auf seinem Anwesen versammelt hat.

Als die Führung beginnt, berichtet Dominikus alias „Mini”, dass sich der Betrieb seit etwa 1640 im Besitz der Familie befindet. Sein verstorbener Vater (genau wie schon der Großvater auch ein Dominikus) hatte eine besondere Leidenschaft: Sammeln! Dabei sprechen wir nicht von einer gewöhnlichen kleinen Sammlung an Gegenständen, die sich so mancher Mensch im Laufe seines Lebens aneignet. Nein, hier geht es nicht um ein paar läppische Briefmarkenalben oder ein Regal voller historischer Bierkrüge. Wir sprechen von einer Sammlung, die mehrere Sammlungen beinhaltet, die unter Umständen in weitere Sammlungen unterteilt ist. Zugegeben, das klingt etwas verwirrend, ist es aber gar nicht – versprochen!

Stellen Sie sich vor, Sie würden verschiedene Dinge zusammentragen, Fahrräder oder historische Gegenstände aus dem Medizinbereich zum Beispiel. Dann besteht Ihre Hauptsammlung bereits aus zwei Komponenten. Ihre Fahrradsammlung unterteilen Sie nun in die Bereiche „Fahrräder”, „Fahrradklingeln”, „Fahrradlampen” und „Dreiräder”, die medizinische Sammlung in „Werkzeuge”, „Prothesen” und „Apothekerflaschen” – schwupps, haben wir einen klassischen Fall von „Inception” (oder, für die Nicht-Cineasten: das Pendant zu einer Matrjoschka; quasi Sammlung in Sammlung in Sammlung...).

Aus der Luft gegriffen waren die aufgezählten Beispiele sammeltauglichen Materials übrigens nicht. Vielmehr handelte es sich um einen klitzekleinen Auszug aus dem, was sich in Minis Raritätenstadl tatsächlich an Exponaten tummelt. Den geneigten Besuchern begegnen darüber hinaus eine beachtliche Anzahl an Pferdekutschen aus sämtlichen Epochen der Zeit, Radios, Waschbretter, Kinderbetten, Ziegenglocken, Hilfsmittel für die Rasur, Schlitten, Werkzeuge – und so weiter und so fort. Eine schier unzählbare Menge an großen und kleinen Dingen, die in mehreren Gebäuden lagern. Da steht ein alter Zahnarztstuhl, versehen mit einem Bohrer, der damals vom Herren Doktor per pumpenden Pedes betrieben wurde und unsereins das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ohne zu viel zu verraten: Auch Autofans kommen eindeutig auf ihre Kosten: Ein BMW 327 von 1939, ein giftgrüner Opel Kadett, ein Goggomobil oder das historische Feuerwehrfahrzeug faszinieren Automobilfreunde, bevor sie an einer alten Schiffschaukel vorbei ins Nebengebäude zu einem alten Brauereifahrzeug spazieren können. Auf diesem einzigartigen, motorisierten Dreirad wurde einst in Weilheim Bier ausgefahren.

Dominikus kennt sich in seinem weitläufigen Sammelsurium aus wie in der sprichwörtlichen Westentasche und genießt es, Anekdoten über seine liebsten Stücke zu erzählen. Früher das „Amt“ des Vaters, hat Mini nach dessen Tod vor etwa eineinhalb Jahren diese ehrenvolle Aufgabe übernommen. Gemeinsam mit der Mutter verköstigt er die Gäste zwischendurch mit selbstgebackenem Kuchen (bei Regen gerne in der Zugspitzbahn) und berichtet mit Liebe zum Detail und herrlich aufgeschlossener Art, welche der Exponate schon für Filmproduktionen ausgeliehen wurden. Die historischen Ziegenglocken zum Beispiel spielten eine Rolle in „Heidi”, für den „Brandner Kaspar” entführten die Filmleute gleich ein ganzes historisches Klassenzimmer.

Führungen finden für Gruppen ab zehn Personen statt. Wer gerne Exponate für Film- und Theaterkulissen, Schaufensterdekorationen, historische Festivitäten oder ähnliches ausleihen möchte, melde sich direkt beim Hausherrn. Ansonsten gilt: Für alle, die Lust auf einen außergewöhnlichen Ausflug haben, die erfahren wollen, was ein „Second-Hand-Sarg” ist, oder die arg sammelwütige Mitmenschen zum Ausmisten anregen möchten, ist Minis Raritätenstadl definitiv eine Reise Wert.

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