Unterwegs mit Freigeistern

Petra Rapp

Fotos: Valentin Rapp/Petra Rapp

„Fjord“-Gefühle bei einer Skitour zum Bärenkopf (1.991 Meter) am Achensee

Ein Splitboarder aus Lenggries, ein Telemarker aus München, ein Freerider und eine Freeriderin aus dem oberbayerischen Inntal – erstmals in dieser Konstellation gemeinsam unterwegs, das könnte ein ziemlich guter Tag werden! Frischer Powder über Nacht und die Wolken verziehen sich auch allmählich. Jeder hat sich diesen Tag mitten in der Woche spontan freigeschaufelt. Robert, der Splitboarder, hat seine drei Kinder schnell noch in die Schule verfrachtet, sich mit Bernd, dem Telemarker, in den VW-Bus gesetzt und auf den Weg gemacht. Hinein in ihre geliebten Alpen, in die grenzenlose Freiheit und den hoffentlich puren Flow-Genuss, was sie beides so nur in den Bergen erleben – und das am besten gemeinsam mit Freunden, die genauso ticken.

Der Treffpunkt der Vierer-Crew am frühen Morgen: der Parkplatz an der Karwendel-Bergbahn in Pertisau, um eventuell den Aufstieg zum Bärenkopf mit der Bahn um einige Höhenmeter zu verkürzen. Nein, das widerspricht dann doch dem sportlichen Ego. Also wieder rein ins Auto, ein paar Meter zurück zum Gasthaus St. Hubertus (www.hubertus-achensee.at), auffellen und am zum Teil ziemlich steilen Pistenrand des Skigebietes die Aufstiegsspur durch das Perchertal hinauf bis zur Bärenbad-Alm (1.447 Meter). Drei durchtrainierte Männer voran, mein Motto dahinter: nur nicht zu weit abreißen lassen, aber auch nicht so verausgaben, dass dann gar nichts mehr geht. Wer weiß, was da oben noch kommt. Dahinter zumindest schon mal gigantische Ausblicke auf den wunderschönen, tiefdunkel und kontraststark zu den weißen Hängen heraufleuchtenden Achensee, den „Fjord Tirols“. Entstanden nach der letzten Eiszeit lockt Tirols größter See, flankiert von den Berghängen des Karwendelmassivs und des Rofangebirges, durch seine windgünstigen Verhältnisse vor allem im Sommer viele Wassersportler an. Im Winter ist es sehr schön ruhig hier. Ziemlich windig ist es aber auch heute, was wir jetzt im Schutz des Waldes noch nicht spüren, aber Windfahnen auf den umliegenden Gipfeln schon visuell ankündigen.

Eine kurze Verschnaufpause an der Bärenbad-Alm. Und ein kleiner Abstecher von Bernd, Robert und Vale zu einem Kurzshooting bei schönstem Morgenlicht in den frischen, unberührten Powder. Die drei sind regelmäßig miteinander unterwegs. Hauptsächlich beim Bikebergsteigen auf den unzähligen Trails vor ihrer bayerischen Haustür oder auch des Öfteren im nahen Tirol. Bei ausreichend Schnee wie heute dann gerne auf den Brettern. Ihr Motto dabei: „Einfach mal losziehen auf eigene Faust, aber immer mit Respekt und Rücksicht auf Natur und Umwelt“, erklärt Robert. „So wie heute, wenn sonst niemand unterwegs ist und nur Freunde mit dabei sind, ist es natürlich genial“, sagt Bernd. Freundschaft am Berg ist ihnen wichtig. „Für mich ist jede unserer Touren ein gemeinsames Ausbrechen aus dem Alltag, ein Kraftsammeln, Entspannung, Abenteuer und Naturerlebnis in einem.“ Sich dabei 100 Prozent auf den anderen verlassen zu können, absolute Hilfsbereitschaft untereinander und das Können so wie auch die Schwächen der anderen am Berg zu kennen und zu respektieren, gehört laut Robert dazu. Und vor allem: „Sich gemeinsam über einen gelungen Powder Run freuen zu können, macht das Ganze dann noch intensiver und schöner!“

Die Vorzeichen auf ein solch intensiv-freudiges Erlebnis sind gut. Von der Bärenbad-Alm zieht sich die Spur links durch den tief verschneiten Wald. Oberhalb der Waldgrenze bläst der Wind der Gruppe gewaltig um die Ohren. Die so erzeugten, skurrilen und sich in der Gegensonne spiegelnden Schneebilder sind zwar faszinierend, doch die stürmischen Böen oben am Gipfel versprechen dort nicht allzu viel Gemütlichkeit. Beim Bärenhalsl dreht die Route nach links und führt südseitig in mäßiger Steigung zum plateauartigen Gipfel, wo normalerweise eine wunderschöne Aussicht wartet. Außer Föhnsturm wartet heute da oben aber nichts, also lassen wir die letzten 40 der insgesamt 1.100 Höhenmeter zum Gipfelkreuz dann auch lieber, bevor es uns dort noch hinunter bläst. Abfellen und kurze Pause, bei der Vale und Robert vorsichtig hinaufstapfen an den Einstieg zu einer sehr langen, 40 Grad steilen Rinne, die nordseitig abwärtsführt. „Schade, wird auch diesmal nichts. Ist einfach zu heikel und gefährlich heute“, meint Robert, dem die Rinne auch bei seiner zweiten Bärenkopf-Tour versagt bleibt. Wehmütig baut er sein Splitboard zusammen. Warum er lieber auf einem statt auf zwei Brettern runterfährt? „Ich bin überzeugter Snowboarder der ersten Stunde und stehe seit 28 Jahren auf dem Brett. Mittlerweile ist das Material so ausgereift, dass man im Vergleich zu Skitourengehern kaum noch Nachteile im Gelände hat. Früher war ich nur mit Splitboardern unterwegs, heute ziehen wir fast immer in einer gemischten Gruppe los. Man schätzt sich gegenseitig und es ist immer eine Herausforderung, als Splitboarder mit guten Skifahrern unterwegs zu sein“, sagt er.

Nach nochmaligem Check der Lawinenlage powdern wir am Rande der bis zu 35 Grad steilen Hänge des Bärenbadkessels abwärts. Tauchen ein ins tiefe, fluffige Weiß bis zur Bärenbad-Alm. Die drei Männer so im Rausch, dass sie von hier aus gleich noch einmal hinaufstiefeln. One of those days halt. „Und jetzt ein Weißbier“, meint Urbayer Robert danach doch etwas außer Puste und braust auf seinem Splitboard die letzten Meter hinunter ins Tal.

  • Routeninformationen
Anforderung: mittel
Höhendifferenz: 1.100 Meter
Gehzeit: ca. 3 Stunden
   
Gebirge (Region): Karwendel-Gebirge
   
Einkehrmöglichkeit:

Gasthof St. Hubertus, Pertisau

Ausgangspunkt: Gasthof St. Hubertus, Pertisau
Parkplatz: Gasthof St. Hubertus, Pertisau
Beste Tourenzeit: Dezember bis April
Anfahrt:

A93 Inntalautobahn Richtung Innsbruck, Ausfahrt Achensee/ Zillertal. B181 Richtung Tegernsee/Wiesing, dann links Richtung Pertisau

   

 

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