Unbeschwert zu Fuß über die Alpen

Petra Rapp

Fotos: Petra Rapp

Die Überquerung vom Tegernsee über den Tiroler Achensee und das Zillertal nach Sterzing präsentiert sich mit viel Genuss und ohne größere Strapazen.

Petrus meint es schon mal gut mit der wanderfreudigen Truppe: Nach tagelanger Regenperiode empfängt er die angehenden Alpenüberquerer mit stimmigem, weiß-blauem Himmel am Bahnhof in Gmund, Ausgangspunkt der ersten von insgesamt sieben Tagesettappen hinüber über die Berge bis nach Sterzing in Südtirol. Die Route verläuft auf leichten bis mittelschweren Wegen und ist mit insgesamt rund 115 Kilometern und einigen Höhenmetern bergauf und bergab für alle relativ geübten Wanderer gut zu schaffen. Die einzelnen Strecken lassen sich bei Bedarf mit Bus oder Schiff teilweise abkürzen. Mit entsprechender Vorbuchung kann man sein Hauptgepäck auch transportieren lassen und so unbeschwert nur mit leichtem Tagesrucksack wandern.

Weitwandern boomt, den Mythos Alpenüberquerung wollen immer mehr erleben und auf Hannibals oder Goethes über 200 Jahre alten Spuren wandern. Doch nicht jeder traut sich die sehr weiten und weit strapaziöseren Wege über die Alpen des Klassikers München-Venedig oder des Europäischen Fernwanderweges E5 von Oberstdorf nach Meran zu, weshalb das entspanntere Konzept dieser Route eine gute Alternative ist. „Seit 2014 bieten wir jetzt die Tour an und sie wird von Jahr zu Jahr immer stärker gebucht“, erzählt der Geologe und Bergwanderführer Georg Pawlata (43), der die Gruppe begleitet. Der Innsbrucker hat das Konzept dieser bestens organisierten wie auch mit sehr viel Service ausgestatteten Alpenüberquerung entwickelt und zusammen mit den vier Tourismusregionen 

Tegernsee, Achensee, Zillertal und Sterzing realisiert. Die Gäste sind überwiegend zwischen 40 und 70, immer öfter aber auch jünger oder Familien, die sich gemeinsam den Traum erfüllen wollen. Der älteste Teilnehmer war bisher 85 Jahre. Die Markierungen hat Georg auf allen Etappen selbst angebracht, weshalb sein Blick auf dem Weg von Gmund nach Tegernsee immer wieder kontrollierend dem Wegesrand gilt. Auf dieser Route steckt ganz viel persönliches Herzblut und Leidenschaft, das merkt man Georg, der in seiner ruhigen, besonnenen Art bei allen schnell Vertrauen weckt, immer wieder an. Während das Gepäck sich bereits im Shuttle zur ersten Unterkunft befindet, wandert die Gruppe in Richtung Tegernsee, wo ein Besuch des Bräustüberls vor allem die Wanderer aus ferneren Regionen begeistert. Zugegeben, so mitten unter der Woche, wo der Trubel hier nicht ganz so groß ist, kann man es tatsächlich richtig gut aushalten und der Obatzte schmeckt sogar denen, die sonst absolut nicht auf den „Käsebatz“ stehen.

Die geplante Überfahrt von Tegernsee nach Rottach-Egern mit der Ruderfähre muss danach leider wegen starkem Wind ausfallen. Die Strecke zum Quartier nach einem sehr gemütlichen, ersten Eingehtag wird mit dem Bus zurückgelegt. Der Weg von Wildbad Kreuth über die Blauberge zum Achensee nach Achenkirch wird dafür dann mit 17 Kilometern und gut 850 Höhenmetern anspruchsvoller. Ein erster Blick von der Landesgrenze zum Alpenhauptkamm lässt Freude aufkommen, wie auch der landschaftlich sehr schöne Weg am dritten Tag hinüber nach Maurach, der sich gute 13, meist flache Kilometer entlang des größten Sees Tirols zieht. Zwei Mitwanderer spüren ihre Beine vom Vortag und nehmen lieber das Schiff. Nicht „by fair means“, aber darum soll es bei dieser Alpenüberquerung ja nicht gehen. „Vergesst mal Eure Leistungsansprüche! In diesen Tagen soll Genuss, Spaß am eigenen Tun und Entschleunigung im Vordergrund stehen“, betont Georg immer wieder.

Genuss wartet auch im 4-Sterne-Hotel in Pertisau, wo sich die müden Körper im Wellnessbereich erholen dürfen. Zum Aufpeppen der Muskulatur warten eine Massage mit Tiroler Steinöl, das seit 1902 ausschließlich im Bächental am Achensee aus Ölschiefer gewonnen wird. Dessen Geruch nach Zugsalbe ist zwar nicht so besonders, aber seine wohltuende Wirkung sofort spürbar. Die ist nicht nur auf den hohen Gehalt an natürlich gebundenem Schwefel zurück zu führen, sondern auch auf die speziellen Wirkstoffe, die von vorzeitlichen Meerestieren und Pflanzen stammen, die zu einer Zeit lebten, als der komplette Kontinent noch unter Wasser stand. Einige bevorzugen lieber eine „Eiswasser“-Therapie und springen ins kristallklare, aber 17 Grad kalte Wasser des Achensee und schwimmen ein paar Meter mit Blick auf Rofan- und Karwendelgebirge, bevor sich alle den lukullischen Genüssen hingeben.

Das Zillertal zeigt auf der vierten Etappe vom Spieljoch schöne Ausblicke auf das Alpenpanorama, Tiroler Spezialitäten im Alpengasthaus Loas am Loassattel geben wieder Kraft, bevor der Weg hinunter nach Hochfügen und von dort am nächsten Tag durch historische Almdörfer auf das Sidanjoch und zur Rastkogelhütte führt. Schritt für Schritt wandert Georg den schöner Steig voran zum Melchboden an der Zillertaler Höhenstraße, bevor zum Abschluss der fünften Etappe ein weiter Abstieg ins Tal nach Mayrhofen wartet, den man aber auch knieschonend mit dem Bus zurücklegen kann. Tag Sechs, die Königsetappe mit der Überschreitung des Alpenhauptkamms: Das Wetter ist nicht mehr so prickelnd, aber noch ist es trocken.

Kurz hinter dem schönen Schlegeisspeichersee auf 1.800 Meter beginnt der Aufstieg zum Pfitscherjochhaus (2.277 m) und damit zur Grenze nach Südtirol. Ein sehr schöner Weg durch den Zamser Grund mit mäanderndem Bach, gesäumt von Zirben und blauem Enzian, dem Weg über Almwiesen, wo Knabenkraut, Alpenklee, Teufelskrallen und sogar seltene Feuerlilien wachsen und zeigen, dass hier die florale Welt noch in Ordnung ist. Durch einen Mischwald führt der Weg hinunter zum Talboden ins Pfitschtal, dann durch den kleinen Weiler St. Jakob weiter nach Kematen, wo die letzte Unterkunft auf die müden, aber doch sehr glücklichen Alpenüberquerer wartet.

Klar muss die Überschreitung des Alpenhauptkammes ein bisschen gefeiert werden, was im gemütlichen, sehr familiären Hotel Kranebitt nicht schwerfällt. Die letzte, 15 bis 20 Kilometer lange Etappe vom Pfitschtal nach Sterzing ist dann am nächsten Tag auch eher locker und kann überall mit dem Lininenbus abgekürzt werden. Der letzte noch fehlende Stempel im Etappenbuch, ein letzter gemeinsamer Capuccino nach einer kurzen Stadtführung in der schönen Altstadt von Sterzing, dann geht es mit doch schweren Beinen, aber auch um schöne Berg- und Naturlebnisse reicher zurück nach Gmund.

  • Routeninformationen
Anforderung: schwer
Gehzeit: 7 Tage
Distanz: 115 Kilometer

Die Alpenüberquerung wird in verschiedenen Paketen angeboten (individuell, mit Gepäcktransport oder als geführte Gruppenwanderung). Übernachtet wird in gemütlichen Hotels, Gasthöfen und Pensionen entlang des Weges.

Alle Infos zu den einzelnen Etappen, Buchungsangeboten und Preisen unter www.die-alpenueberquerung.com oder telefonisch beim Buchungsbüro Feuer und Eis Touristik unter +49 (0)8022 66364-0.

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