Teeball „reloaded“

Lucia Schletterer

Fotos: Lucia Schletterer

Musik und Tanz bei Tee mit Rum. Wie ein Tiroler Bauer die alte Tradition der Hausbälle wiederaufleben lässt.

Seit Jahren schon spukte Thomas die Idee im Kopf herum, die alte Tradition der sogenannten Teebälle wieder aufleben zu lassen. Seine Großmutter hatte ihm öfter davon erzählt: Als junges Mädchen – in den 1920er Jahren – hatte niemand von den jungen Leuten Geld um auszugehen. Zudem fehlte die heutige Fülle an Wirtshäusern. Also veranstaltete man unter Zuspruch der Bauersleut‘ in den Höfen eigene Hausbälle. Es wurden ein paar Freunde und Nachbarn zusammengetrommelt, Küche und Stube zum Ballsaal umfunktioniert. Ein paar Musiker waren Pflicht (diese waren rar gesät und dementsprechend gern gehört), der Hausgang fungierte als Bühne.

Ausgeschenkt wurde Schwarztee mit einem Schuss Rum oder Schnaps. So kam der „Teeball“ zu seinem Namen. Thomas Hinterholzer ist Musikant und Schafbauer aus Going am Wilden Kaiser. Er pflegt das alte Bauernhaus seiner Großeltern und vermietet es inzwischen als Gästehaus, wobei die Schafe noch immer den Stall für sich beanspruchen. Wenn man seinen Bauernhof „z’Gassn“ betritt, kann man es sich noch gut vorstellen, das Bauernleben wie vor 100 Jahren. Eine einfache, gemütliche Küche mit Holzherd, ein runder Küchentisch mit Platz für die Großfamilie, ein knarrender Holzboden und karierte Vorhänge sorgen für eine bescheidene Atmosphäre, in der man sich sofort wohlfühlt. An den Wänden hängen Bilder aus vergangenen Goinger Zeiten. Porträts der Großeltern, ein paar Bilder der Familie in schwarz-weiß und das erste Foto der Blasmusikkapelle Going überhaupt. Auch Thomas ist seit klein auf in der Blaskapelle, genauso wie sein Onkel, Großvater und Urgroßvater – die übrigens auch alle Thomas hießen.

Für ihn ist klar, ein Teeball „reloaded“ benötigt die genau richtigen Zutaten. Also nimmt er: Seinen laut Urkunden inzwischen 600 Jahre alten Bauernhof „z’Gassn“ mitten im Goinger Ortszentrum, etwa 30 Nachbarn und Freunde, eine Handvoll Musikanten, den Dresscode „trachtig“, einen glühenden eingeheizten Holzherd, eine Riesen-Thermoskanne mit Schwarztee, eine Flasche Rum und original St. Johanner Würstel mit Salzstangerl, Senf und Kren fürs leibliche Wohl sowie am Holzofen geröstete Kastanien als Knabberzeug.

Auch der Termin ist kein Zufallsprodukt, es gilt alte Regeln zu beachten! Getanzt werden durfte früher nur zu bestimmten Zeiten: Von Dreikönig bis Fastnachtsdienstag, von Ostermontag bis Anfang Mai, an Erntedank im September, von Kirta bis Kathrein. Jedes Jahr am Todestag der Heiligen Katharina am 25. November wurde in Tirol wie in Bayern der öffentliche Tanz eingestellt („Kathrein stellt an Tanz ein“). Wenn die Feldarbeit am Ende des Spätherbsts erledigt war, verlegte sich die Arbeit der Bauern zunehmend nach innen und in dieser Zeit bekamen auch die Feste ihren Platz.

Am 8. November 2016 ist es endlich soweit und der Teeball „reloaded“ beginnt. Während es sich die Goinger Ballgäste schon um die Küchenbank gemütlich machen, gibt es für die „Zuagroastn“ noch eine Hausführung. Vom Vorratsraum im Keller, der vom Onkel noch händisch gegraben wurde, zu den Schafen im Stall, in die oberen zwei Stockwerke. Überall sieht man kleine Details, die vom einstigen Bauernleben erzählen, wie zum Beispiel der alte Kleiderschrank, der noch von Hand bemalt und mit dem Namen der Bäuerin kunstvoll beschriftet ist.

Derweil ist im Erdgeschoß das Ballgeschehen in vollem Gange. Es wird gefachsimpelt, gegessen und getrunken. Der breite Hauseingang ist okkupiert von den Musikanten – abwechselnd spielen die Bläser, die „Tanzlmusig Halb und Halb“, die „Noagei Musi“ oder alle zusammen querbeet. Getanzt wird zwischen den Stühlen und in der Stube, während sich der Hausherr abwechselnd zwischen Flügelhorn spielen, Tee nachschenken und Kastanien rösten bewegt. Um 23 Uhr sind die Fenster dermaßen angelaufen, dass man von draußen nur noch erahnen kann, dass die Stimmung am Kochen ist.

Alle Zutaten für ein gelungenes Fest sind vorhanden. Doch da ist noch mehr. Ist es die beruhigende Atmosphäre des alten Bauernhauses, das wohl schon mehrere solcher Feste erlebt hat? Ist es die bunte Mischung der Musikanten, die gar nicht mehr aufhören wollen zu spielen und sich von der Volksmusik bis hin zu Frank Sinatras „I did it my way“ hochschaukeln? Oder ist es die kalte Novemberstimmung vor der Tür, die es um den Holzofen umso gemütlicher macht? Schwer zu sagen. Man fühlt eine stimmige Verbundenheit mit der Vergangenheit, denkt an frühere Teebälle und daran, dass die wesentlichen Zutaten bis heute eigentlich dieselben geblieben sind: Nette Menschen, gute Musik, Tanz und Verpflegung sind Balsam für die Seele und lassen auch diesen Teeball zu einem vollen Erfolg werden.

Als der letzte Gast geht, spricht er aus, was nur er als guter Freund sich zum Hausherrn zu sagen getraut: „Du weißt schon Thomas, das machen wir jetzt jedes Jahr!“

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