„Schöne Arbeiten“

Julia Schuster

Fotos: Andreas Jacob

Martina und Rosemarie Probst aus Holzkirchen bewahren mit ihrem Kunsthandwerk die Klosterarbeiten vor dem Aussterben.

Betritt man das Haus der Familie Probst in Holzkirchen, bleibt der erste Blick unweigerlich an dem reich geschmückten Fatschenkindl – einem gewickelten Jesuskind – hängen. Es ist in der Eingangshalle auf einen Wandsockel gebettet und eine Nachbildung des wohl bekanntesten Christkinds Bayerns, dem Augustinerkindl. Die Legende erzählt, dass es im 17. Jahrhundert dem Sakristan am Lichtmesstag zu Boden fiel und zerbrach. Er schwieg über sein Missgeschick und verbarg es. Doch im nächsten Advent musste er es beichten. Wie durch ein Wunder hatten sich die Teile wieder zusammengefügt. Die Bruchstellen sind heute noch zu sehen.

Im Keller des Hauses befindet sich die Werkstatt von Rosemarie Probst und ihrer Schwiegertochter Martina. Hier fertigen die beiden Frauen in liebevoller Handarbeit ihre Klosterarbeiten. In der Mitte des Raumes sind auf einem großen Tisch unter anderem zahlreiche Andachtsbilder, Fatschenkindl und Wachsstöcke ausgestellt. In den Regalen an den Wänden stapeln sich Materialien wie Gold- und Silberdrähte, Perlen, Stoffe, Borten und vieles mehr. „Klosterarbeiten oder auch ,Schöne Arbeiten‘ stammen aus der Barock- und Rokoko-Zeit im alpenländischen Raum. Die Schwestern in den Klöstern machten sie in ihrer Freizeit“, erklärt Rosemarie, während sie zärtlich mit dem Zeigefinger über den vergoldeten Bilderrahmen des Heiligenbilds streicht, das sie in der Hand hält. Sie lächelt.

Seit 40 Jahren widmet sich die Holzkirchenerin nun schon ihren Kostbarkeiten. Den ersten Kontakt zu den Klosterarbeiten erlebte Rosemarie als junges Mädchen während ihrer Internatszeit bei den Englischen Fräulein in Bad Reichenhall. Als eine der Ordensschwestern ihre Goldene Profess feierte – also seit 50 Jahren im Kloster weilte und sich an Gott gebunden hatte – bekam sie einen kleinen goldenen Kranz geschenkt. „Das war mein erstes Erlebnis“, erinnert sich Rosemarie.

Nach der Zeit im Kloster erlernte die heute 70-Jährige den Beruf der Arzthelferin, den sie bis zur Geburt ihres ersten Sohnes ausübte. Danach entdeckte sie wieder die Klosterarbeiten für sich. „Diesmal wusste ich: Das ist es!“, erzählt sie. In jeder freien Minute nähte, stickte und wickelte sie, um die filigranen Andachtsbilder und Figuren zu fertigen. Einen Lehrmeister hatte sie nie. Die bis zu 200 Jahre alten Techniken brachte sich Rosemarie selbst und mithilfe von Überlieferungen bei. Ihre Schwiegertochter Martina unterstützt sie dabei seit 15 Jahren. Neben den Klosterarbeiten fertigen die beiden auch individuelle Dekorationen aus Seidenblumen.

Damit die Klosterarbeiten nicht aussterben, bieten die zwei Damen regelmäßig Kurse an, in denen sie ihre Kenntnisse und Fertigkeiten an Interessierte weitergeben. Die Kursteilnehmer sind dabei ein bunt gemischtes Publikum. Zu ihren Teilnehmern sagt Rosemarie immer: „Was ihr glaubt, ist mir egal. Aber Herzblut müsst ihr hineinarbeiten.“ Viele kommen schon seit Jahren immer wieder in die Kurse, um die meditative Arbeit und das Gefühl der Gemeinschaft zu genießen. Rosemarie gilt als strenge Lehrerin, die stets ein wachsames Auge auf die Kursarbeiten hat. In ihren 40 Jahren, in denen sie nun schon unterrichtet, gab es kein Stück, das nicht fertig wurde. Einige der Werke werden an den beiden ersten Adventswochenenden auf dem hausinternen Adventsmarkt ausgestellt. Zudem werden verschiedene weihnachtliche Accessoires wie Christbaumschmuck, Kerzen und vieles mehr angeboten und das neue Kursprogramm vorgestellt. Am dritten Adventswochenende verkaufen die beiden Frauen ihren Weihnachtsschmuck auf dem Bad Feilnbacher Waldadvent.

Neben den Kursen bieten die Probsts auch die kostbaren Materialien zum Verkauf an. „Es ist sehr schwierig geworden, das Material zu beschaffen“, erklärt Martina. „Wir fahren teilweise bis nach Südtirol, um dort einzukaufen.“ Das wissen die Kunden zu schätzen. Da in den Klöstern der Nachwuchs fehlt, sind die Klosterarbeiten vom Aussterben bedroht. Das zu verhindern liegt den beiden Damen sehr am Herzen. 

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