Raus aus der Komfortzone

Christian Topel

Fotos: Christian Topel/Thomas Schütz

Konzerte an Stätten abseits des Bekannten: „Nightingale“ verbindet Natur und Kultur.

Kariertes Holzfällerhemd, drunter ein weißes T-Shirt, Dreitagebart – Thomas Schütz sitzt im Café Ruffini, im Herzen seiner Wahlheimat München, vor einem doppelten Espresso Macchiato. So, sagt er, würde er auch in die Oper gehen. Ein Statement, das man von einem zwar jungen, aber schon renommierten Bariton nicht unbedingt erwartet. Gerade verkörpert der 34-Jährige im Bayerischen Hof die Rolle des „Marcelo” in Rossinis „La Bohéme“. Er gehörte dem Ensemble des Opernstudios der „International Opera Academy“ in Gent an, wurde in London mit dem Paul Hamburger Preis ausgezeichnet und war Finalist des Internationalen Lions Gesangswettbewerbs. Mit seiner Aussage spielt Schütz auf das in seinen Augen nur noch von wenigen Menschen geteilte Vorurteil an, die Klassikszene sei steif und elitär. „Ich halte das für ein veraltetes und nicht mehr existentes Klischee“, sagt Schütz. Ganz im Gegenteil begeistere klassische Musik heutzutage mehr Menschen denn je – und das generationenübergreifend. „Sie ist für alle da, unabhängig vom Kleidungsstil und der modischen Bandbreite des Kleiderschranks!“

Dies, erklärt der Sänger, liege mitunter an vielen guten Initiativen renommierter Konzert- und Opernhäuser, die genau darauf abzielen: klassische Musik in den alltäglichen Bewegungsradius der Menschen zu bringen. „Oper für alle“, eine Aktion der Münchner Staatsoper, nennt Schütz als leuchtendes Beispiel. Wie viel Lust auch die Jugend auf Klassik hat, konnte der Sänger erst kürzlich im Rahmen eines ähnlichen Projekts eindrucksvoll erleben. Mit der „Musik für Schüler“ im Gepäck besuchte Schütz neun Mittelschulen in ganz Süddeutschland und sang Kurzfassungen bekannter Opern-Werke. Organisation und Programmgestaltung jenes Projekts oblag Johannes Erkes, bekannt als genialer Bratschist, Gründer des Kammermusikfestivals „festivo“ sowie langjähriger Musikdirektor der für das Projekt verantwortlichen „Internationalen Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation“. „Die Kids haben hochkonzentriert gelauscht“, resümiert Schütz mit vor Begeisterung blitzenden Augen. Im gleichen Atemzug apelliert er an Musiklehrer: „Vergesst den Quatsch, eure Schüler wären überfordert!“ Vielmehr seien die sieben bis 13-Jährigen fasziniert gewesen vom „Thriller“ des Erlkönigs. Und hätten, einmal gefesselt vom Plot, auch die Raffinessen der Komposition verstanden. „Als Johannes Erkes erklärte, wie die Klavierbegleitung der linken Hand das Gewitter symbolisiert, blickte ich in lauter wache und aufmerksame Gesichter“, schwärmt Schütz, der sich nicht nur aufgrund dieses Erlebnisses als „Kulturoptimist“ bezeichnet. Als er zwar nicht laut, aber leidenschaftlich versichert, die Totengesänge auf klassische Musik gehörten ins Reich der Märchen, hakt ein Herr am Nachbartisch nach. Ob sich Schütz der erwähnten Zahlen sicher sei? „Absolut“, antwortet der gebürtige Priener. Laut eines Zeitungsartikels hätten letztes Jahr 18,2 Millionen Menschen klassische Konzerte besucht, nur 13,2 Millionen Spiele der 1. Fußballbundesliga. „Das lässt doch hoffen“, sagt der Tischnachbar. Schützt nickt und lächelt. Ein paar hundert Leute hat er schließlich höchstselbst angelockt – wenn auch ausnahmsweise nicht nur mit seiner hochgelobten Stimmgewalt.

„Nightingale“ hat Thomas Schütz eine Veranstaltungsreihe getauft, die er 2017 erstmals organisierte, deren Programm er gestaltete und innerhalb derer er auch als Künstler auftrat. Das Zentrum dieser alternativen Konzertreihe sei es, die Verwebung zwischen Natur und Kultur zu betrachten. „Denn zum einen liegt mir die Natur am Herzen wie sonst kaum etwas, zum anderen habe ich festgestellt, dass beim Musizieren nur durch die Verbindung von Natur und Kultur alle Sinne angesprochen werden können“, so Schütz. Um das zu erreichen, wagt sich Nightingale sozusagen hinaus. Zwar finden einige Konzerte in Sälen statt – beispielsweise im Stadl beim Hirzinger (den Schütz für einen der akkustisch reizvollsten Säle des Chiemgaus hält) – aber die ganze „Entourage“ begab sich Ende Oktober beispielsweise auch auf das Hochgernhaus, um Schuberts „Winterreise“ aufzuführen.

Die Umsetzung von Konzerten an solchen Orten erfordert Kreativität und Flexibilität. „Auf 1.500 Metern Höhe kann man einen Liederzyklus eben nicht mit der im Original geforderten Klavierbegleitung aufführen“, erklärt Schütz, „sondern muss sich Alternativen ausdenken.“ Sein Geistesblitz in diesem Fall: ein Akkordeon. „Als ich auf 1.500 Metern ‚Schnee du weißt von meinen Tränen‘ gesungen habe und dabei vor dem Fenster die ersten Schneeflocken fielen, ist allen Beteiligten das Herz aufgegangen“, erinnert sich Schütz. Dazu der gigantische Blick über das Kaisergebirge bis hin zum Dachstein – so etwas könne es in unserer Kulturlandschaft gar nicht häufig genug geben, findet der Freigeist. Und ruft dem lieben Publikum zu: „Macht die Augen auf, die Angebote der klassischen Musikszene sind wunderbar vielfältig!“

Der eigene Sinn für Musik wurde dem Chiemgauer in die Wiege gelegt. Den Vater, einen begnadeten Kirchenmusiker, bezeichnet Schütz als „Inspirator“. Das musikalische Elternhaus habe ungemein dazu beigetragen, sich ganz natürlich und in Ruhe als Musiker entwickeln zu können – zuhause als Sänger, außer Haus als Musiker. Trompete etwa erlernte Thomas Schütz bei Hans-Josef Crump, einer Chiemgauer Bläserinstitution. Spätere Stationen waren die „Guildhall School of Music & Drama“ in London sowie die „Hochschule für Musik und Tanz“ in Köln. Die Philharmonie Essen, das Opernhaus Antwerpen, die Tonhalle Düsseldorf, das Münchener Prinzregententheater, das Flagey in Brüssel oder die Zomeropera Alden Biesen – als Profimusiker hat Thomas Schütz in halb Europa musiziert. ­Nightingale jedoch hat er ganz bewusst in der alten Heimat angesiedelt. Gewissermaßen dem Credo folgend: „Zurück zur Natur!“

„Musik“, konkretisiert Schütz sein Konzept, „kommt aus der Natur. Sie gibt uns Rhythmen und Harmonien vor. Sie spendet uns alle Materialien, die wir brauchen, um Instrumente zu bauen. Nicht zuletzt dürfte der Mensch von der Natur gelernt haben, zu singen.“ Ihm gehe es um eine Art Haltung: Die Natürlichkeit des Seins, die Natürlichkeit des Musizierens und die Natürlichkeit des Zuhörens seien wesentliche Aspekte,um Musik in ihrer Ganzheit zu verstehen. Nicht zuletzt treibe ihn auch in der Musik der Nachhaltigkeitsgedanke um, so Schütz. „Gibt es etwas Wunderbareres, als nachhaltig vom Gehörten inspiriert zu werden?“ Auf diese Weise werde Musik quasi von Junkfood für die Ohren zum Slowfood.

Die ersten vier Gänge hat Nightingale so erfolgreich aufgetischt, dass den bestens besuchten Konzerten im Anfangsjahr 2018 vier weitere folgen sollen – wiederum passend zur jeweiligen Jahreszeit. Darüber hinaus werden zwei Zusatzveranstaltungen über die Bühne gehen: eine Masterclass für Kunst mit der belgischen Künstlerin Emilie Lauwers auf der Frasdorfer Hütte (Motto: „Fuchs du hast die Gans gestohlen“); sowie ein Konzert in Kooperation mit dem Chiemgau Alm Festival („Klassik am Berg“ auf dem Hochgernhaus). Parallel zu den Konzerten soll „Nightingale Exchange“ in Zusammenarbeit mit Asylunterkünften und Menschen mit Migrationshintergrund für einen musikalisch-interkulturellen Austausch sorgen. Und auf dem Plattenlabel „Nightingale Records“ wird zu Weihnachten 2018 in Kooperation mit dem Kulturreferat München eine CD mit alpenländischen Weihnachtsliedern erscheinen.

Der Terminkalender quillt über. Würde er sich als Workaholic im Auftrag der Klassik bezeichnen? „Stimmt schon“, sagt Schütz“, das Leben als Musiker und Sänger erfordert unglaublich viel Disziplin, Zeitaufwand und Fleiß.“ Schon während des Studiums fühlte er sich in der Freizeitgestaltung nie so frei, wie es viele Freunde mit anderen Berufszielen waren. An erster Stelle standen immer das Instrument und das Studieren. Sein ganzes Leben, gibt Schütz zu, sei auf die Musik und auf seine Berufung hin ausgerichtet. „Work-Life-Balance? Kenne ich nicht und ist für mich eines der schlimmsten Worte überhaupt“, betont er. Ohne das negativ zu empfinden. „Für mich ist meine Berufung mein Leben und das ist glücklicherweise so.“

Momente der Pause und des Innehaltens brauche er als Musiker freilich trotzdem. Denn: „Dauerkontraktion gehört zum Armdrücken, nicht zum Musizieren und Singen!“ In der Musik wirke die gesungene oder gespielte Phrase nur durch die Pause davor oder danach. Und auch im Leben eines vielreisenden Musikers komme Pausen und Ruhe eine immense Bedeutung zu. In der Regenerationsphase könne sich wieder neue Kreativität aufbauen, sagt Schütz. Und die kann er wahrlich brauchen, damit Nightingale auch künftig ordentlich Wind unter die Flügel bekommt!

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