Mühldorf wieder im Hexenwahn

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Der Theaterverein Kulturschupp‘n bringt sein Erfolgsstück zurück auf die Freilichtbühne am Haberkasten: „Die Mühldorfer Hex“ als Historienspiel zwischen Tragödie und Komödie – diesmal mit spannendem Rahmenprogramm! 

Man schreibt den 6. Oktober des Jahres 1750, als das 17-jährige Mädchen Marie Pauer im damaligen Fürsterzbistum Salzburg geköpft und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Ihre Hinrichtung beendet ein monatelanges Martyrium – und ist gleichzeitg furchtbares Finale des letzten Hexenprozesses auf dem Boden des heutigen Österreich; mitten im Zeitalter der Aufklärung, als vordergründig die Vernunft das Denken und Handeln der Menschen lenkte. Doch so schnell war er in Wirklichkeit nicht auszumerzen, der Aberglaube und seine blutigen Blüten.

„Die Hex‘ ist auf dem Weg!“ Magdalena Eckmans ruft die frohe Kunde ins Bühnenrund. Seit jenem unrühmlichen Urteil sind gute dreieinhalb Jahrhunderte ins Land gezogen. Das Smartphone, auf dem die Nachricht gerade aufblinkt, taugt gut als Symbol für den Fortschritt, den Technik und Wissenschaft seither hingelegt haben. Und doch scheinen die mit der Verurteilung der erbarmungswürdigen Kindsmagd verbundenen Thematiken aktueller denn je. Ignoranz von Fakten, Angst vor Fremden, Verfolgung von Minderheiten, Denunziationen und Machtmissbrauch – was sich rund um jenen Hexenprozess abspielte, findet nach wie vor statt; es hat mitunter den Anschein, als breche eine neue Ära des Irrsinns an. Da passt es hervorragend in die Zeit, dass sich der Mühldorfer Theaterverein „Kulturschupp´n“ nach drei erfolgreichen Spielzeiten erneut aufrafft, seine Dramatisierung der damaligen Geschehnisse auf die Freilichtbühne zwischen Haberkasten und Kornkasten im historischen Stadtkern zu bringen: „Die Mühldorfer Hex“.

Während die neue Hexe also unterwegs ist in Richtung des ehemaligen Finsterbusch-Gebäudes, das der 1993 ins Leben gerufene Verein mit Unterstützung von Mühldorfer Asylbewerbern renoviert und zum vorzeigbaren Spielort aufgeforstet hat, leitet der Schauspieler, Autor und Regisseur Christopher Luber bereits die sonntägliche Probe. Er fläzt lässig neben Magdalena Eckmans, die den Schauspielern souffliert, indes er auf raumgreifende Gestik und Mimik pocht. Luber und seine Frau Silvia Menzel haben ihr theatralisches Handwerk am legendären „Theaterhof Priessenthal“ erlernt, Deutschlands erstem Zelttheater. 2005 begann das Autorenpaar das Stück – basierend auf einigen wenigen historischen Quellen – im Fluss improvisierter Szenen zu entwickeln und schließlich in seiner noch heute gültigen Form niederzuschreiben. Die Proben, sagt Luber, seien damals wie heute eine genauso verantwortungsvolle wie für alle Beteiligten psychisch herausfordernde Tätigkeit. Schließlich gehört die Geschichte zu Mühldorfs kulturellem Gedächtnis und gerade die Rolle der vermeintlichen Hexe verlangt der Darstellerin viel ab. Um eine würdige Nachfolgerin für Sarah Wagner zu finden, die im ersten Aufführungszyklus von 2006 bis 2009 die Marie Pauer gab, veranstaltete Luber ein regelrechtes „Hexencasting“. Mit der 22-jährigen Sarah Ebenbichler kann sich der Regisseur sicher sein, die intensive Rolle abermals perfekt besetzt zu haben.

Die Geschichte geht wahrlich an die Nieren: 15 Jahre ist Marie Pauer aus Neumarkt St. Veit erst alt, als man sie der Hexerei bezichtigt. In Diensten des Mühldorfer „Höllschmieds“ Jakob Altinger stehend soll sie im Hause ihrer Herrschaften verschiedene Gegenstände mit Hilfe des Teufels durch die Luft geworfen haben. Ein – nach heutigem Verständnis – abscheulicher Justizskandal nimmt seinen Lauf. Für die junge Frau beginnen die letzten, albtraumhaften Monate eines viel zu kurzen Lebens. Von Januar bis März pfercht man Marie ins „Hexenkammerl“, ein noch heute zu besichtigendes stockfinsteres Verließ im Erdgeschoss des Mühldorfer Rathauses. Nachdem das hiesige Gericht Marie monatelang verhört hat, wird das Verfahren nach Salzburg verlegt. Die Innstadt war bis 1802 Exklave des Fürsterzbistums. Dort dauert die Tortur fort. Marie verbringt die letzten Wochen ihres Lebens eingekerkert und angekettet. Lediglich zum Zweck weiterer zermürbender Verhöre wird sie ans Tageslicht geholt. Dass man ihr die Folter nur androht, mag man kaum als Trost empfinden. Der Tod dürfte ihr eine Erlösung gewesen sein.

Trotz der Tragik lachen Luber und die Schauspieler viel. Als Gegengewicht zu den grausamen Ereignissen haben die Autoren eine erzkomische Erzählweise gewählt, sprachlich wie szenisch. Obendrein lockern die zusammen mit Monika Baumgartner, der ehemaligen Kreismusik-heimatpflegerin des Landkreises Mühldorf, entwickelten „Anti-Volkslieder“ aus den Mündern der Waschweiber die düstere Stimmung auf. Rund 40 mal trifft sich das größtenteils neu zusammengestellte Ensemble, ehe die Wiederaufnahme des Dauerbrenners am Freitag, 21. Juli, Premiere feiert. Neu ist in diesem Jahr auch ein außergewöhnliches Rahmenprogramm: In von Schauspielern begleiteten szenischen Stadtführungen stimmen Beate Fedtke-Gollwitzer und Elfriede Zehentmaier kenntnisreich und gewitzt auf das Großereignis ein. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn der Kulturschupp´n mit seinem Freiluftspiel nicht auch dieses Jahr für Furore sorgen würde.

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