Millimeter machen den Unterschied

Christian Topel

Fotos: Wolf Silveri

Mit Geduld, Gefühl und Präzision übt Peter Erben sein Handwerk aus. Der Geigenbauer arbeitet wie die alten italienischen Meister.

Drachenblut? Kein Scherz. Drachenblut.

Drachenblut, erzählt Peter Erben, sei eine Hauptzutat der dickflüssigen Tinktur, in die er gerade seinen Borstenpinsel taucht. Fabelwesen, beruhigt er uns, habe jedoch keines sterben müssen, um jene exotische Essenz zu gewinnen. Drachenblut, erfahren wir, sei das Harz einer  vornehmlich auf Sokotra wachsenden Pflanze. Botaniker bezeichnen das prägende Gewächs der östlich von Somalia gelegenen Inselgruppe als Dracaena cinnabari: zinnoberroter Drachenbaum. Und seines rostroten Tons wegen darf dessen Harz keinesfalls in Peter Erbens Farbtiegel fehlen.

Obwohl sein Werk kurz vor der Vollendung steht, trägt der Künstler die zähe Masse in behutsamen, geradezu liebevollen Strichen auf. Rund drei Monate hat er dem guten Stück bereits gewidmet, warum jetzt in Ungeduld verfallen? Zumal auch dieser, auf den ersten Blick nur der Optik dienende Arbeitsschritt, einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur späteren Klangqualität leistet. Indem der  Geigenbaumeister jeden neu geschaffenen Korpus bis zu zehn Mal schleift und lackiert und schleift und lackiert und schleift und lackiert, veredelt er das Instrument gleich auf mehrerlei Art: er überzieht es mit einer Schutzschicht, er hebt die feine Maserung des Holzes hervor, er verleiht ihm die glänzende, fuchsfellene Farbe und – last but not least – er beeinflusst entscheidend den Hörgenuss.

Tatsächlich spekulieren nicht wenige Experten, der exzellente Klang der berühmtesten Geigen der Welt habe (auch) viel mit Antonio Stradivaris Behandlung des Holzes zu tun. Es heißt, der größte Geigenbauer aller Zeiten habe die ideale Geigenlack-Mischung zusammengebraut. Dank dieses Lackes würden die Töne weder zu stark gedämpft, noch klängen sie zu laut oder gar schrill, sondern so brillant, klar und voll, als würden Engel singen. Ein schlechter Lack hingegen, prophezeit Peter Erben, ruiniere das beste Instrument. Darum machen Meister des Faches auch so ein Geheimnis um ihre persönliche Rezeptur. Gängige Zutaten verrät uns der ehemalige Leiter der Meisterkurse in Riva und Ascona immerhin: Harze wie Bernstein, Myrrhe, Weihrauch, Kolophonium, das „Bienenharz“ Propolis sowie verschiedene ätherische Öle. Das erklärt den betörenden Duft, der die Werkstadt in Münchens Maxvorstadt durchzieht.

Sie liegt im dritten Stock eines Altbaus, Ecke Augusten- und Gabelsbergerstraße. Im Erdgeschoss mampfen Studenten Fast Food in sich hinein, hier oben herrscht das Diktat der Gemächlichkeit. Eine gute Geige hat es nicht eilig, auf die Welt zu kommen. Dafür überlebt sie Generationen. Stradivaris haben fast 400 Jahre auf dem Buckel, doch bezaubern bis heute Konzertbesucher – wenn sie nicht in Safes von Sammlern versauern, aber das ist eine andere Geschichte. Während Peter Erben sein jüngstes Stück in einen wie mit der Schnur gespannten Sonnenstrahl hält und dabei flammende Lichtreflexe erzeugt, haucht sein Sohn Martin (ebenfalls Geigenbaumeister, ebenfalls an der renommierten Staatlichen Musikinstrumentenbauschule Mittenwald ausgebildet) einer restaurierten Violine aus dem Jahr 1790 Seele ein.

Zum göttlichen Akt haben die Italiener diesen Handgriff erhoben. Sie, deren Cremoneser Familien Amati und Guarneri sie zu den unbestrittenen Königen der Geigenbaukunst krönten, tauften den Stimmstock: „Anima“, die Seele. Martin klemmt das winzige Holzstäbchen mithilfe des „Stimmsetzers“ zwischen Geigendecke und Geigenboden. Das zweifach gebogene Werkzeug mit einem spitzen und einem flachen Ende wirkt wie aus einer Zahnarztpraxis entwendet. Versetze er die Seele auch nur um einen Bruchteil eines Millimeters, sagt Martin, verändere er sofort signifikant die Ansprache des Instruments. Mit der Ansprache meinen Musiker – vereinfacht ausgedrückt – die Geschwindigkeit, mit der die Geige auf den Bogenstrich reagiert. Kostet es Mühe oder spielt sie sich leicht? „Solisten lieben es oft knackig“, sagt Martin und äugt durch eines der beiden schmalen, f-förmigen Schalllöcher. Auch diese für Streichinstrumente wie Violinen, Bratschen oder Celli typischen Öffnungen, haben Forscher herausgefunden, dienen der Klangqualität.

Die Seele sitzt, findet Martin, lässt sicherheitshalber aber auch den Vater einen Blick drauf werfen. Auch zu Zeiten von Nanotechnologie und Lasermessung schlägt nichts das Gespür eines erfahrenen Geigenbaumeisters! Ob die Hände nicht zittern, fragen wir das Gespann, wenn es solch wertvolle Stücke restauriert? Immerhin hantieren sie da nicht selten an Instrumenten herum, die Hunderttausende Euro wert sind. Die Angst, antworten Vater und Sohn, verschwinde schnell. Ehrfurcht und Respekt blieben ein Leben lang.

Zurück zum Stimmstock. Das Hölzchen ist ein gutes Beispiel für die Komplexität des Geigenbaus. Denn aus besonders vielen Einzelteilen setzt sich das Instrument im Grunde nicht zusammen. Ein knapp über 30 Zentimeter langer Korpus, der aus jenen fraulich geschwungenen Boden- und Deckenteilen sowie den Seitenwänden (den Zargen) besteht; ein Hals mit Schnecke am Ende; der Steg, über den vier Saiten gespannt werden – schon erkennt man das Instrument. Dennoch bedarf es über 500 Arbeitsschritte, ehe die Königin des Konzertsaals ihren vollen, herzergreifenden Klang entfaltet. Handgriffe, die sich seit der Blütezeit des Geigenbaus zwischen 1600 und 1750, als unter anderem Stradivari Maßstäbe setzte, kaum verändert haben. Wobei es weniger auf die Menge der Handgriffe ankomme, betont Peter Erben, der schon Jurymitglied des Internationalen Geigenbauwettbewerbs in Cremona war, als vielmehr auf die Präzision! „Eine Geige ist statisch unheimlich ausgefuchst“, ergänzt Juniorchef  Martin. Zur Veranschaulichung schiebt er eine frisch ausgeschnittene Geigendecke in eine „Messuhr“. An der dicksten Stelle zeigt das Werkzeug keine 4 Millimeter an. Die Saiten üben aber einen Druck von gut und gern 10 Kilogramm aus. Wiederum hilft die gute Seele mit, dem standzuhalten: der Stimmstock überträgt einen Teil des Drucks von der Decke auf den Boden.

Neben der kunstvollen Präzision des Handwerkers kommt es auf die Güte des Materials an. Peter Erben baut die Decken seiner Geigen aus 300 Jahre altem südtiroler Fichtenholz. Dazu stapfte er 1989 persönlich in den Wald und schlug drei Bäume. Kurz vor Weihnachten, bei abnehmendem Mond! Der gebürtige Franke glaubt fest daran, dass der Erdtrabant die Saft- und Mineralstoffzufuhr und damit Holzdichte von Bäumen beeinflusst. Den Geigenboden bildet alter, bosnischer Ahorn. Scheiteweise stapelt sich das Holz in einer Art Durchgangs- und Lagerraum. Verdeckt von einer gläsernen Vitrine, in der Fachliteratur thront. Gut vorstellbar, dass in der ehemaligen Wohnung mit dem knarzenden Parkettboden ein Sprössling aus der Münchner Bohème dereinst Geigenstunden bekam.

Heute stehen statt mondäner Möbel drei Kinosessel im Empfangsbereich, hängen statt teurer Gemälde dutzende Geigen an der Wand. Linkerhand  von Peter Erbens Arbeitsfläche warten weitere Werkzeuge auf ihren Einsatz: Ausstecheisen, Halseisen, Schnitzer, etliche Hobel in allen vorstellbaren Größen – wenn man bei jenen auf einer Fingerkuppe Platz findenden Exemplaren noch von „Größe“ sprechen kann. Maschinen spielen so gut wie keine Rolle in der Werkstatt. Die Drehbank eines Uhrmachers, an der Geselle Dominik Wlk gerade Perlmuttaugen in Cello-Wirbel einsetzt, gehört zu den wenigen Geräten. Als höchste technische Errungenschaft darf wohl der CD-Player gelten, der abwechslungsreich gefüttert wird: Da wartet Django Reinhard neben Anne Sophie Mutter auf seinen Einsatz. Töne dringen aber aus einem anderen Raum herüber. Denn nach der Hand- folgt die Hörarbeit. Keine Geige klingt schon nach dem ersten Zusammensetzen optimal. Daher spielen als Erstes Geigenbauer das Instrument. Sie versuchen, jeden schrägen Ton zu erlauschen. Daraufhin folgt die Feinjustierung.

Peter Erben, 1952 als Sohn eines Kaufmanns aus Bubenreuth im Zentrum des fränkischen Streich- und Zupfinstrumentenbaus auf die Welt gekommen, spielte schon als Kind im Laden des Vaters zuerst inmitten, dann mit Instrumenten. Nun stemmt er eine erst kürzlich verleimte Geige wieder auseinander, um hier und da hauchdünne Schichten Holz abzutragen. Jedes Fitzelchen verändert die Klangfülle. Ein Geduldspiel, ein zartes Herantasten an die Perfektion; und das erneute Verleimen abermals eine Tätigkeit wie aus dem Alchimistenlehrbuch: Den natürlichen Klebstoff stelle er unter anderem mithilfe von Hausenblase her, der getrockneten Schwimmblase einer Störart, erzählt Peter Erben.

Irgendwann ist Brotzeit. Dominik hat Butterbrezen besorgt, nachdem er die fertigen Perlmuttwirbel einem betagten Cello einverleibte. Jetzt trommelt er die ganze Truppe zusammen. Geselle Ruben Defendi legt ein erneuertes Griffbrett beiseite. Peter Erben setzt die Brille ab, schließt das Leimtöpfchen und stellt die Geige zum Trocknen auf. Auch Martin unterbricht sein Tun. Um den Hals seines zu restaurierenden Prunkstücks im idealen Winkel anzubringen, kann eine ruhige Hand nicht schaden. Da darf kein Magenknurren stören. Schließlich sollen die Saiten später nicht zu steil zulaufen, sonst kreischt die Geige! Wie wundervoll dieses Instrument stattdessen klingen kann, hören wir unverhofft, als wir ganz leise schmatzen. Ein glückseliger Kunde hat vorne aus den Händen des weiblichen Geigenbaunachwuchses Carola Berbuer sein repariertes Instrument entgegengenommen und gibt ein spontanes Solo. Freude schöner Götterfunken, welch ein Beruf!

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