Krippenwunder mit Kruzifix

Axel Effner

Fotos: Axel Effner

Die Ettaler Schneekrippe in der Zirmstiftung Schusterhof in Bergen vereint
meisterhafte Schnitzkunst mit modernster Inszenierung

Der Advent ist in Bayern traditionell die Zeit, in der das „Kripperlschaugn“ hoch im Kurs steht. In Kirchen, Schaufenstern oder Ausstellungen von Krippenvereinen gibt es manche Kostbarkeit zu entdecken. Als einzigartig gilt die Ettaler Schneekrippe. Bis aus der Schweiz, Frankreich und Südtirol kommen Krippenfreunde  nach Bergen, um dieses in über zwei Jahrzehnten entstandene  Meisterwerk der Krippenkunst in der Zirmstiftung Schusterhof zu betrachten. Es zeigt das Lebenswerk einer der besten  zeitgenössischen Krippenschnitzer: Christian Wagner aus Oberammergau, der 2008 verstorben ist.

Zahlreiche Besonderheiten und die atemberaubende Inszenierung der 7,5 x 1,5 Meter großen Krippenlandschaft sorgen für nachhaltige Erlebnisse bei so gut wie allen Besuchern. Lausbuben  verstummen hier vor Staunen, ja sogar Tränen der Rührung sind keine Seltenheit. Bevor der Besucher das Krippenreich betritt, wird er auf besondere Weise eingestimmt. Die 2008 eröffnete Zirmstiftung liegt auf der Anhöhe des Schellenbergs, von dem aus der Blick weit über das malerische Bergener Moos hinaus in die Alpenkette reicht. Durch viele Ausstellungsräume mit historischen Trachten, alten Möbeln  und Handwerksgeräten, Ölgemälden und Tierpräparaten führt Hausherrin Angelika Mayer ins Kellergeschoß. Wie nach einer Zeitreise vorbei an Guckkästen mit verschiedenen Krippen öffnet sich schließlich in einem eigenen Raum das Wunder-Panorama der Ettaler Schneekrippe: Nicht weniger als 152 ausdrucksstarke Figuren und Tiere bis zu 18 Zentimeter Höhe bieten dem Betrachter wie auf einem Wimmelbild immer neue spannende Szenerien – und die haben es in sich.

Da diskutiert ein tätowierter Maori mit einem dick in Fell eingepackten, von Huskies begleiteten Eskimo. Auch dabei: ein im Festschmuck angereister Indianer, der ohne Sattel auf seinem Pferd sitzt. Dahinter zeigt ein Beduinenfürst sein Erstaunen. Er ist Teil einer mit kostbaren Schätzen beladenen  Karamelkarawane aus Arabien. Die ganze Welt hat sich wie in einem Märchen versammelt: Mongolen, Chinesen, Japaner, ein Maharadscha aus Indien mit Tochter auf einem Elefanten, ein Mexikaner mit Trompete oder zwei Hochland-Indios aus Peru. Was führt all diese Menschen in eine bayerische Krippe? Hausherrin Angelika Mayer erklärt den genauso bewegenden wie aktuellen  Gedanken dahinter „Menschen  aller Hautfarben, Rassen, Nationen und Religionen sollen hier in Frieden  zusammenleben. Christi Geburt führt alle Menschen zusammen.“

Den Weitgereisten auf der linken Seite der Krippe stellt Wagner rechts Gruppen aus allen Regierungsbezirken Bayerns sowie baierische Stammesgenossen aus Österreich und Südtirol gegenüber. Sie ziehen als Prozessionsgruppe den Hohlweg der Ettaler Bergstraße hinauf. In den detailreich in Kaschiertechnik  gestalteten Figuren mit ihren authentischen Trachten und Physiognomien erweist sich Wagner als Meister seines Fachs. Als Vorlagen dienten Bilder oder seine eigene Sammlung historischer  Trachten auf dem Dachboden des Wohnhauses. Sogar Sonderfi guren lässt Wagner durch den Schnee stapfen:  den Kraxenträger aus Berchtesgaden (ein Selbstporträt), die Goaßn-Kathi mit ihrer störrischen Ziege, einen Hochzeitslader und einen Bergmann mit Karbidlampe, den Rossknecht oder  den Müller mit Mehlsack und Esel. Sie lauschen der Musik einer von einem schottischen Tambourmajor angeführten Musikgruppe. Auf einem Schaltpult mit Schildern vor der Krippe lassen sich die Figuren per Knopfdruck und Leuchtstrahl einzelnen Trachtler- und Volksgruppen zuordnen.

Erscheinen schon Detailreichtum und Vielfalt der Krippenfi guren wie ein Wunder, so sind sie doch erst der Beginn einer Inszenierung, die absoluten Seltenheitswert hat. Hinter der täuschend echt nachgestalteten  tiefverschneiten Ettaler Landschaft erhebt sich fast dreidimensional die Silhouette von Karwendel und Wettersteinmassiv mit den Hauptgipfeln von Zugspitze, Alpspitze und Waxenstein. Darüber breitet sich mit mehr als 800 Lichtpunkten der Sternenhimmel aus, wie er am 24. Dezember über Oberbayern zu sehen ist. Sternenbilder inklusive. Als Angelika Mayer für die computergesteuerte  Inszenierung das Licht ausknipst, stockt der Atem und die Zeit scheint stillzustehen. Das Firmament leuchtet in voller Pracht. Punktstrahler erwecken die Verkündigungsszene  mit schwebendem Engel zum Leben, während das Jesuskind in der Krippe von magischem Licht erhellt wird. Wie Glühwürmchen leuchten auch immer mehr der über 30 Fackeln und Lampen in den Händen der zum Christuskind strebenden Figuren auf. Die Dämmerung meißelt die Konturen des Gebirges in gleißendem Rot heraus, bevor schließlich der Tag anbricht. Höchst ungewöhnlich: Wie ein „Memento mori“ verweist ein Kruzifix gegenüber der Geburtskrippe symbolhaft auf das Ende.

Zu verdanken ist dieses Krippenwunder dem Münchner Chefarzt und Sammler Dr. Franz Eggemann. In seinem Auftrag schuf Wagner dieses Meisterwerk zwischen 1986 und 2009. Dass die Krippe heute als Dauerausstellung im Schusterhof zu sehen ist, geht wiederum auf die guten Kontakte von dessen Stifter  Andreas Mayer zu Volksmusikern und Trachtlern zurück. Er war 1935 auf dem jahrhundertealten Bauernhof mit Imkerei und großem Obstanger in Bergen geboren worden. Auch als erfolgreicher Unternehmer in München fühlte sich Mayer dem Brauchtum und der Pflege von Volkstraditionen verpflichtet. So entstand die Idee einer Stiftung, die in seinem Elternhaus eine Heimat finden sollte. Durch einen plötzlichen Jagdunfall 2006 aus dem Leben gerissen, setzten Mayers Sohn Peter und dessen Familie die Idee mit einem originalgetreuen Neuaufbau des marode gewordenen Schusterhofs um. Als Sinnbild für die Zirmstiftung steht dabei die langlebige Zirbe (bai.: Zirm), die als Tiefwurzler allen Stürmen und Sintfluten trotzt.

 

Zirmstiftung Schusterhof
Schellenberg 3
D-83346 Bergen
T +49-(0)8662-663450


Geöffnet ist Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Neben der ständigen Trachten- und Krippenausstellung sind Wechselausstellungen zu sehen, aktuell: "Wilde Heimat – Räuber zwischen Berg und Tal"

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