1 Kleid – 100 Jahre

Lucia Schletterer

Fotos: Ricarda Mayr & Kelchsauer Bäuerinnen

Wie eine unerfüllte Liebe die Geschichte der Tiroler Festtagstracht – dem „Kassettl“ – erzählt.

Tirol im Jahre 1916: Eine junge Frau aus Kössen lässt sich für ihre anstehende Hochzeit eine Festtagstracht anfertigen. Kurz darauf wird ihr Verlobter in den Krieg einberufen – und stirbt an der Front. Sie zieht das Kleid zeitlebens weder an, noch heiratet sie. 100 Jahre später, in der Stube der Jungbäuerin Maria Groder, lebt die Geschichte jenes „Kassettl“ wieder auf. Doch halt, was ist ein Kassettl überhaupt?

Das Kassettl ist eine Festtagstracht, die es in verschiedenen Ausführungen in Teilen Tirols, Salzburgs und Bayerns gibt. In diesem Fall geht es um das Kassettl der Region Kufstein und Kitzbühel. Der Begriff leitet sich entweder vom rechteckigen Ausschnitt, der „Kassette“ ab, oder, wie eine weitere Theorie besagt, von „Korsett“. Es entwickelte sich Anfang des 19. Jahrhunderts. Durch die schon damals verkehrsoffene Lage der Region sind starke Einflüsse von außen erkennbar, etwa Elemente der Biedermeiermode. Kassettl ist einerseits die Bezeichnung für das Oberteil der Tracht, wird umgangssprachlich aber auch als Synonym für das ganze Outfit verwendet. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts scheint sich die Unterländer Kassettltracht in jene Richtung zu festigen, wie sie heute noch existiert: großer viereckiger Halsausschnitt, darunter ein weißes Seidentuch mit Goldstickerei, gepuffte Ärmel und enge Unterarme. Neben dem Unterland haben in Tirol nur noch Osttirol und das Zillertal eine so lebendige Festtagstracht.

Die Trachten in Tirol haben sich über die Jahrhunderte laufend verändert und in den verschiedenen Regionen unterschiedlich weiterentwickelt. Fast jedes Tal hat eine eigene Tracht, die zeigt, woher jemand kommt. Die Festtagstrachten haben sich aus den früheren Trachten herausgebildet. Nur Bäuerinnen und bürgerliche Frauen konnten sich diese ursprünglich leisten, waren sie doch ein kostspieliges Statussymbol. Das Kassettl tragen bis heute vorwiegend Bäuerinnen. Wie das „Familiensilber“ werden sie von Generation zu Generation weitergegeben.

Getragen wird es eigentlich nur von verheirateten Frauen. Denn meist gab die Hochzeit den Anlass, es zu beauftragen. Von der Stange kommt kein Kassettl, es ist immer eine Maßanfertigung. Viele kleine Extras sorgen dafür, dass es auch bei Gewichtsschwankungen oder Schwangerschaften tragbar bleibt: zum Beispiel mehrere Verschlüsse an Oberteil und Rock oder großzügige Nahtzugaben an den Seiten.

Heute gibt es nur noch wenige Schneiderinnen, die ein Kassettl anfertigen können. Eine davon ist Helene Mayr aus Kirchbichl. Sie gilt als Koryphäe auf dem Gebiet. Seit 30 Jahren ist sie Schneiderin und spezialisiert auf Trachten. Rund 100 Stunden braucht sie für ein stilechtes Kassettl, bevor es um 2.000 bis 3.000 Euro die Besitzerin wechselt.

Getragen wird das Kassettl nur an hohen, kirchlichen Feiertagen: Ostersonntag, Pfingsten, Fronleichnam, Herz-Jesu-Sonntag, Mariä Himmelfahrt, Erntedank, Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten – mit kleinen Unterschieden von Ort zu Ort.

In der Kelchsau zum Beispiel – ein Dorf in den Kitzbüheler Alpen, wo Brauchtumspflege noch groß geschrieben wird – kommt das Kassettl häufiger zum Einsatz. Neben vielen Vereinen liegt das auch an einer Gruppe engagierter Bäuerinnen. „Wenn bei uns im Dorf eine Bäuerin stirbt, dann rücken beim Begräbnis die Röckl-Weiberleit aus. Das empfinde ich als etwas ganz Besonderes. Normal hat man Blumen im Ausschnitt, beim Begräbnis aber nur einen grünen Zweig, den man dann aufs Grab legt“, erzählt Maria Groder.

 

 

Maria Groder ist Jungbäuerin und lebt seit ein paar Jahren in der Kelchsau, wo manche ihr Kassettl eben „Röckl“ nennen. Auf einem Bauernhof im Nachbarort aufgewachsen, ist sie mit den Gepflogenheiten und Bräuchen der Region vertraut. Zur eigenen Hochzeit trug sie zwar ein weißes Kleid, aber schon immer wollte sie auch einmal ein Kassettl tragen. „Für jede Bäuerin ist es ein Stolz, wenn man ein Röckl hat. Es ist das höchste Festgewand. So ein Röckl gehört einfach zu einer Bäuerin dazu“, antwortet sie auf die Frage, was es für sie bedeutet, als junge Frau das Kassettl zu tragen. „Ich hätte es auch von meiner Oma haben können, aber die war viel kleiner als ich. Also suchte ich per Zeitungsannonce und die Bäuerinnen haben Aushänge in der Landwirtschaftskammer angebracht. Doch nichts wollte passen.“ Über Umwege ist sie dann zu ihrem jetzigen Kleid gekommen – jenes mit der dramatischen Liebesgeschichte. Was nach der geplatzten Hochzeit damit passierte, weiß sie nicht ganz genau. Eine Nichte hat es wohl bekommen und lange getragen. Weil deren Töchter wiederum in der Stadt wohnen und es nicht haben wollten, gelangte es zu ihr. Es sitzt wie angegossen.

Das Wort angegossen trifft spätestens beim Versuch zu, das Kassettl anzuziehen. Alleine schafft man es kaum, hineinzuschlüpfen. Überall lauern Verschlüsse, Ösen, Haken und andere Besonderheiten. Ist man erst mal drin im Oberteil und schafft es, den Rock zu befestigen, braucht es zwei weitere helfende Hände: Das Tuch muss von oben her hineingesteckt werden. Von Glück darf jene Frau sprechen, deren Schneiderin das Tuch schon „vorgefaltet“, also die Falte schon vorher eingebügelt hat. Diese sind leichter einsetzbar. Hier hat sich in den letzten Jahren aber viel getan. „Jüngere“ Kassettln sind meist so genäht, dass Trägerinnen sie auch ohne Dienstmagd anlegen können.

Sitzt das Tuch und ist die richtige Farbe gewählt – weiß oder schwarz – fehlt noch die Schürze. Dabei kennt die Vielfalt kaum Grenzen. Es gibt sie mit allen möglichen Mustern und Farben und betont die individuelle Note jeder Trägerin. Noch der Schmuck angelegt und den Hut aufgesetzt – schon macht die Kassettlträgerin eine perfekte Figur.

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