Hurra, hurra, die Zunge brennt

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Mit ihren „Puszta Peppers“  treffen zwei bayerische Chili-Liebhaber Zeitgeist und Geschmacksnerven zugleich. Die „Rauchware“ geht weg wie warme Semmeln.

Die Puszta. Ungarns legendäres Steppenland. Hier, wo die Sonne besonders oft lacht, sind die markanten Ziehbrunnen, die landestypischen bäuerlichen Gasthöfe (csárdas) und eine Landwirtschaft zuhause, die sich besonders auf das Nationalgewürz konzentriert: Paprika. Als leidenschaftliche Hobbygärtner waren Andrea und Tobias Arlt schon immer in die eher feurigen Früchte jener Pflanzengattung – die Chilis – vernarrt. Da sich das Angebot in heimischen Supermärkten nicht gerade durch Vielfalt auszeichnet, züchtete und experimentierte Andrea im heimischen Garten mit den scharfen Schoten. Zuerst nur für den Hausgebrauch, bis das Paar vor rund drei Jahren zu einem folgenschweren Ungarn-Urlaub aufbrach. Natürlich besichtigten die beiden „Chili-Junkies“ auch die Puszta. Wenn Paprika hier so vorzüglich wächst, dachte sich das Paar, müssten doch auch ihre geliebten Gewächse ganz famos gedeihen? Zurück in heimatlichen Gefilden begann dann eine Geschäftsidee heranzugären.

In diesen Tagen nehmen Andrea und Tobias Arlt die erweiterte Produktionshalle in Prutting im Landkreis Rosenheim in Betrieb. Der Plan, Chili- und Paprikapulver auf den Markt zu bringen, hat sich als durchschlagender Erfolg erwiesen. Der Clou der Pülverchen aus dem Hause „Puszta Peppers“: In eigens entwickelten Räucheröfen werden sie mit exotischen Aromen veredelt. Ein Verfahren, mit dem die Arlts den richtigen Riecher bewiesen haben. Gastronomen und Supermärkte reißen sich um so außergewöhnliche Gewürz-Kreationen wie die „Smoked Jalapeño Chili № 15“, eine durch Limetten herbeigeräucherte Fruchtexplosion; oder die „Smoked Jalapeño Chili № 8“, worin Waldbeeren und Bergblumen einen genauso kräftigen wie würzigen Eindruck am Gaumen hinterlassen. Insgesamt umfasst das Sortiment sieben Chili- und Paprikasorten in jeweils vier Geschmacks- und Räuchertypen. An der etwas kuriosen Nummerierung ist übrigens das Auswahlverfahren für die letztlich auf den Markt gebrachten Rezepte schuld. Ursprünglich hatten Andrea und Tobias Arlt 118 Rezepte in petto. In gemeinsamen Testessen filterten sie ihre Top 30 heraus, die sie schließlich von Freunden bei einer Blindverkostung bewerten ließen. Die vier Favoriten gingen in Serie.

Neben einem unvergesslichen Geschmackserlebnis legen die Arlts auf eine natürliche und nachhaltige Herstellung sowie auf gute alte Handarbeit Wert. Drüben, in Ungarn, bauen inzwischen fünf Landwirte für „Puszta Peppers“ Chili und Paprika an. Und wann immer sie neben ihren eigentlichen Berufen Zeit finden, düsen Andrea und Tobias nach Ungarn, um mitanzupacken. Erst diesen Januar nahmen sie an der Saat teil. „Unsere Pflanzen“, erzählt das Paar stolz, „werden allesamt von Hand vorgezogen, pikiert und dann aufs Feld ausgesetzt.“ Dieser behutsamen Produktionsweise trotz einer geradezu explodierenden Nachfrage treu zu bleiben, beweist das Rückgrat und die Naturverbundenheit der beiden Firmengründer. Nach 16.000 im ersten Geschäftsjahr gilt es heuer sagenhafte 70.000 Pflanzen zu ernten – selbstverständlich handverlesen!

Doch erst in der Heimat passieren dann die entscheidenden Schritte: Die Früchte werden getrocknet, gemahlen und vor allem geräuchert. Wiederum scheuen Andrea und Tobias Arlt keine Kosten und Mühen. Die Räuchermittel stellen sie eigenhändig aus rein natürlichen Zutaten her. Sprich: Bevor eine Ladung „№ 17“ (eine Kombination aus exotischen und heimischen Gewürzen und Wurzeln) in dem gut 25 Quadratmeter fassenden Räucherschrank entsteht, düst Tobias zum Großmarkt nach München und deckt sich kiloweise mit frischen Zutaten ein. Die schnibbelt er mühevoll per Hand, ehe die Chilis im Rauch aus natürlichen Hölzern ihr unverkennbares Aroma annehmen.

Nicht nur geschmacklich, auch in Sachen Schärfe können „Puszta Peppers“ jeden feuerfesten Genießer zufrieden stellen: Angefangen mit dem „Smoked Erös Paprika“ und seiner nur leichten Schärfe (dafür haben die ungarischen Bauern sogar eine zwar weniger ertragreiche, dafür intensiver schmeckende traditionelle Paprikasorte wiederentdeckt), über die Jalapeño Chili mit solider Grundschärfe bis hin zur Carolina Reaper Chili, die man respektvoll den Sensenmann unter den Chilis nennt. Während selbst die beiden erprobten „Feuerschlucker“ dieses Pulver nur mit den sprichwörtlichen Samthandschuhen anfassen und äußerst vorsichtig dosieren, erinnern sie sich staunend an einen Kunden aus Dubai. Der Mann deckte sich bei ihnen mit einem ganzen Sortiment ein und schluckte auch die bösartige Carolina Reaper Chili, ohne mit der Wimper zu zucken. Na, wer traut sich?

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