Gut geflochten

Julia Schuster

Fotos: Andreas Jacob

Flechtgestalter Emmanuel Heringer gründete mit „geflecht und raum“ eine Firma, in der Handwerk und Kunst sowie Historie und Moderne miteinander im Einklang stehen.

Direkt neben dem Bahnhof in Schechen zwischen Rosenheim und Wasserburg, buchstäblich im ehemaligen Toilettenhäuschen, befindet sich die Werkstatt von Emmanuel Heringer. Obwohl große Teile des alten Gebäudes erhalten geblieben sind, hat der Innenraum nicht mehr viel mit der einstigen Nutzung gemein. Das kleine Holzhaus wurde von Grund auf saniert und beherbergt nun einen lichtdurchfluteten Arbeits- und Maschinenraum. Die alten Holzbalken verleihen ihm einen ganz besonderen Flair. Die Wände zieren Fotos von Flechtwerken, davor stehen eine Hobelbank und weitere Arbeitstische, auf denen verschiedene Werkzeuge liegen. Mittendrin arbeitet der Flechtgestalter Emmanuel Heringer konzentriert an einem Weidenkorb.

Der in Brasilien geborene Sohn zweier Entwicklungshelfer erlernte zunächst das Handwerk des Zimmerers. Da ihm in diesem Beruf jedoch die gestalterische Herausforderung fehlte, erweiterte er seinen Horizont mittels einer Lehre zum Flechtwerkgestalter. Während seiner Gesellenzeit absolvierte er berufsbegleitend eine Zusatzausbildung zum „Gestalter im Handwerk“ an der Akademie für Gestaltung in München, an der er seit ein paar Jahren nun selbst unterrichtet. 2009 gründete Heringer die Firma „geflecht und raum“.

Was Heringer ganz besonders gut an seiner jetzigen Tätigkeit gefällt, sei die Arbeit mit den Händen. Anstatt nur Maschinen zu bedienen, habe er echten Kontakt zu den Naturmaterialien, aus denen er beispielsweise Zäune, Sichtschutzwände, Geländer oder Wand- und Deckenverkleidungen flechtet. Heringer fertigt allerdings nur Auftragsarbeiten. Dies mache seine Aufgaben aber auch sehr spannend. Wenn die Architekten ein bestimmtes Bild im Kopf haben, sei es für ihn stets eine Herausforderung, diese Vorstellung in die Realität umzusetzen, erzählt er.

Besonders stolz ist der 39-Jährige auf seinen Stadel, in dem Mitte des 19. Jahrhunderts Torf getrocknet und gelagert wurde. Die Remise war Bestandteil des alten Spinnereigeländes in Kolbermoor. Als das historische Gebäude abgerissen werden sollte, retteten es Emmanuel und seine Frau Stefanie Heringer, um es als Weidenlager nutzen zu können. Balken für Balken lagerten sie ein, bis sie schließlich das Grundstück in Schechen entdeckten. Der Wiederaufbau zog sich über mehrere Jahre hinweg. „Der größte Segen eines Handwerkers ist, dass er sich selbst helfen kann“, sagt Heringer. Hätten er und seine Gattin, die Schmiedin ist, nicht selbst ordentlich mit angepackt, wäre das Projekt für die beiden unbezahlbar gewesen. Im Inneren befindet sich ein Haus im Haus, in dem die Heringers wohnen und arbeiten.

Der hintere Teil der Remise dient als Weidenlager. Der Geruch von Holz liegt hier in der Luft. Der alte Holzboden knarzt bei jedem Schritt. An den Wänden reihen sich fein säuberlich sortiert und zusammengebunden Weidenbündel in den verschiedensten Farben und Dicken. Ein großes offenstehendes Tor führt auf einen kleinen Vorhof, beherrscht von einer riesigen Metallwanne, in der Heringer seine Weiden in Wasser einweicht, um sie später verarbeiten zu können. Auch ein alter Wohnwagen steht dort. „Der gehört meinem Bruder. Der ist Clown“, erklärt der Flechtgestalter schmunzelnd.

Wie der Bruder kommt auch Heringer viel herum. Eines seiner liebsten Projekte war das „Flechter_ei“, das er während eines Praxixstipendiats an der Deutschen Akademie „Villa Massimo“ in Rom flechtete. In Bangladesch half er beim Neubau einer Schule. Auch in Äthiopien und Abu Dhabi konnte der Handwerker schon seine Flechtkünste unter Beweis stellen. 2016 fertigte er eine 230 Quadratmeter große geflochtene Außenfassade in der Schweiz. Zuletzt präsentierte er seine Werke in einer eigenen Sonderausstellung im Buchheim Museum am Starnberger See. 

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