Ein bisschen Draußen fürs Drinnen

Christian Topel

Michael Stowasser aus Aschau im Chiemgau sammelt und verarbeitet Treibholz zu urwüchsigen Kunstwerken.

Die Zeiten, in denen Mahagonitisch, Lüster oder Perserteppich nicht für Ambiente sorgen, sondern Besucher über den Wohlstand informieren sollten, sind lange vorbei. Heute zeigt Wohnungsinhaber lieber, wer er ist, statt was er hat: Tibetanische Gebetsfahnen identifizieren Fernreisende, Panoramaposter Gipfelstürmer oder Shabby-Möbel den Flohmark-Flitzer; Einrichtung soll vor allem zeigen: So bin ich! Besonders präg-nant gelingt das mit einer besonderen Form von Holz...

Dekoration vermag die „Seele“ wohl am besten widerzuspiegeln, wenn sie selbst gemacht wird. Und Dinge, die dabei am meisten ins Auge fallen, glänzen oft durch überraschende Schlichtheit. Eine Erkenntnis, die der Besuch bei dem Künstler Michael Stowasser hervorruft.

Dort fällt sofort ein auf dem Fenstersims thronendes Stück Treibholz ins Auge. Roh und unbehandelt und doch voller Inspirationskraft. Wurde es an einem fernen Strand gefunden oder in einem heimischen Bachlauf? War es eine Wurzel, die bei einem Sturm aus der Erde gehoben wurde, oder ein Ast, der von einem Baum fiel? Das Stück Holz fesselt den Blick, weil es Geschichten birgt, von Flussläufen und Meeren, von Winden und Stürmen und Lebendigkeit und Tod.

Jenes Stück Treibholz liegt in Wirklichkeit nicht zur Dekoration auf dem Fenstersims. Es wartet vielmehr auf seine Weiterverarbeitung, wie der Künstler verrät. Wann das geschehe, stehe allerdings in den Sternen. „Erzwingen kann man das nicht. Entweder ich weiß genau, was es werden soll oder das Holz liegt noch ein Jahr einfach nur herum“, sagt Stowasser. Der Chiemgauer fertigt Skulpturen aus seinen Fundstücken. „Weil Treibholz schon einen Charakter hat. Ich muss dafür keinen Baum umhauen, der eigentlich noch zu leben hätte“, erklärt er.

Stowasser sammelt seine Hölzer vor allem am Chiemsee und in den Bachläufen heimischer Berge. Hier könne man noch viel Natur genießen. „Ich suche die Hölzer nicht gezielt. Ich bin einfach draußen unterwegs und finde sie.“ Stowasser bewegt sich gerne draußen, war schon immer der Natur verbunden und sieht auch ein wenig so aus: von Wind und Sonne gezeichnet, wie seine Hölzer.

Die Skulpturen, die in seinem Wohnzimmer stehen, sind Unikate. Zwei auf einem Podest stehende verwobene Äste sehen aus wie umschlungene Tänzer. Ein rundes flaches Stück hat eine Maserung, die einen Edelstein neidisch machen könnte. Die Stücke tragen Titel wie „Ballerina“ oder „Anmut“. In einen Stock sind kleine Metallklumpen eingearbeitet, die er ebenfalls aus einem Bach gezogen hat. „Kunst ist für mich, wenn man etwas nimmt, das einen anderen Nutzen hatte und etwas Neues daraus erschafft,“ sagt Stowasser.

Doch am meisten beeindrucken die unbehandelten Hölzer. Pur, wie Wind und Wetter sie schliff. Holt man sich solch ein Stück nach Hause, erinnert es an die Wanderung, an diesen bestimmten Tag. Es füllt den Raum mit der Ahnung an Bäche, Wälder und Strände; solche Stücke besitzen eine eigene Persönlichkeit.

Viele Dekorateure sind von der Wirkung des Treibholzes angetan. Stowasser verkauft dementsprechend viele unbehandelte Stücke über seine Website. Dann war er nur Sammler, nicht Künstler. Das Holz wird dann für Messen, Filmsets oder Inneneinrichtungen verwendet. Kerzenleuchter, Windspiele – man gebe nur „Treibholz DIY“ in eine Suchmaschine ein, um herauszufinden, dass der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Seine Skulpturen verkauft Stowasser übrigens nicht online. „Man muss Kunst leibhaftig gesehen haben, bevor man wirklich weiß, welches Stück zu einem passt,“ findet er.

Für so ein kleines Stück Natur in der eigenen Wohnung muss man eigentlich nur hinaus- und mit offenen Augen durch die Natur gehen. Und was sagt es dann aus, über die Besitzer, so ein Stück Treibholz-Deko? Vielleicht, dass sie offenen Auges durch die Welt gehen; dass sie die Natur lieben und auch unperfekte Dinge schätzen; kreative Individualisten eben. [ct]

Zurück