„Eigentlich bin ich ein Spießer“

Julia Schuster

Fotos: www.bayern.by - Bernhard Huber

Tattoos, Heimatliebe und das Meer – Michael Thalhammer hat mit „Brandner & Kneißl“ seine Leidenschaften kombiniert und zum Beruf gemacht: Er ist der Lederhosen-Tätowierer von Sauerlach.

In seinem schwarzen, selbst designten T-Shirt lehnt Michael „Michi“ Thalhammer an einem verregneten Donnerstagmorgen lässig am Tresen seines Ladens, während Bruce Springsteen „Born in the USA“ aus der Musikbox grölt. Zahlreiche Tätowierungen zieren die Arme des Bayern, die Haare und der Vollbart sind zerwuschelt, ganz so, als sei er gerade erst aufgestanden. In seinem Laden „Brandner & Kneißl“ vereint Thalhammer seine Leidenschaften: Tattoos, Surfen und die Liebe zu Bayern. Mit etwas Kreativität hat es der 40-Jährige geschafft, eine spezielle Branding-Methode für Lederhosen zu entwickeln, die er sich sogar patentieren ließ. Außerdem kreierte er das Label „AlohaBavaria“, das verschiedene Strand-Accessoires vom T-Shirt über Sonnenbrillen bis hin zu Schmuck umfasst – alles in bayerischem Stil natürlich.

Bevor er aber Lederhosen tätowierte, war Thalhammer Gitarrist und Sänger der Wiesn-Band „Wuidara Pistols“. Deren Bühnenoutfits? Natürlich stets Lederhosen und T-Shirts! Damals wünschte sich der Musiker eine individuelle Lederhose und ließ sich diese mit dem Bandlogo – einem Totenkopf mit Gamsbarthut – besticken. Das Problem war, dass die Lederhose wegen der Bestickung sehr hart und unbequem wurde. Irgendwann gelangte Thalhammer an den Punkt, an dem er mit der Musik aufhörte, um mehr Zeit für seine Familie zu haben. Er erinnerte sich an seinen Großvater, der das Haus mit Holzbrettern als witzige Wegweiser versehen hatte. Die Worte brannte er eigenhändig ein. Daraus formte sich die Idee in Thalhammer Kopf, Lederhosen individuell zu tätowieren. Kurzerhand bestellte sich der Sauerlacher ein Tätowiergerät und testete es auf einem Stück Hirschleder. „Und das hat total geil funktioniert“, erinnert er sich. Ein paar Kleinigkeiten veränderte er allerdings an dem Gerät, um das Einbrennen zu perfektionieren. Der Vorteil an seiner Technik: das Leder wird nicht wie beim Sticken hart, sondern behält seine weiche Beschaffenheit. Nun wollte er aber nicht beliebige Lederhosen tätowieren. Also entwarf er eine bayerische Hirschlederne, die vom Schnitt her einer Boardshort ähnelt. „Das sieht einfach viel lässiger aus“, findet der Kreativkopf. So entstand der „bayerische Surfstyle“.

„Das ist übrigens mein Opa“, sagt Thalhammer und zeigt auf ein altes Schwarz-Weiß-Foto, das neben dem Tresen hängt. „Er hat das Bayerische wirklich mit Leib und Seele gelebt.“ Ein weiteres Foto zeigt den kleinen Michi Thalhammer, der stolz in seiner ersten Tracht posiert. Nach seinem Großvater benannte der Jungunternehmer sogar einen seiner Lederhosenschnitte: „Haritax“. Daneben gibt es noch zwei weitere Modelle: „Brandner“ und „Kneißl“. Alle drei kann man auf dem hölzernen Hobeltisch bewundern, der mitten im Laden steht. An den Wänden ersetzen aufgestellte Obstkisten die Regale, gefüllt mit T-Shirts, Jankern, Caps, Schmuck und weiterem. Der Name des Labels „AlohaBavaria“ steht auf den Shirts. „Das ist der bayerische Surfstyle, der mich widerspiegelt und den ich seit über 25 Jahren trage“, erklärt er. Dieser Stil entsprang der Liebe zum Meer, zum Strand und zum Surfen. Die Motive für seine Brandings sind vielfältig und richten sich ganz nach den Wünschen des Kunden. Vom bayerischen Edelweiß über einen Bagger bis hin zum indischen Gott Ganesha hat Thalhammer schon die verschiedensten Motive gebrannt. Damit wird jede einzelne Hose zum Unikat. Seine eigenen Lederhosen zieren die „Brandner & Kneißl“-Krone in Kombination mit einer Hibiskusblüte und das Logo von „Pearl Jam“, Thalhammers Lieblingsband.

Seit diesem Frühjahr gibt es auch eine Lederhose für Frauen. Das hat den gebürtigen Münchener etwas Überwindung gekostet. Denn: „Ich finde, eine Frau sieht im Dirndl viel zu gut aus, um sie in eine Lederhose zu stecken.“ Da die Nachfrage allerdings so hoch ist, erarbeitete Thalhammer eine Hirschlederne für Frauen im Schnitt einer Boardshort. „Man muss auch mal über den Tellerrand schauen. Ich sehe ja auch nicht aus, als wäre ich in einem Trachtenverein“, meint er grinsend. „Ich akzeptiere alle Traditionen und möchte genauso akzeptiert werden, wie ich bin.“

Tatsächlich ist Thalhammer studierter Sozialpädagoge. Nach dem Abitur arbeitete er erst als Zivil-dienstleistender und dann beruflich mit behinderten Kindern und Jugendlichen. „Ich habe diesen Job geliebt“, erzählt er. Irgendwann begann er, Musik und Gesang zu studieren. Das Studium musste er aufgrund einer schweren Kehlkopfentzündung jedoch abbrechen, woraufhin er zu den Kindern zurückkehrte. Irgendwann sagte er zu sich: „Michi, du musst jetzt endlich mal was machen, sonst bist du ein alter Dackel und hast keine Ausbildung“, erinnert sich Thalhammer. Der Schritt, Sozialpädagogik zu studieren war aufgrund seiner Erfahrung mit Kindern naheliegend.

Schließlich machte der Familienvater sein Hobby, die Musik, zu seinem Hauptberuf. Mittlerweile spielt er aber nur noch zuhause, zum eigenen Vergnügen. Er schreibt auch keine Songs mehr. Seine gesamte Kreativität steckt er in seinen Laden, wo er sich gemeinsam mit seiner Frau Christina neue Designs ausdenkt. „Mein Laden ist jetzt meine Bühne“, sagt Thalhammer. Dabei legt er großen Wert auf Qualität, gutes Leder aus der Region und hochwertige Verarbeitung.

Mit diesem Prinzip überzeugt er sogar traditionsbewusste Käufer. Nur das Lederhosen-Branding an sich übernehmen die beiden Tätowiererinnen, die mit dem passionierten Surfer zusammenarbeiten. Er entwirft zwar die Designs, kann sie aber nicht umsetzen. „Ich kann nicht zeichnen“, sagt er. In Sauerlach sei er im Übrigen „sensationell gut aufgenommen“ worden, freut sich der „Zuagroaste“.

Den Laden benannte er nach bayerischen Rebellen: dem Brandner Kaspar, der den Tod mit viel Schnaps beim Kartenspiel überlistete, und dem Räuber Mathias Kneißl, der ähnlich wie Robin Hood die Obrigkeit beklaute. Sich selbst bezeichnet Thalhammer jedoch nicht als Rebellen: „Ich sehe vielleicht so aus, aber meine vielen Tattoos habe ich, weil ich sie als Körperschmuck einfach schön finde.“ Die Begeisterung für bunte Haut entstand schon früh und wurde von tätowierten Musikern inspiriert. Kaum 18 geworden, ließ er sich sein erstes Tattoo stechen. „Heutzutage hat doch jeder ein oder zwei Tattoos. Ich wollte aber anders sein“, betont Thalhammer. Nach dem Prinzip „entweder richtig oder gar nicht“ entschied er sich dazu, sich „richtig tätowieren“ zu lassen und diesen Plan verfolgt er noch immer. Alles, wofür sein Herz schlägt, findet sich auch auf seinen Armen wieder: die Musik mit dem Logo der „Wuidara Pistols“, eine Gitarre, Palmen am Strand und der Name seiner Tochter sind nur einige davon. Kurioserweise sagt der überzeugte Punkrock-Fan von sich selbst: „Eigentlich bin ich ein Spießer.“

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