Die späten Vögel mampfen Wurst

Christian Topel

Fotos: Hans Wurst

Endlich! In Rosenheims erstem „Späti“ können Nachtschwärmer bis frühmorgens ihren Kohldampf stillen.

Achtung, für Früh-zu-Bett-Geher, Vegetarier oder Antialkoholiker eignen sich folgende Zeilen eher weniger. Wer hingegen Wurst, Fleisch und feuchtfröhlichen Nächten etwas abgewinnen kann, folge uns unauffällig. Wir tauchen ein in eine Gegend, die Rosenheimer Nachtschwärmer als „Bermudadreieck“ kennen. Vom Salzstadl und der dort beheimateten Stadtbibliothek aus nur einmal um die Ecke gebogen, schon reihen sich Bar an Bar, Club an Club – und seit ein paar Monaten hat sich auch ein gemütliches Kabuff dazwischengequetscht. Es schließt buchstäblich eine Lücke, indem es der bislang durch und durch dönerlastigen Spätnachts-Esskultur Currywurst und Burger – und bald auch Süß- und weiteren Kleinkram – entgegensetzt. Damit darf sich Rosenheim brüsten, wie Berlin oder Hamburg einen „Späti“ zu beherbergen. Nichts wie rein also, ins Vergnügen!

Ein Samstag im November, kurz nach 22 Uhr. Aus den Lautsprechern schallt „Hey now, you‘re a rock-star“, ein Song der amerikanischen Indie-Rock-Band „Smash Mouth“. Draußen, vor dem Tati´s und dem P2 Club, tummeln sich schon die ersten Rauchergrüppchen, im „Hans Wurst“ hingegen herrscht noch tote Hose. Hinter dem Tresen und somit am Bratherd werkeln heute Vincent und Bind. Recht viel mehr als deren Arbeitsbereich gibt es nicht zu sehen. In der Mitte des Raumes thront ein länglicher Holztisch mit ein paar Barhockern, an der Wand hängen drei Tischlein, ein weiteres schmiegt sich ans Fenster. In die dem Eingang gegenüberliegende Wand wurde ein geräumiger Kühlschrank eingelassen. Bier, Wasser, Cola – was braucht Partyvolk mehr? Nun ja, die erlesene Auswahl stimmungsaufhellender Schnäpse sollte nicht unerwähnt bleiben!Wir schnappen uns fürs Erste drei Bier und bestellen eine Runde Currywurst mit Pommes. Grundlage schaffen, wird ´ne lange Nacht...

Die brillante Idee zu diesem Hort für nächtliche Hungerleider hat die den Gebäudekomplex besitzende Flötzinger Brauerei gemeinsam mit Korbinian Vogl entwickelt. Korbinian kann man getrost als Rosenheims umtriebigsten Jung-Gastronomen bezeichnen. Der damals 21-Jährige hockte vor fünf Jahren noch an der TU München und studierte Elektrotechnik. Er habe aber schon zu dieser Zeit lieber hinter der Bar gejobbt, als vor ihr zu feiern, wie wir bei einem Gespräch im Flötzinger Bräustüberl erfahren. Der Ort ist nicht zufällig gewählt, sondern der Tatsache geschuldet, dass Korbinian vor zwei Jahren den – Wortlaut – „wunderbaren Christian Kressierer“ als Bräustüberl-Pächter beerbte. Korbinians Vorgänger hatte krankheitsbedingt aufhören müssen, der angehende Elektrotechniker indessen das in München nicht nur in Studentenkreisen beliebte Café im Vorhoelzer Forum bekannt gemacht. Dort habe er alles vorgefunden, was er sich von einer Arbeitsstätte erträumte, erinnert sich Korbinian. Die Gastronomie erwies sich als wesentlich spannender als das Studium. Also pausierte Korbinian fürs Erste, musste (beziehungsweise durfte) aber schon bald eine folgenschwere Entscheidung treffen. Die Hochschule Fresenius war auf das Vorhoelzer und die geschickten Betreiber aufmerksam geworden. Sie bot Korbinian an, eine zur Hochschule gehörende, brachliegende Gastro-Fläche in der Infanteriestraße zu beleben, die sich als Tages-café und Eventlocation eignete. Korbinian hängte das Studium endgültig an den Nagel und griff zu. „Das war mein Sprung in die Selbstständigkeit“, erzählt der Gastronom.

Samstag, so um Zwölf. Wir nuckeln unser drittes Bier, während wir eine philosophische Grundsatzdiskussion mit zwei Kerlen führen, die es, wie sie leicht nuschelnd erzählen, mal wieder vom Land nach Rosenheim geschafft haben. „30 Jahre gibt´s das Tati´s mindestens“, behauptet der eine und versucht, seine Überzeugung irgendwie anhand der im „Hans Wurst“ angebotenen Afri-Cola zu untermauern. „I woaß no, wia die pleite ganga san“, konstatiert er und beäugt mit glänzenden Augen die Flasche. Sein Kompagnon knabbert nur konzentriert an einer Currywurst und starrt ins Leere. Am Tresen scharen sich eine Horde junger Frauen um das Glücksrad. Ein von Korbinian erdachter Kniff, der das Schnapstrinken in ein Spiel verwandelt und die Wartezeit auf Süßkartoffel-Pommes in gackernde Fröhlichkeit verflüssigt. Wir fragen uns, ob die Damen weniger schnapseln müssten, wenn sie ihre Hosen im tiefsten Winter nicht über die Knöchel hochkrempelten oder zumindest Socken trügen. Aber gut, vielleicht fehlt es uns auch nur am Östrogen im Blut, um das Phänomen des „Flanking“ zu verstehen. Oder haben wir selbst einfach zu wenig Schnaps intus? „Platz da, wir wollen auch mal drehen!“, rufen wir und stürmen nach vorn.

Wie kam Korbinian nach Rosenheim? Zufällig hatte er den gleichen Steuerberater wie Christian Kressierer. Brauerei und scheidender Bräustüberl-Pächter folgten der Empfehlung jenes Mannes und überzeugten den aufstrebenden Gastronom, die Rosenheimer Traditions-Gaststätte zu übernehmen. Das funktionierte so gut, dass Flötzinger auch auf Korbinians Kreativität setzte, als die Brauerei das Viertel am Roßacker weiter aufwerten wollte. Aufgabe: Ein Objekt zu schaffen, in dem der qualitative Bierumsatz im Vordergrund steht. Korbinians Lösung: das „I´m Irish“, Rosenheims jüngster Irish Pub. Ob sich das nicht mit der Philosophie einer heimischen Brauerei beißt? „Gar nicht!“, betont Korbinian. Ob Guinness oder Flötzinger Hell, in der Summe lernen die Besucher einfach gutes Bier zu schätzen.

Samstag, kurz nach zwei. Bind brutzelt Burger wie am Fließband. Die Bude ist jetzt so rappelvoll wie ein Regionalzug zur Stoßzeit. Aus den umliegenden Clubs wanken scharenweise hungrige Mäuler ins Hans Wurst. Nach Bob Marley versuchen inzwischen die Red Hot Chilli Peppers das Gejohle der Gäste am Glücksrad zu übertönen. „Californicaaaaatiooon“, krächzt Anthony Kiedis; „Yeeeeah, Gratisrunde!“, kreischt ein Kerl mit viel zu großem Kappi auf der Birne. Er entscheidet sich für Jägermeister, was wir für eine reichlich uninspirierte Wahl halten angesichts des reichhaltigen Angebots. Wir haben uns schon Bärwurz, Dos Mas, Enzian, Frangelico und Tequila schmecken lassen! Vielleicht zeigt Tino deshalb dieser hübschen Blondine die kalte Schulter, obwohl die ihn seit einer gefühlten halben Stunde mit wollüstigen Blicken bewirft? Irgendjemand muss hier auch mit Pommes herumwerfen, zumindest lässt der Boden die Vermutung zu. Unsere Stimmung steigt weiter, als alte Bekannte hereinspazieren. Lena jagt einen aus der Clique mit dem Fotoapparat um den Tisch, Tino zeigt etwas mehr Anstand und holt Bier. Wir sind schließlich nicht zum Schussern da!

Der Hans Wurst war in der Literatur eine Art Tunichtgut. Eine Kasperlfigur, die sich als Schimpfwort in die Gegenwart gerettet hat. Der zur Wiesnzeit 2017 eröffnete „Späti“ gleichen Namens mag zwar zu später Stunde auch komische Gestalten beherbergen, das kleine Nachtlokal erweist sich aber schon jetzt nicht als Lachnummer, sondern als Geniestreich. Korbinian jedoch gibt sich bescheiden. Die Idee, vermutet er, dürften schon andere gehabt haben. Brauerei und er hätten halt das Glück gehabt, nach dem Auszug eines Friseurs im brauerei-eigenen Gebäude die ideale Location vorzufinden. Und so brachte der kreative Kopf das Prinzip des „Spätis“ in die Provinz. Eins ist Korbinian dabei wichtig: Obwohl die meisten Gäste natürlich leicht oder heftig einen sitzen haben, wenn sie der Hunger ins Hans Wurst schwemmt – „Wir servieren nur Qualität!“ Würste von der Metzgerei Holnburger beispielsweise; beste Burger-Pattys; handgemachte Soßen. Und die „Speisekarte“ sei keineswegs in Stein gemeißelt. Künftig seien Kooperationen mit Pop-up-kitchens möglich, Themenwochen, Weißwürste, Mitternachts-Gulaschsüppchen – der Kreativität sollen keine Grenzen gesetzt werden. Und wie es sich für einen echten Späti gehört, kommt bald das obligatorische Kiosksortiment dazu. Damit nicht genug, beteiligt sich das Hans Wurst ab kommendem Sommer an der Bestuhlung des Hinterhofs. Zusammen mit den umliegenden Lokalen errichte man eine richtig lauschige Gasse, verrät Korbinian. Wer hätte das gedacht: Da träumt Rosenheim jahrelang von Großstadtflair und dann ist es so ein unscheinbarer Hans Wurst, der es verwirklicht.

Samstag. Weit nach zwei. Die meisten Typen tauchen plötzlich nur mit T-Shirt bekleidet auf. Klar, inzwischen feiern sie schon eine ganze Weile, das erhitzt die Gemüter. Früher hätten sie auf dem Heimweg beim gelben Fastfood-Giganten gehalten, heute hüpfen sie einfach aus dem P2 Club rüber ins Hans Wurst, um sich sich eine Currywurst für Zwischendurch reinzupfeifen. Wir (und viele andere) haben längst das Glücksrad durchgespielt. Bratfett und Stimmung am Siedepunkt. Was sagt die Regel? Man soll aufhören, wenn‘s am schönsten ist. Torkeln wir also heimwärts, Freunde. Bis nächsten Samstag, oh du wunderbarer Späti! 

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