Die Kunst der stundenlangen Starre

Christian Topel

Fotos: J. Simon, Katja Schubert, Mario Moritzen, Nomi Baumbartl

Tanja Wilking arbeitet als Aktmodel.
Gedanken über Körpereinsatz im Namen der Kunst.

Meine oberbayerische Heimat, schön ist sie. Auf dem Land, in der Stadt oder in den eigenen vier Wänden. Tradition. Vielfalt. Der kreativen Neugier und wundervollen Umgebung ist es zu verdanken, dass gerade im bayerischen Raum viele Kunstakademien angesiedelt sind. Sie bieten Neues, aber auch Weitergabe von Konventionellem. Eines, das sowohl Innovatives als auch Beständiges beinhaltet, ist das Aktzeichnen, -malen oder -modellieren. Und ich als Aktmodell bin Teil davon.

Angefangen habe ich in Niederbayern vor genau 22 Jahren, siedelte dann nach Oberbayern über und bin seit einiger Zeit im ganzen Bundesgebiet tätig – als „Rodinmuse“, die quasi meine Marke darstellt und mittlerweile auch patentrechtlich geschützt ist. Da ich mich bei meinem Debüt an der Uni Passau anscheinend nicht dumm, sondern kreativ und sportlich anstellte, wurde ich immer öfter an andere Künstler, Volkshochschulen und private Kunstschulen weiterempfohlen.

In München war mein erster Kontakt die Akademie der Bildenden Künste. Das ist 16 Jahre her. Dort fragte mich eine Dozentin irgendwann, ob ich auch an Sommerakademien tätig wäre. Dank meiner guten Recherchefähigkeit als ausgebildete Journalistin, fand ich beim Durchforsten des Internets viele im bayerischen Raum gelegene Akademien, die täglich oder wochenweise Aktkurse im Zeichen, Malen bis zum Modellieren anbieten. Ins Berchtesgadener Land, an den Chiemsee oder nach Neuburg an der Donau, Kempten oder Freyung, überall fahre ich hin, überall bin ich Vorlage für künstlerische Interpretationen. Reichenhall, Aschau, Stephanskirchen und neuerdings auch Kolbermoor, ich kenne und mag sie alle, diese Kunstakademien mit teils sehr persönlichem, teils diszipliniertem akademischen Charme.

Warum ich nach den ersten Malen als Akt in Passau weitermachen wollte (erst neben dem Studium, dann zusätzlich zu meiner beruflichen Tätigkeit und seit 9 Jahren als alleinige Einnahmequelle) werde ich oft gefragt. Eine qualifizierte Antwort kann ich darauf auch nach über 20 Jahren im „Aktbusiness“ nicht geben. „Es hat sich so ergeben“, „Umstände haben dazu geführt“, „Mir hat es irgendwie gefallen“ kann ich nur sagen. Wobei nicht falsch verstanden werden darf, dass mir das Nacktsein auch nach dieser langen Zeit nicht komplett „normal“ erscheint. Ich habe mich allenfalls an den nackten Körper mit seinem Kunstbezug gewöhnt, trenne jedoch immer noch strikt zwischen beruflicher und privater Nacktheit, obwohl es sich ja augenscheinlich um denselben Körper handelt.

Als Modell für die Kunst bleiben meine langen Haare im Dutt oder hochgesteckt, bei Fotografen gibt es lediglich dort Ausnahmen, wo ich demjenigen vor der Linse extrem vertraue. Warum? Weil offene blonde Haare einer nackten Frau nicht in erster Linie in ästhetischem Kunstverständnis gesehen werden und da möchte ich trennen. Der nackte Körper reicht vollkommen zu schöngeistigen Aussagen. Die offenen Haare sind mein Privatvergnügen – mit Kleidung oder im Freibad beim Schwimmen. Auch nackt auf dem Podest bleibe ich beruflich. Privat beim Ausgehen oder auf Reisen haben Miniröcke bis knapp unter den Po oder ein sehr offenherziges Dekolleté bei mir nichts zu suchen. Es wäre dem Anlass nicht entsprechend und ich möchte mit solch einem offenen Körperkult auch nicht auf diesen aufmerksam machen oder gar provozieren. Insofern ziehe ich privat eine klare Linie zu meiner Arbeit als Aktmodell.

Warum ich diesen „Beruf“ (es ist ja keine Tätigkeit, die man durch Ausbildung oder in Workshops erlernen könnte) sogar als Haupttätigkeit betreibe, hat zumindest mit der Ehrlichkeit dieser Arbeit zu tun. Auf dieser Art „Bühne“ vor Studenten, Künstlern und Malgruppen kann sich niemand verstecken – schon gar nicht den eigenen nackten Körper. Es ist eine der wenigen wirklich ehrlichen Betätigungsfelder. Wer sich seiner Person, seines Aussehens oder Auftretens nicht sicher ist, nicht weiß, was er oder sie da oben auf dem Podest überhaupt soll, der hat dort auch nichts verloren. Damit ist selbstverständlich nicht der Aktmodell-Anfänger gemeint, der sich die eigene Besonderheit und seine Erfahrung erst noch erarbeiten und sie dann behaupten muss. Unerfahrener Anfänger war jeder einmal, selbstverständlich auch ich. 

Mit der oben erwähnten Kategorie sind Modelle gemeint, die ihren Körper zur Schau stellen möchten und narzisstisch veranlagt sind, Modelle, die sich nur profilieren wollen, aber keine Position halten können. Diese Ansichtsexemplare arbeiten nicht für die Symbiose zwischen den vor ihnen sitzenden oder stehenden Leuten, sie produzieren sich bestenfalls, um sich selbst besser zu fühlen. Ehrliche Arbeit beinhaltet jedoch auch unheimliche Anstrengung: körperliche in Bezug auf Wahl und Kreativität der Positionen ebenso wie mentale, um herauszufinden, was der Künstler vor einem braucht oder durch den inspirierenden Umgang mit einem Aktmodell erreichen möchte. 

Fingerspitzengefühl ist gefragt, Empathie und die Wahrnehmung der Bedürfnisse anderer. Durch
Erkennenkönnen, was die andere „Seite“ schöpferisch bewegt, laufe ich zu Höchstform auf: Ich traue mir körperlich gewagtere Haltungen zu, erkenne aber auch Unsicherheiten eines künstlerischen Anfängers, dem ich dann doch eher einfachere und „klassische“ Positionen bieten möchte, damit er den ganzen Menschen versteht und Erfolgserlebnisse verzeichnen kann. All dies ermöglichen mir insbesondere die verschiedenen Akademien in Oberbayern. Die Teilnehmer haben die unterschiedlichsten Hintergründe und Handhabungen, malen, zeichnen oder modellieren auf ganz individuellem Niveau. Jeder von ihnen hat es verdient, an einem guten Aktmodell studieren zu können, sich von ihm inspirieren zu lassen. Ich bin Objekt für Subjektives. Aber auch ein bisschen Eigennutz spielt eine Rolle, denn es ist bezahlter Sport und vergütete Ruhe. Fünf Stunden täglich – manchmal eine gesamte Woche – kann sehr fordernd werden, ist aber unheimlich bereichernd und honorierend für mich, wenn ich Erschöpfung, gleichzeitig aber auch ungeahnte Freude und Zufriedenheit in den Augen, im ganzen Gesicht der Teilnehmer sehen kann. 

Dafür lohnt sich die Anstrengung, sie gibt auf anderem Wege zurück, was das Aktmodell körperlich bereit ist zu geben und lässt auch mich meine Nacktheit im Sinne einer entblößten Person dann doch oft vergessen.

www.rodinmuse.de

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