Der Rosenheimer Lederhosenwäscher

Nina Bufalino

Fotos: Andreas Jacob

So ein Schmarrn! Mit dem Mythos, dass man eine echte Hirschlederne nicht waschen dürfe, räumt Herbert Greiner sauber auf. 

Mit dem ledernen Erbstück vom Urgroßvater fing alles an. Schmutzig war das geradezu antike Teil, doch zu groß gleichzeitig die Ehrfurcht, säubernd Hand anzulegen. Denn ob man eine Lederhose reinigen darf oder nicht, das ist seit vielen Jahrzehnten ein umstrittenes Thema. „Unter gar keinen Umständen“ lautet das unverrückbare Credo vieler treuer Trachtenfans, die jene Weisheit zwar nicht mit dem Löffel gefressen, aber doch von früheren Generation überliefert bekommen haben. Es heißt, das Leder werde danach unweigerlich starr und spröde. 

Wer das gute Stück nach einem Wiesnbesuch jedoch genauer inspiziert, dem wird schnell klar, dass die Leute früher unter Umständen eine höhere Toleranzgrenze in Sachen Schmutz und Gestank hatten. Festzeltmuff, Senf-flecken, Zigarrengestank und weitere, aus Gründen des Jugendschutzes an dieser Stelle nicht näher zu identifizierende Unreinlichkeiten geben sich ein Stelldichein. 

„Muss die Hose wirklich stehen vor Dreck“, fragte sich der Greiner Herbert also. Und entschloss sich frischforsch, mit einer günstig ersteigerten Hirschledernen das Experiment „Lederhosenwaschen“ im Versuchsmodus und vorerst risikofrei anzugehen. Er hat bei alten Bäuerinnen nachgefragt, viel ausprobiert und schließlich eine Methode entwickelt, mit der man dem Dreck an den Kragen respektive Hosenbund geht: flüssige Schmierseife, sauberes Regenwasser, ein wenig Schmalz (im Sinne von Kraft) und Geduld – mehr braucht‘s nicht, hat der Greiner Herbert herausgefunden und kann darum sagen: „Des is a Schmarrn, dass ma a Ledahosn ned waschen ko!“ 

Der Rosenheimer hat eine Rezeptur ertüftelt, die das lederne Lieblingsteil reinigt, ohne ihr Charakter, Seele oder gar Geschmeidigkeit zu rauben. Seit sieben Jahren wäscht er nun schon Lederhosen – „Hirschlederne, aber a Gamslederne und Elchlederne“, wie er sagt. Und zwar längst nicht mehr nur für den Eigenbedarf. 

„I woass, wia ma so a Hosn gscheit wascht, dass sauber und wieda schee woach wird“, betont der drahtige 70-Jährige. Sogar „ganz Gstarrige“ bekomme er sauber und meist auch wieder butterweich. Kein Wunder, dass ihm Bierzeltbüffel und Trachtenvereins-Vorstände die Bude einlaufen. Zufriedene Kunden gibt es massig. An die 200 Lederhosen im Jahr wäscht der ehemalige Vermögensverwalter inzwischen. Und am liebsten, sagt er, wäscht er uralte, bestickte Lederhosen. Die sind auch was fürs Auge.  

Dann schwenkt er kurz ins Neudeutsch: „Die Performance der Wertsteigerung funktioniert beim Lederhosenwaschen deutich schneller!“, sagt er und grinst sich einen. Soll heißen: Aus einem harten, versifften und scheinbar wertlosen Stück Leder zaubert er mit seiner Lauge eine wertvolle und tragbare Antiquität. 

So einfach wie das klingt, ist es aber nicht. Denn: Die Luftfeuchtigkeit muss passen, sonst haben Reinigung und Trocknung keine Chance. Nach der Waschung wringt der Greiner Herbert die Hosn mit behutsamer Urgewalt aus und legt sie in den Schatten. Auf ein Tuch gebettet wischt er mit einem zweiten Tuch die verbliebene Feuchtgkeit ab. Damit die Hose nacher wieder genau passt, hat er sie übrigens vorher vermessen und zieht sie nach dem Waschgang wieder genauestens in Form! Doch das alles gelinge nur bei niedriger Luftfeuchtigkeit und ein bisserl Wind! 

Wer meint, er wäre nun tief genug in das Geheimnis eingestiegen, der kann die ausführliche vierseitige Waschanleitung für 2,50 Euro beim Greiner Herbert käuflich erwerben und seine Lederhose selbst auf Vordermann bringen. Für die Eigen-Waschung übernimmt er aber keine Gewähr, gä!

Seit seiner Pensionierung vor mittlerweile sieben Jahren hat sich der Greiner Herbert dem Lederhosenwaschen nun schon verschrieben. Der Spaß an der Arbeit wird nicht weniger und seine Kunden kommen längst aus allen Teilen des Erdballs. Satte vierzig Prozent stammen aus dem Ausland, die meisten von ihnen Brasilianer – aber auch Japaner, Amerikaner und Australier sind dabei. Und natürlich eine Menge Prominenz – vom Wiesenwirt bis zum bayerischen Schlagerbarden ist so ziemlich alles vertreten. Bringt man neben der schmutzigen Hose auch ein wenig Zeit mit, dann versorgt einen der Greiner Herbert mit einer Menge skurriler Anekdoten. Eine Geschichte ist jedoch besonders berührend. Sie handelt von einem Jäger, der sich seinen erschossenen Jagdhund auf den Schoss gelegt hatte. Die Lederhose diente als Sterbebett des blutenden Vierbeiners. Auch diese geschichtsträchtige Hose hat Rosenheims Lederhosenwäscher wieder tragbar gemacht.  

www.lederhosenwaschen.de

 

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